Lern` Türkisch, damit du Deutsch sprichst ?!

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verlangt von der Bundesregierung eine andere Integrationspolitik. Gut, daran ist nichts auszusetzen. Das verlangen wir ja schließlich auch. Aber seine Vorschläge schaden der Integration mehr, als sie je nützen könnten. Unter anderem fordert der selbsternannte Vater der “Auslandstürken” eine türkisch geprägte Ausbildung.
In einem Interview schlug Erdogan die Einrichtung türkischer Gymnasien in Deutschland vor. Seine Begründung: Anhaltende Sprachprobleme vieler der drei Millionen Türken in Deutschland. „Man muss zunächst die eigene Sprache beherrschen, also Türkisch – und das ist leider selten der Fall.“ Also ein wirklich ungewöhnlicher Vorschlag zur Bekämpfung von Sprachproblemen von Menschen mit Migrationshintergrund! Zuerst Türkisch lernen, um Deutsch besser lernen zu können? Wissenschaftler und Sprachforscher diskutieren rege über die “Muttersprache”. Was ist diese Muttersprache? Die Sprache der Vorfahren? Oder die Sprache, mit der man aufwächst? Oder etwa die Sprache, die mehrheitlich zur Kommunikation innerhalb einer Gesellschaft gesprochen wird, unabhängig vom Herkunftsort der Mitglieder der Gesellschaft? Für Erdogan ist die Muttersprache eindeutig im wörtlichen Sinne die Sprache der Mutter oder Vorfahren.

Deutsch muss die Primärsprache sein!
Doch der Aussage, man könne eine “fremde” Sprache erst dann richtig lernen, wenn man die “Muttersprache” (im erdoganschen Sinne) erst richtig könne, fehlt jegliche wissenschaftliche Grundlage. Im Gegenteil: moderne Sprachwissenschaftler sprechen von der “doppelten Halbsprachigkeit” bei in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Migranten und schlagen als Lösung des Problems vor, diejenige Sprache bevorzugt zu fördern, die das Individuum im Allgemeinen häufiger braucht und gebraucht. Und in Deutschland sollte diese Sprache selbstverständlich Deutsch sein!
Die Sprachen der Vorfahren sollten selbstverständlich auch gefördert werden, denn im Endeffekt ist jede Sprache, die ein Mensch sprechen kann, ein Vorteil für die gesamte Gesellschaft.
Die Antwort auf fehlende Deutschkenntnisse vieler Kinder kann nicht die Einführung eines parallelen Schulsystems sein, sondern eine konsequente Integrationspolitik mit einer intensiven sprachlichen Frühförderung vor und in der Schule. Das Ziel sollte sein, dass Kinder mit Migrationshintergrund verstärkt in der deutschen Sprache gefördert werden. Das Ergebnis von Erdogans Vorschlag wäre lediglich Separation und nicht Integration! Sicherlich wäre es eine Überlegung, Türkischunterricht im deutschen Schulsystem als zweite oder dritte Fremdsprache auszubauen.
Aber Erdogan bezweckt was ganz Anderes. Er will die in Deutschland lebenden Türken für seine politischen Zwecke missbrauchen und instrumentalisieren. Sein Argument, es gebe ja schließlich auch deutsche Gymnasien in der Türkei kann mit seiner Forderungen nach türkischen Gymnasien in Deutschland sowieso erst gar nicht verglichen werden, denn hier geht es eindeutig um ein soziologisches Problem! Denn wenn man in Deutschland von Migranten spricht, meint man meist sozial schwache Familien. In der Türkei hingegen gehen überwiegend Kinder der Eliten auf deutsche Schulen, um sich in vielen Fällen auf ein mögliches Auslandsstudium vorzubereiten.
Erdogan wünscht sich eine neue Integrationspolitik. Schön, aber die Richtung, in die er weist, ist die Falsche! Das eigentliche Problem, das Jugendliche mit Migrationshintergrund haben, wird sich mit türkischen Gymnasien oder türkischen Abschlüssen in Deutschland nicht lösen lassen! Integration sollte man nicht isoliert von Bildungspolitik betrachten. Solange sich das selektive Bildungssystem nicht grundlegend ändert, wird das Thema der Integration immer und immer wieder kommen.
Auf Erdogans Vorschlag gibt es nur eins zu sagen: Das wird nicht das letzte Mal sein, dass er sich in die Politik in Deutschland einmischen wird, oder es zumindest versuchen wird. Wichtig ist, dass sich die hier lebenden Migranten nicht von ihm einverleiben lassen und es nicht zulassen, dass er sie für seine Interessen nutzt. Erdogan schert sich kein bisschen um die Bedürfnisse der Migranten, er will lediglich Lobbyisten in Deutschland um sich scharen, um die deutsche oder europäische Politik unter Druck zu setzen. Und wie kann er das besser machen, als wenn es um die Bildung von Kindern geht?

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