Berlin hat es beschlossen: Haupt- und Realschulen werden abgeschafft.

Ab dem kommenden Schuljahr bekommt die Landeshauptstadt ein zweigliedriges Schulssystem. Nach der sechsjährigen Grundschule kann nur noch zwischen der Sekundarschule und dem Gymnasien gewählt werden. Dies beschloss vergangene Woche das Berliner Abgeordneten mit den Stimmen von SPD und Linke, die die Mehrheit im Parlament bilden.
Der Schritt in die richtige Richtung wurde getan. Der bildungspolitische Sprecher der Fraktion der Linken Steffen Zillich sagte, das Stigma „Du bist Hauptschüler“ werde es nicht mehr geben. Die Reform sei notwendige denn „die schulischen Ergebnisse sind einfach zu schlecht, sowohl in der Spitze, als auch im Durchschnitt und vor allem bei Schülern, die es besonders schwer haben.“ Für Zillich ist „das bisherige Schulsystem schlicht ungerecht“. Denn vor allem sozial benachteiligte Schüler würden zu selten das Abitur machen. (Selbstverständlich) stimmten FDP und CDU gegen den Beschluss, da sie eine Schwächung des Gymnasiums kommen sehen. Die Grünen enthielten sich im Parlament an der Abstimmung, u.a. weil das Sitzenbleiben am Gymnasium bestehen bleibt.
Derzeit besuchen insgesamt 40.000 sind die Gesamtschule, 21.000 sind an Real-, 12.000 an Hauptschulen und 79.000 Schüler auf Gymnasien. Ab dem Schuljahr 2010/11 werden die drei Schulformen Gesamt-, Haupt- und Realschule zusammengelegt zu den „neuen“ Sekundarschulen. Eltern können dann wählen, an welche Schulform ihre Kinder nach der gemeinsamen sechsjährigen Schulzeit kommen. Die Empfehlungen der Lehrer sind für sie nicht bindend. Erwartet wird allerdings, dass der Ansturm an das Gymnasium weiter steigt. Schon heute treffen an 45% der Gymnasien mehr Bewerber auf freie Plätze.
Die Reform wird mit rund 25 Millionen Euro an zusätzlichen Mitteln finanziert, laut Linke-Sprecher Zillich. Begünstigt werden dabei Schulen mit hohem Anteil von Kindern aus Einwandererfamilien und sozial schwachen Familien. Der berliner Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner (SPD), kündigte an, dass für die neuen Schulen bis zu 400 Extra-Stellen für Lehrer, Sozialarbeiter und Erzieher geschaffen würden. Zudem soll ein Losverfahren die faire Platzvergabe an Gymnasien gewährleisten. So werden 60 Prozent der Plätze an Gymnasien nach eigener Wahl der Schule vergeben, 10 Prozent werden an Härtefälle wie Geschwisterkinder freigehalten und der Rest, also 30 Prozent verlost. Laut Zöllner soll so eine bessere soziale Durchmischung gewährleistet werden können und „soziale Inseln“ vermieden werden. Was mit den Schülern passiert, die an ihrer Wunschschule keinen Platz bekommen steht noch nicht fest. „Die Modalitäten müssen noch geklärt werden“, so Jens Stiller, Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung.
Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der Berliner CDU bezeichnet das Losverfahren als „ein Verbrechen an schwachen Schülern“. „Die werden an ein Gymnasium geschickt und müssen dann nach dem Probejahr wieder runter und erfahren, was Scheitern bedeutet“, sagte er.
Der erste Schritt in die richtige Richtung
Eltern wünschen sich für ihre Kinder die bestmögliche Bildung und Ausbildung und hoffen, dass bestehende Bildungssyteme und kommende Reformen diesem Ziel so nah wie möglich kommen. Den Schritt in die richtige Richtung haben Berlin mit seinem Beschluss und auch Hamburg mit seiner Ankündigung in ein zweigliedriges Schulssytem getan. Die Hansestadt sieht sich jedoch erheblichem Widerstand aus konservativen politischen Reihen und verängstigten Eltern ausgesetzt, die an dem alten mehrgliedrigen System festhalten wollen.
