Kein Platz für Nazis in Dresden und Nirgendwo!

Anlässlich des 65. Jahrestages der alliierten Bombardierung Dresdens versuchten Neo-Nazis am vergangenen Samstag die Stadt  zum Schauplatz ihrer faschistischen Propaganda zu machen. Aber insgesamt 12.000 Antifaschisten aus ganz Deutschland ließen das nicht zu.

„Wir wollen marschieren, wir wollen marschieren“ rufen frustrierte Jungnationale durch die Menge. Mit ein paar Schneebällen versuchen sie, sich den Weg durch die Polizeisperre freizumachen, allerdings vergeblich. Über 6000 Polizisten sind im Einsatz, viele sind außerhalb von Dresden. Der von der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland (JLO) organisierte „Trauermarsch“ der Nazis ist angemeldet und wie auch die zwölf Jahre zuvor genehmigt worden. Sie wollen auch dieses Jahr die Straßen Dresdens marschieren, um „Deutschland den Deutschen“ zu fordern und die „deutschen Opfer des alliierten Bombenterrors“ zu beklagen. Doch es kommt alles anders.
Schon in den frühen Morgenstunden kommen die ersten Busse der Gegendemonstranten in Neustadt an. Sie wurden zuvor durch die Polizei umgeleitet, weil die Gegendemonstrationen am Bahnhof Neustadt nicht genehmigt wurden. Trotzdem halten die ersten drei Busse aus NRW in Neustadt an. Kaum ausgestiegen, werden die Gegendemonstranten durch die Polizei eingekesselt und auseinander gedrängt. Die Polizei fordert sie auf, sich zu der angemeldeten Gegendemonstration in der Altstadt zu begeben. Doch das lehnen die Antifaschisten ab. Denn sie sind gekommen, um den Nazis, die sich allmählich im Bahnhof zusammen tummeln, keinen Durchgang zu gewähren.
Fünf Hubschrauber umkreisen mittlerweile die drei Blockaden, die durch die Polizei eingekesselt sind. Immer mehr Gegendemonstranten erscheinen und schließen sich den Blockaden an. Es ist eiskalt. Die Füße beginnen zu frieren an. Plötzlich hallt Musik aus einem Demo-Wagen und heizt die Stimmung ein. „Nie, nie, nie wieder Faschismus, es liegt in unserer Hand“ rufen Puppenspieler und wedeln im richtigen Moment die Hände ihrer überdimensional großen Puppen.
Ein älterer Gegendemonstrant nähert sich der Polizeisperre. Er möchte aus dem Kessel heraus. Grob drückt ihn ein junger Polizist zurück. „Nein, kein Durchgang“. Der Gegendemonstrant regt sich auf, versucht es erneut und wird diesmal von zwei Polizisten zurückgedrängt. Ein Einheitsleiter taucht auf, auch jung, dick, braun gebrannt. Er wedelt mit seinem Schlagstock und ruft. „Der Alte, soll sich mal was schämen. In dem Alter sollte er hinterm Ofen sitzen.“ Später wird in den Abendnachrichten berichtet, die Polizei habe gute Arbeit geleistet und weitere Konflikte verhindert.
Währenddessen heißt es am Bahnhof, dass Gleise zwischen Dresden Hbf und Dresden Neustadt besetzt seien und deshalb die Zugfahrt behindert sei. Auch zahlreiche Straßen in der Innenstadt sind blockiert.
Die Nazis beginnen ihre Kundgebung vor dem Bahnhof, statt der angekündigten 6000 bis 7000 Teilnehmern sind nur mit 1300 da. Der Rest muss in den Bussen ausharren. Ein älterer Mann macht sich über die Nazis lustig: „Wie gut, dass der ganze Müll Europas in einen Bahnhof passt.“ Von einer europaweiten Mobilisierung kann kaum die Rede sein. Lediglich eine Schwedenfahne ist zu sehen. Ein Dutzend Jugendliche, schwarz gekleidet, rollen schwarze „Trauerfahnen“ auf und reihen sich nebeneinander ein, „in Ehren an die gefallenen deutschen Soldaten und deutschen Zivilisten“. Gleich neben dem Eingangstor zum Bahnhof steht eine Gedenktafel zur Erinnerung an die 130.000  Dresdner Juden, die vom Bahnhof Neustadt aus deportiert wurden. Doch das schreckt die Geschichtsfälscher nicht ab.
Nach langem Parolen-Schwingen und Hymen-Singen ist es endlich vorbei. Die bis 17:00 Uhr genehmigte Kundgebung der Nazis wird aufgelöst, ohne dass die Braunen durch die Stadt marschieren können. Doch vereinzelt randalieren welche in der Innenstadt. Das Autonome Zentrum, ein Treffpunkt der Dresdner Antifa, wird angegriffen. Ein Antifaschist wird dabei verletzt. Die Polizei setzt Pfefferspray und Schlagstöcke gegen Antifaschisten ein, die die Nazis aus der Innenstadt vertreiben wollen.
Später sagt die Dresdner Bürgermeisterin Helma Orosz, die sich an der Trauerfeier in der Altstadt beteiligt hat, in einem Interview stolz: „Dresden hat heute ein starkes Zeichen gegen Intoleranz gesetzt.“ Die stundenlangen Blockaden erwähnt sie nicht. Doch denen hat es Dresden zu verdanken, dass der Naziaufmarsch verhindert wurde, durch Antifaschisten und Antifaschistinnen, die stundenlang in der Kälte die Straßen blockiert haben. Und der monatelangen Arbeit des Bündnisses „Dresden stellt sich quer!“ und „Dresden Nazifrei“ und vieler anderer antifaschistischer Organisationen. Erstmals wurde ein Nazi-Aufmarsch in Dresden erfolgreich verhindert. Das gibt Mut, sich auch im nächsten Jahr wieder auf den Weg zu machen, wenn es heißt „Stoppt den Faschismus überall!“
Kerstin Dick, Melike Sümbül

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: