Jungbusch kein bisschen Langweilig!

d7Jungbusch

Seit Jahren gilt Mannheim Jungbusch als sozialer Brennpunkt Mannheims. Kein Wunder, denn dieser Stadtteil hat schließlich in Relation gesehen die höchste Arbeiter- und Migrantenquote Mannheims. Die Quote der Einwohner mit Migrationshintergrund beträgt 64,1 % und die der Migranten an der Jungbuschschule 91,3 %. Die Mittelschicht ist in Jungbusch kaum auffindbar, 72,3 % sind Arbeiter.
Kaum zu glauben, aber gleichzeitig ist dieser Stadtteil einer der beliebtesten in Mannheim. Seit man dort ein Studentenwohnheim errichtet und die einzige „Popakademie“ Baden-Württembergs eröffnet hat, gilt Jungbusch als das neue Künstlerviertel. Auch der Radiosender „Sunshine live“ hat seinen Sitz in der Hafenstraße in Jungbusch. Unzählige Künstler haben ihre Ateliers in Jungbusch, und warum? Weil dieser Stadtteil „anders“ ist, das „gewisse Etwas“ hat. Gerade zu Zeiten der Wirtschaftskrise entwickeln die Menschen eine Abneigung gegen die Normen des Alltags und möchten sich von der Allgemeinheit abheben. Die Oststadt, Mannheims Edelviertel, gilt nun als spießig und langweilig, während Jungbusch sich mit seinem Hafen und den altmodischen Häusern in seiner Blütezeit befindet. Jungbusch hat etwas, was die Oststadt nicht hat: geräumige Wohnungen zu günstigen Preisen und die Vermittlung von Echtheit. Andere Viertel gelten als „kalt“ und „einfallslos“, während in Jungbusch „echte“ Menschen leben. Sprich: die Arbeiterklasse. Neben der Popakademie gibt es außerdem noch die XY-Halle, damit auch der Sport in Jungbusch nicht zu kurz kommt. Mehrmals im Jahr, werden allerlei kulturelle Veranstaltungen angeboten. Dinge wie die „Nacht in Jungbusch“ oder „7 für Haiti“ sind in anderen Stadtteilen unvorstellbar.
Zwar hat Jungbusch all diese Angebote und Sehenswürdigkeiten, doch die einzigen, die nicht davon profitieren, sind die Anwohner, größtenteils Migranten. Die Aktivitäten werden vor allem von außen wahrgenommen, die „Jungbuscher“ selbst tun es nicht.
Wie denn auch? 12 Prozent der Einwohner beziehen Sozialhilfe, sowie auch 23 Prozent der Kinder und Jugendlichen, so die Stadt Mannheim. Man versucht auch gar nicht, die Menschen in Jungbusch an den Veranstaltungen teilhaben zu lassen, sondern die Menschen von außen hinzulocken. Was nun ist Jungbusch? Ein trendiges Szeneviertel für alle, die es sich leisten können dort in einem großen Loft oder einer Maisonettenwohnung zu wohnen? Oder ein Problemviertel für die Menschen, die knapp über dem Existenzminimum leben und sich eine winzige Wohnung mit ihren Eltern und Geschwistern teilen müssen? Eines ist klar: kaum ein Stadtviertel in Deutschland schafft es so stark zu polarisieren wie Mannheim Jungbusch.
Um herauszufinden, was die Einwohner aus Jungbusch über ihren Stadtteil denken und wie sie ihr Leben dort gestalten, haben wir die Möglichkeit gehabt, mit einigen von Ihnen ins Gespräch zu kommen.

Meinungen…Meinungen…Meinungen…MeinuNGEN

Kenan (20), ist in Jungbusch geboren und aufgewachsen:
Was unterscheidet Jungbusch von anderen Stadtteilen in Mannheim?
Jungbusch ist lebendig. Hier gibt es Zusammenhalt. Wir sind hier wie eine große Familie. Wenn du in Mannheim irgendwo anders hingehst, fehlt dieses Gefühl. Die Leute dort kommen mir wie Egoisten vor, aber hier hilft jeder jedem.
Wie ist das Verhältnis von Deutschen und Migranten?
Die deutschen Jugendlichen hängen auch nicht so in Jungbusch ab, die gehen eher in die Stadt und sind nicht wirklich hier.
Wir haben unsere Theatergruppe mit dem Jugendzentrum, wir haben Musik, wir haben unseren Bolzplatz, unsere Wettbüros und unseren Neckar, aber die Deutschen sehe ich hier fast nie.