Doch für dieses versteinerte Haltung gibt es keine wissenschaftliche Rechtfertigung, denn selektive Bildungssysteme sind verantwortlich für das scheitern der Ziele, die das Bildungssystem verfolgen sollte. Länder wie Deutschland und Österreich, in denen mehrgliedrige Schulsysteme bestehen, zeigen die schwächsten Ergebnisse bei PISA. Die von der OECD erhobene Studie belegt, dass in diesen Ländern der Bildungserfolg nicht von den Fähigkeiten der Schüler, sondern vor allem vom sozialen Hintergrund abhängt. Es wurde von der OECD eine klare Empfehlung gegen ein selektives Bildungssystem ausgesprochen. PISA ist schon lange bekannt und die Empfehlungen, die sich zum einen aus dieser Studie ergeben haben und zum anderen von Forschungsergebnissen hochdekorierter Didaktiker und Professoren der Erziehungswissenschaften bestätigen lassen, wurden seit Jahren und Jahrzehnten durch Politik und Kapital unterschlagen. Diese ignorante Haltung wird nun endlich durchbrochen und findet langsam aber konsequent Einhalt in den Köpfen der Betroffenen. Denn der Wunsch nach Gerechtigkeit besteht in allen Menschen und die Macht des Eigennutzens, den das Kapital für sich und andere vertritt, muss daher überwunden werden. Denn es ist die Wirtschaft, die eine Elite fordert, die in Gymnasien geschult werden soll, und Hauptschulen für die Ausbeutung und Erzeugung von Produktionsfaktoren nutzen und beibehalten wollen. Es ist der Verdienst solcher Menschen, die für eine chancengleiche und –gerechte Bildung einstehen, dass dieser Schritt nun in Berlin geschehen wird. Der Druck war nun groß genug, um ihn zu gehen. Doch das darf nur der Anfang sein.
Der Erfolg von Schülern im Bildungssystem hängt ganz deutlich vom gemeinsamen Lernen aller Schüler in einer einzigen gemeinsamen Schule ab, in der es Schülern möglich gemacht werden muss an einem Ort ihr angeborenes Verlangen nach Wissen zu fördern und zu fordern. Denn Schule ist ein Spiegelbild der Gesellschaft und diese ist nun mal nicht homogen. Wenn wir uns als Teil dieser Gesellschaft verstehen, und das tun wir ganz sicher, und wenn wir erkennen das Gerechtigkeit gelebt werden kann und muss, dann ist es unser Ziel als Gesellschaft gegenwärtigen und kommenden Generationen die bestmögliche Bildung zu bieten.
Die Politik zeigt, wie willkürlich sie mit diesem Bedürfnis umgeht, beispielsweise ob vier, fünf oder sechs Jahre Grundschulzeit, hat keinen pädagogischen Hintergrund. Sicher war man sich angeblich nur, dass eine Selektion notwendig ist. Dieser Behauptung zeigt sich jedoch immer wieder als ein Trugschluss und begünstigte nur die soziale Spaltung. Wenn Politik nicht durch Wissenschaft, sondern durch Wirtschaft gelenkt wird, müssen gesellschaftliche Kräfte gebündelt werden, die die Entwicklung vorantreiben, wie es in Berlin geschehen ist und noch viel weiter. Das Potential ist da, denn drei große Bildungsstreiks, an denen sich Schüler und Studenten, Lehrer und Eltern, Gewerkschaften und Organisationen beteiligt haben, zeigen mit ihren Forderungen (u.a. „Abschaffung des selektiven Bildungssystems“), dass größere Schritte gegangen werden können und müssen bis hin zur „Einer Schule für Alle“. Denn nur dort kann man dem Prinzip, das beispielweise in Skandinavien herrscht,  gerecht werden: „Jedes Kind ist wichtig – keines bleibt zurück“.

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