Das Spiel der neuen Diplomatie. Die Spannungen zwischen Ankara und Tel Aviv

Auf dem Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos im Februar 2009 löste die sog. „one minute“-Krise eine Phase der Spannungen zwischen Israel und der Türkei aus. In der Debatte um den Gaza-Krieg wurde dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan aus „zeitlichen“ Gründen verweigert, auf das Plädoyer seines israelischen Staatskollegen zu antworten. Perez rechtfertigte darin den Militärangriff. „One minute, one minute!“ Mit diesen Worten versuchte Erdogan seine Redezeit einzufordern. Der Versuch endete jedoch im Eklat. Erdogan verließ wutentbrannt das Podium, brach prompt seinen Besuch in Davos ab und inszenierte sich anschließend als vermeintlicher Held.

Eine Wiederholung der Ereignisse in Davos zeichnet sich derzeit in Ankara und Tel Aviv ab. Auf einer Pressekonferenz mit dem libanesischen Ministerpräsidenten Hairi in Ankara, kritisierte Erdogan scharf die erneuten Angriffe Israels im Gazastreifen. Die Reaktionen aus Israel kamen rasch. Erdogans Worte wurden als „unverschämte Äußerungen“ zurückgewiesen. Es folgten unmissverständliche Warnrufe; „Die Türken sind die Letzten, die dem Staat Israel eine Predigt halten können.“ Für weiteren Zündstoff sorgte hingegen die türkische TV-Serie „Kurtlar Vadisi“ (Tal der Wölfe“), in der aktuell die israelische Haltung gegenüber der arabischen Bevölkerung kritisiert wird.

Die diplomatische Krise beider Länder schien zu eskalieren, als der türkische Botschafter in Tel-Aviv zum Außenministerium zitiert und vor laufenden Kameras bloß gestellt wurde. U.a. wurde dem türkischen Botschafter ein üblicher Handschlag vor der Presse verweigert. „Die Behandlung des Botschafters ist schamlos und erniedrigend“, protestierte die türkische Regierung.

In der modernen Diplomatie sind derartige Formen der Provokation und Härte noch selten. Schwieriger wird es, diese Form des diplomatischen Umgangs zwischen Israel und der Türkei zu verstehen. Beide Länder hatten bislang keine schwerwiegenden Probleme. Manche Kolumnisten bewerten diese Auseinandersetzung als „Bruch“ der Beziehungen. Die Türkei ist innen- als auch außenpolitisch von den USA und dem Westen abhängig. Israel hingegen „genießt“ aufgrund seiner geopolitischen Lage die besondere Fürsorge der USA. Deshalb wird die Krise zwischen den Staaten nicht zum Stillstand führen.

Einige Beobachter meinen wiederum, dass der israelische Außenminister Liebermann eine aktive Türkei in der Region nicht dulden will, während Verteidigungsminister Barak und Ministerpräsident Netanyahu ihre Beziehungen zu Türkei weiter ausbauen möchten. Etwas Wahrheit steckt in jeder Beurteilung. Es hat auch damit zu tun, dass der türkische Ministerpräsident aus einem Kreis stammt, dessen Feindlichkeit sich nicht nur gegen den Zionismus richtet, sondern insgesamt gegen Israel. Die wesentlichen Faktoren, die die Beziehungen beider Staaten bestimmen, sind jedoch:

1) Die Türkei strebt eine regionale Vormachtsstellung an, wenngleich dieses Ziel derzeit nur innerhalb des Landes propagiert wird. Die Attacken des türkischen Ministerpräsidenten sind Teil dieses Machtkampfes. Darum kritisiert er Israel immer wieder und er wird das weiterhin tun.
2) Für Israel ist die Türkei einziger Verbündeter in der Region. Zwischen den Militärs beider Staaten existieren jahrelang regierungsübergreifende  und enge Beziehungen.

3) Beide Länder sind durch die Strategie der USA in der Region miteinander verbunden. Die Spannungen werden die von den USA gesetzten Grenzen nicht überschreiten. Mittelfristig werden die Spannungen beider Staaten andauern. Zumal die Beziehungen zum Iran für die Türkei momentan noch „reizvoller“ sind.

Die Regierung Erdogan´s wird weiterhin gegenüber Israel an seiner Heldenpose festhalten. Selbst, wenn die Regierung einlenken würde, wird die AKP (Regierungspartei) seine bisherigen Unternehmungen nicht unterlassen. Das könnte ihr Vorteile schaffen.

Ihsan Caralan

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