Kriegsstimmung in Hollywood

Zum 82. Mal wurde der rote Teppich zur Oscar-Verleihung feierlich ausgerollt. Wie in jedem Jahr gab es auch diesmal viele glückliche Gewinner, darunter der österreichische Schauspieler Christoph Waltz als bester Nebendarsteller (“Inglorious Bastards”), Sandra Bullock als beste Hauptdarstellerin (“The Blind Side”) und Jeff Bridges als bester Hauptdarsteller (“Crazy Heart”). Die große Verliererin der diesjährigen Oscars aber war unumstritten die Moral.
Es scheint, als herrsche in Hollywood Kriegsstimmung. Grund hierfür liefert der Film “The Hurt Locker” von Kathryn Bigelow. Der Kriegsfilm gilt mit sechs Auszeichnungen der British Academy of Film and Television Arts (BAFTA), u.a. für den besten Film und die beste Regie, als der Abräumer der diesjährigen Awards. Der eigentliche Favorit und achtfach-nominierte Film “Avatar – Aufbruch nach Pandora” von James Cameron hingegen erhielt lediglich zwei Oscars für die Special Effects und das beste Produktionsdesign.
Oscarregen trotz Misserfolg
“The Hurt Locker”, seit August 2009 in den Kinos, ist in Deutschland kaum bekannt. Klägliche 53.368 Zuschauer guckten sich den Film in den deutschen Kinos an. Sogar in den USA entpuppte sich der Housemade-Film als ein großer Misserfolg. In der Schweiz läuft der Film nach der Oscar-Verleihung nun zum zweiten Mal in den Kinos an, weil ihn kaum jemand gesehen hat. Da stellt sich berechtigterweise die Frage: Wozu dann die sechs Oscars?
Lässt sich Hollywood etwa für Kriegszwecke instrumentalisieren? Und das, wo man doch nach der Anti-Kriegserklärung Michael Moores im März 2003 dachte, dass Hollywood ein Zeichen gegen den Krieg setzen möchte. Damals verurteilte der Dokumentarfilmer die illegale Besetzung des Irak mit den Worten: “Wir erleben, wie ein Mann uns aus fiktiven Gründen in den Krieg schickt… [Wir] sind gegen diesen Krieg, Mr. Bush. Schande über Sie.” Sieben Jahre nach Moores Appell an die Filmindustrie scheint die Idee vom Frieden in die Ferne gerückt zu sein.
Patriot gegen Verräter
Worum geht es in “The Hurt Locker”? In den Film eingeführt wird der Zuschauer mit einem Zitat des Kriegs-Korrespondenten Chris Hedges: „Der Rausch des Kampfes wird oft zu einer mächtigen und tödlichen Sucht. Denn Krieg ist eine Droge.“ Von diesem Kriegsrausch ist auch Sergeant William James besessen. Mit seinem Team entschärft er Bomben im besetzten Irak. In einer Truhe, die James “Hurt Locker” nennt, sammelt der todeslustige Soldat Stücke von Bomben, die er entschärft hat. Seine Trophäen sozusagen. Es folgt eine dramatische Kampfszene nach der anderen. Nach und nach fallen Soldaten des Teams aus, weil sie verletzt werden oder sterben. Schließlich bleibt James der “tapfere” Soldat übrig. Er fliegt zurück nach Hause, doch ein normales Leben führen kann er nicht mehr. Zu sehr lockt ihn die Blutschlacht im Irak. Er fliegt zurück und lässt sich für ein weiteres Jahr verpflichten.
Anders als dieser erbärmliche Kriegspropagandafilm setzt James Cameron in seinem Film “Avatar- Aufbruch nach Pandora” ein eindeutiges Zeichen gegen Krieg. “Avatar” zeigt die Welt im Jahre 2154. Weil die Rohstoffvorkommnisse auf der Erde erschöpft sind, macht sich die US-Army auf den Weg nach Pandora, um dort einen begehrten Rohstoff abzubauen. Doch die Ausbeutung Pandoras erweist sich als schwierig, denn dort leben intelligente Wesen namens Na’vi. Sie sind ein Naturvolk und leben in Frieden miteinander. Doch es beginnt ein erbitterter Kampf zwischen den Na`vi und der US-Army um Pandora. Wälder werden durch US-Raketen skrupellos zerstört, damit die Rohstoffe unter ihnen abgebaut werden können. Mit Hilfe des ehemaligen US-Marine-Soldaten Jack Sully, der die Fronten wechselt, können sich die Na`vi verteidigen. Auch Sully wird wie James gefeiert, doch nicht von der US-Army sondern von ihren Feinden.
Mehr als nur 3D
„Avatar” ist mehr als nur ein sehr guter 3D Film. Er ist vor allem politisch. In den Medien wurde bislang nur seine technische Darbietung gekürt. Doch wer nicht nur von der brillanten blauen Hautfarbe der Männchen fasziniert ist, sieht auch die Zusammenhänge zwischen ihnen und den Naturvölkern unserer Zeit. Er sieht den Irak und Afghanistan. Er sieht, wie aus “fiktiven Gründen” Krieg geführt wird.
Dank an die CIA
Bigelows Kriegsfilm hingegen ist nichts anderes als ein pro-imperialistischer Werbefilm für die US-Army und die CIA. In ihrer Dankesrede widmet Bigelow “diesen Preis den Männern und Frauen im Militär, die täglich ihr Leben im Irak und in Afghanistan und sonst wo riskieren.” Dann fügt sie hinzu: “Sie sind für uns dort und wir sind für sie da.” Dass US-Soldaten Zivilisten töten und Menschen foltern, erzählt sie in ihrem pseudo-realistischen Irak-Film nicht. Insgesamt über eine Million Zivilisten wurden bislang im Irak durch die US-Besetzung getötet. Ihren Mördern gilt also Bigelows Dank. In einem Interview sagt sie: “Diese Männer sind tagtäglich mit leidvollen Situationen konfrontiert.” Dass sich diese Soldaten dafür bezahlen lassen, erwähnt sie nicht. Doch das wundert nicht, wenn man erfährt, dass Mark Boal, Drehbuchautor von “The Hurt Locker”, als “embedded journalist”, an der Seite einer amerikanischen Truppe im Irak arbeitete. Diese Militärreporter berichteten einseitig zu Gunsten der USA.
Genauso bedankte sich Greg Shapiro, einer der vier Produzenten, bei der CIA für ihre “unglaubliche Unterstützung”. Die amerikanische Wochenzeitung “The Nation” fand heraus, dass die Produzenten den privaten Söldnerdienst “Blackwater” anheuerten, um ihre Schauspieler zu trainieren.
Blackwater – Söldner töteten 2007 im Dienste der CIA 17 unbewaffnete Zivilisten beim Nisur-Massaker, darunter auch Kinder und Frauen.
Angesichts dieser Tatsachen bedarf es einer großen Anstrengung zu glauben, dass dieser Film ein “neutraler” und authentischer” Antikriegsfilm sein soll. Deshalb würdigte die British Academy sie wahrscheinlich auch mit sechs Oscars.

MELIKE SÜMBÜL

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: