Probleme kann man nicht abschieben!

Es gibt die Redewendung: „Wenn ich mal nicht weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis!“ In diesem Arbeitskreis überlege ich mit anderen Teilnehmern, wie ich ein Problem lösen kann. Diese Taktik klappt eigentlich immer, zumindest kriegt man so viele Lösungsansätze geboten. Für die ewig-dauernden Diskussionen um „Kriminalität und Integration“ brauchen unsere Politiker so einen Arbeitskreis anscheinend nicht, denn das Problem kann doch einfach nur -abgeschoben werden! Wenn ich soziale Probleme nicht lösen kann, schaffe ich sie ab. Ganz einfach, indem ich sie abschiebe! Und die Platte dreht sich und dreht sich weiter…

Probleme nicht wegreden: Gewalt unter Migranten ist anteilig größer
In Deutschland wird seit Jahren gut sechs Millionen Straftaten jährlich registriert, also eine Stagnation auf hohem Niveau. Die Gewaltbereitschaft hat insgesamt zugenommen, leider auch in der jüngeren Generation. Vergleicht man die aktuellen Zahlen mit den Zahlen Mitte und Ende der 90`er Jahre, so hat die Jugendgewalt sehr stark zugenommen. Grund zur Sorge macht vor allem ein nicht direkt definierter kleiner, harter Kern von besonders gewaltbereiten Jugendlichen, insbesondere jungen Männern. In der gesamten Kriminalstatistik stellen Menschen mit Migrationshintergrund rund 16 Prozent aller Tatverdächtigen. Das entspricht in etwa dem Migrantenanteil in Deutschland. Weitaus höhere Anteile weisen Migranten bei Körperverletzungsdelikten (29,2 Prozent) und bei der Gewaltkriminalität (22,6 Prozent) auf.

Jugendgewalt kein ethnisches Problem
Wir verurteilen Gewalt in jedweder Form – unabhängig davon, wer sie aus welchen Motiven ausübt. Jugendgewalt als ethnisches Problem darzustellen und Ursachen in der Zugehörigkeit unterschiedlicher Kulturkreise zu suchen ist aber der falsche Ansatz. Jugendgewalt ist ein Problem deutscher und nicht deutscher Jugendlicher gleichermaßen. und steht in engem Zusammenhang mit fehlgeschlagener Erziehung, fehlender menschlicher Anerkennung, unzureichender Bildung, mangelnder gesellschaftlicher Integration sowie fehlender Zukunftsperspektiven und gesellschaftlicher Aufstiegschancen. Sie ist Ausdruck und Ergebnis von familiären, politischen und gesellschaftlichen Zuständen und Versäumnissen, die die Jugendlichen in der Regel selbst nicht zu verantworten haben.

Was ist der Vorschlag zur Lösung?
Ein Teil der Gewalttaten geht von jungen Männern mit Migrationshintergrund aus, die sich den Männlichkeitsidealen verpflichtet fühlen. „Ausländische gewaltbereite Intensivtäter“ könne man aber nicht mit Sprach- und Integrationskursen beeindrucken, so der Innenpolitiker Bosbach. Die Frage, die sich nun stellt und mit der die gesamte Gesellschaft konfrontiert ist, ist, warum junge Menschen zu Gewalt greifen. Man muss Gewalttäter nicht in Schutz nehmen, aber wenn es sich bei diesen „Gewalttätern“ um Minderjährige handelt, muss man genauer auf die Ursachen schauen. Wenn junge Menschen in den Schulen Amok laufen oder wegen ein paar Euro ältere Menschen zusammenschlagen, ist die eigentliche Ursache der „Gewaltexzessen“ weder mit Abschieben noch mit noch härteren Strafen aus der Welt zu schaffen. Und lediglich kulturelle und familiäre Gründe reichen bei weitem nicht aus, um das große Problem annähernd zu erläutern.

Gesellschaftliche Entwicklungen fördern die Gewalt
Viele Soziologen und Pädagogen sind der Meinung, dass unter Anderem die zunehmende Individualisierung und Vereinzelung dafür verantwortlich gemacht werden kann. Je größer Menschen die Bedeutung des Einzelnen einschätzen und je geringer die der Gemeinschaft, desto schwächer werden die Bindungen und Beziehungen untereinander. Die Antwort auf diese Frage, wie Jugendgewalt zu verhindern ist, kann aber erst recht nicht „Abschieben!“ sein, denn schließlich sprechen wir hier von in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Jugendlichen, nicht von organisierter, importierter Gewalt aus dem Ausland.
Laut Bosbach helfe selbst das Strafrecht „bei diesen Tätertypen“, gemeint sind die „ausländischen“, nur bedingt. Sinnvoll und notwendig sei daher eine erleichterte Ausweisung von ausländischen Straftätern, nur diese ausländerrechtliche Sanktion verschaffe bei Wiederholungstätern Respekt. Gerade unter Laien scheint dieses Erklärungsmuster sehr populär zu sein. Abschiebung und Sanktionen als Gewaltpräventionsmaßnahmen sind aber nichts anderes als Stammtischparolen und zerren an der Wahrnehmung der Wirklichkeit. Das ist nichts weiter als Instrumentalisierung für die eigenen politischen Ziele. Hilfreich wäre es, Präventionsmaßnahmen und Gegenstrategien zu entwickeln, bei der nicht die Jugendlichen, sondern die Ursachen von Jugendgewalt bekämpft werden. Ziel von „Strafen“ sollte sein, Menschen in das gesellschaftliche Leben zurückzugewinnen und nicht auszusondern oder weiter in den „tiefen Sumpf“ sinken zu lassen! Auswege könnten nach Meinung der Experten mehr Ganztagsschulen mit vernünftiger Freizeitgestaltung sowie die intensive Integration ausländischer Kinder schon im Vorschulalter bieten.
Betrachtet Bosbach die „Wirklichkeit“, von der er spricht?
Seinen Vorschlag begründet Bosbach damit, dass vernünftige Politik -immer mit der Betrachtung der Wirklichkeit- damit beginne, die Lebenswirklichkeit zu beschreiben, die nicht geleugnet werden könne. Herr Bosbach scheint diese Jugendlichen schon abgeschrieben zu haben und betreibt nichts anderes, als Populismus. Seit Jahren stilisieren die Politiker wie Bosbach alle Migranten und Jugendlichen zu potentiellen Tätern. Wir erkennen nicht, dass damit Jugendkriminalität und Jugendgewalt wirksam bekämpft werden.
„Je besser die Integration gelungen ist, je besser die schulischen und beruflichen Erfolge sind, desto geringer ist die Gefahr eines Abgleitens in ein kriminelles Milieu“ und „wer gute schulische Chancen hat, gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt zur gesellschaftlichen Teilhabe, der gerät nicht so schnell in die Gefahr, straffällig zu werden.“, das sind Aussagen, die viele Soziologen und Wissenschaftler lange vor Bosbach gesagt haben. Also kann die Lösung des Problems genau dort liegen und nicht, indem Stigmata und Vorurteile bestätigt werden! Die effektivste Möglichkeit und Lösung des „Gewaltproblems“ ist und bleibt, perspektivlosen Jugendlichen eine Perspektive zu bieten und ihnen Wege zu zeigen, ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten voll auszuschöpfen und starke Charaktere zu entwickeln. Jegliche Abschiebedrohung ist ein Zeichen in die falsche Richtung und sorgt dafür, dass Jugendliche, die sich sowieso ausgeschlossen fühlen, noch weiter abkapseln werden. Und das darf die Gesellschaft nicht zulassen!

OKTAY DEMİREL

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