Mythen, Nazis, Blockaden – Dresden 2010

Bundesweit laufen die Vorbereitungen der Proteste gegen den Naziaufmarsch.
Anlässlich des 65. Jahrestages der Bombardierung von Dresden wollen am 13. Februar Tausende von Neonazis durch Dresden marschieren. Sie haben vor, mit Parolen vom „Bombenholocaust“ die alliierten Luftangriffe auf eine Stufe mit der Shoa zu stellen. Bundesweit laufen die Vorbereitungen der Proteste gegen den Naziaufmarsch.

Mythos Dresden
Am 13. und 14. Februar 1945 bombardierten britische Luftstreitkräfte in zwei Angriffswellen die Dresdner Innenstadt. Dabei wurde ein Großteil der Innenstadt vor allem durch entstehende Brände zerstört. Dresden war zu dieser Zeit der wichtigste Verschiebebahnhof für die näher rückende Ostfront und militärische Industriestadt mit großen Rüstungsbetrieben und Kasernen in den Vorstädten, aber gleichzeitig auch Lazarettstadt. […] Von Beginn an entstand der Mythos von einer einzigartigen und unschuldigen Stadt, die plötzlich vernichtet wurde. Rasch verbreiteten sich durch die Goebbelsche Propagandamaschinerie Zahlen von mehreren Hunderttausend Toten um die Welt. Die Zahlen hielten sich, in ähnlichen Größenordnungen, jahrzehntelang im öffentlichen Erinnerungsdiskurs, wurden später auf 35.000 und erst in jüngster Zeit durch eine von der Stadt einberufene Historikerkommission auf 18.000 bis maximal 25.000 Tote korrigiert. Seitdem steht zunehmend die offizielle Erinnerungspolitik der Stadt Dresden in der Kritik, die jahrelang mit einseitiger Opferdarstellung in ihren Gedenkveranstaltungen nicht nur dem Mythos Vorschub leistete, sondern auch die aktive Teilnahme von Nazis duldete. […]

Nazi-Event Nr. Eins
Im Zusammenhang mit dem 13.02. versuchten erstmals 1998 ca. 40 Nazis – aufgrund polizeilicher Maßnahmen vergeblich – zur Frauenkirche zu marschieren. Im folgenden Jahr wurde von der Jungen Landsmannschaft Ostpreußen (JLO) ein Fackelmarsch in den Abendstunden des 13. Februar angemeldet, an dem sich etwa 200 Nazis beteiligten. Bis 2003 blieb es dabei, dass die JLO am 13. Februar einen Aufmarsch anmeldete, an dem jedes Jahr mehr Nazis teilnahmen, 2003 waren es bereits 1.000. Im Jahr 2004 wurde der Aufmarsch erstmals nicht am 13. Februar, sondern am Wochenende davor durchgeführt, damit auch Nazis mit längeren Anreisewegen daran teilnehmen konnten. Das Konzept ging auf, und 2.100 Nazis zogen, von einem schwachen Polizeiaufgebot begleitet, durch die Stadt. In den letzten Jahren wuchs die Teilnehmerzahl auf 7.000 mit europaweiter Beteiligung an. […]
Nicht nur die Größe des Aufmarsches, auch die Gewaltbereitschaft der Nazis nimmt zu. So wurden vor, während und nach den Protesten 2009 Andersdenkende angegriffen, beispielsweise ein Bus der Gewerkschaft auf der Rückfahrt. Fünf Personen wurden hierbei zum Teil schwer verletzt.

Antifaschistischer Protest
Der Naziaufmarsch gewann in der extremen Rechten immer mehr an Bedeutung und professionalisierte sich, wohingegen der antifaschistische Protest weit hinter den Möglichkeiten zurückblieb, nicht zuletzt aufgrund massiver Parteinahme der Dresdner Stadtverwaltung, die den Nazis jegliche Routen erlaubte und bürgerliche bis antifaschistische Proteste beschränkte.
Durch die Gründung des antifaschistischen Bündnisses „No Pasarán“ vor zwei Jahren kehrte Dresden auf den Mobilisierungskalender der bundesweiten Antifa-Bewegung zurück. Im Februar 2009 folgten 4.000 Menschen dem Aufruf von „No Pasarán“ und lieferten den Beweis, dass Dresden kein verlorenes Terrain ist. Auch ein wichtiger Teil der Dresdner Zivilgesellschaft hat den Protest gegen den alljährlichen Naziaufmarsch auf ihre Agenda gesetzt, so dass die Gesamtzahl der GegendemonstrantInnen erstmals die Zahl der Nazis überschritt. Wenn auch die Proteste 2009 noch getrennt verliefen, so mehren sich doch nach der Auflösung des bürgerlichen „Geh-Denken“-Vorbereitungskreises die Stimmen, ab 2010 endlich gemeinsam zu agieren. Auf einer bundesweiten Aktionskonferenz im November in Dresden, zu dem „No Pasarán“ geladen hatte, und an der 250 Mitglieder u.a. vom DGB, der Linkspartei, der Antifa und vielen weitere Initiativen teilnahmen, wurde dann auch ein gemeinsames solidarisches Vorgehen gegen den Naziaufmarsch beschlossen und zu Massenblockaden aufgerufen, an der jede und jeder teilnehmen können soll. Mit der Gründung von „Nazifrei – Dresden stellt sich quer“, einem Zusammenschluss von Parteien, Initiativen und Vereinen aus Dresden, ist auch lokal ein wichtiger Schritt in diese Richtung getan worden. „Wir werden uns den Nazis entschlossen in den Weg stellen“, kündigte Sprecherin Lena Roth an. […]

ANTIFASCHISTISCHES AUTORINNENKOLLEKTIV D&D

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