Hüseyin (22), Azubi, wohnt seit er denken kann in Jungbusch
Was bringt das Kulturangebot (s.o.) den Jugendlichen denn? Haben sie was davon?
Wir haben gar nichts davon, denn die Leute im Musikpark oder Popakademie sind, sind immer die gleichen Leute, die sind entweder aus Heidelberg, oder aus dem Lindenhof (Mannheimer Stadtteil). Das sind die sogenannten hochkulturellen Leute. Uns bringt das nichts. Was für Jungbusch etwas gebracht hat ist Lisas Theater. Sie hat eine Bewegung hier ausgelöst. Lisa hat bevor es die Popakademie überhaupt gab die Leute für Kultur interessiert. Die Menschen dort bewerten die Leute hier. Sie akzeptieren die Leute hier nicht. Ich krieg kein warmes Gefühl bei diesen Menschen, denn das sind geschlossene Gesellschaften.
Inwiefern unterscheidet sich Jungbusch von anderen Vierteln?
Jungbusch ist ein kulturelles Viertel. Unser Theater zum Beispiel findet man nicht überall. Es gibt keinen großen Unterschied zu anderen Vierteln mit hoher Mirgrantenquote. Aber mit der Oststadt kann man es vergleichen. Die Oststadt ist wie eine lebendige Leiche, da ist nichts los, aber Jungbusch ist lebendig, es ist immer was los.

Tuğba (26), Studentin (Wirtschaftspädagogik), in Jungbusch aufgewachsen
Welche Möglichkeiten haben die
Jugendlichen?
Jugendliche hier haben mehr Schwierigkeiten mit der Sprache oder mit dem Schulabschluss. Die Eltern haben aus beruflichen Gründen nicht die Zeit oder Kapazität ihren Kindern vor allem sprachlich etwas zu bieten. Es gibt zwar Deutschkurse, aber eine 50-Jährige Frau wird wohl kaum noch deutsch lernen können oder wollen. Durch das Gemeinschaftszentrum können die Jugendlichen auch etwas mit ihrer Zeit anfangen, Sachen wie Theater oder Fußball. Man kann sagen das Gemeinschaftszentrum ist das einzige Instrument mit dem man die Jugendlichen erreicht. Die anderen Sachen die so groß geredet werden und die angeblich so toll sind, kommen bei den Anwohnern gar nicht an.
Erreichen die kulturellen Angebote die Menschen hier?
Jungbusch hat durch den Bau der Popakademie einen höheren Stellenwert bekommen, es wird nicht mehr als Ghettoviertel angesehen. Das ist auch das einzig Positive an diesen Bauten. Ich kenne niemanden, der einen Bezug dazu hat.
Was unterscheidet Jungbusch von anderen Stadtteilen?
Jungbusch ist zwar international, es leben 150 Völker in einem kleinen Stadtteil, aber trotzdem haben Außenstehende Angst nach Jungbusch reinzukommen. Man versteht sich untereinander. Was ich nicht mag ist dass die ganzen Discos in Jungbusch eröffnet werden. In anderen Stadtteilen ist es nicht so krass, wie hier. Außenstehende kommen her und lassen die Sau raus, betrinken sich, aber das alles wird hier von den Menschen toleriert. Ich bezweifle, dass das wo anders auch der Fall wäre.

Ercan (21), Produktionsarbeiter, lebte schon immer in Jungbusch
Erreicht das Gemeinschaftszentrum alle Jugendlichen?
Ja zwischen 12 und 24 Jahren ist es für alle offen. Ein Großteil der Jugendlichen nimmt an den Aktivitäten teil, man geht zur Hausaufgabenbetreuung, zur Nachhilfe, zum Fußball oder einfach ins Internet.
Wie ist das Verhältnis zwischen Deutschen und Migranten?
Man sieht kaum Deutsche Jugendliche. Hier wohnen zwar auch Studenten, aber ich glaube die schlafen hier nur, man sieht sie nur an Haltestellen oder im Penny. Wir haben keinen Bezug zu ihnen, sie nehmen am Nachtwandel teil oder kommen auch hin und wieder zu unseren Stücken.

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