Katernberg

Katernberg ist ein nordöstlicher Stadtteil in Essen. Rund 25 Prozent der Einwohner sind Migranten. Nach Erwartungen der Stadtverwaltung Essen werden in den nächsten 5-6 Jahren, über die Hälfte der unter 21-jährigen Jugendlichen in Katernberg aus nichtdeutschen Familien stammen. Auf der anderen Seite gehört Essen-Katernberg zu den ärmsten Vierteln Deutschlands. Wie sieht das Leben in Katernberg aus? Welche Perspektiven haben Jugendliche? Wir haben uns mit Betroffenen im Jugendhaus Neuhof in Katernberg unterhalten.

Werner Völlinger, Sozialpädagoge im Jugendhaus Neuhof
Warum ist diese Einrichtung für diesen Stadtteil besonders wichtig?
Für die Jugendlichen, die hierher kommen, gibt es kaum eine Hemmschwelle, um uns nach Rat zu Fragen. Es ist anders als im JobCenter oder in der ARGE. Die Jugendlichen kennen die Mitarbeiter und wissen, dass sie mit den Daten vertrauenswürdig umgehen. Wir geben den Jugendlichen Hilfestellung in allen Fragen, sei es Wohngeld beantragen, einen Hartz IV Antrag ausfüllen oder das Weitervermitteln, damit sie die entsprechende Hilfe erhalten.
Du arbeitest seit 25 Jahren hier im Jugendhaus. Kannst du etwas über die Entwicklung des Stadtteils berichten?
Die Zeche Zollverein und die Kokerei waren noch in Betrieb, als ich hier angefangen habe. Durch die Schließung der Zeche 1986 und später der Kokerei kam es im Stadtteil zu enormer sozialer Verwerfung, da tausende Arbeitsplätze gestrichen wurden. Gerade auf der Zeche konnten viele eine Tätigkeit anfangen, auch wenn sie nicht den besten Schulabschluss hatten. Katernberg musste somit unter den Folgen der geballten Arbeitslosigkeit leiden. In diesem Stadtteil leben sehr viele Familien mit türkischem Hintergrund. Auch sie haben auf der Zeche gearbeitet oder arbeiten noch in Bergwerken in anderen Regionen. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt führt zu Schuldzuweisungen untereinander. Der Solidaritätsgedanke, den es im Bergarbeiterkreis gab, ist untergegangen. Da die Bevölkerung hier unterschiedliche nationale Herkunft hat, werden viele soziale Konflikte nicht sozial erklärt, sondern national. Also dass nicht der Chef vom Zollverein an der Arbeitslosigkeit schuld ist, sondern der Türke, der dem Deutschen den Platz wegnimmt und umgekehrt.

In den vergangenen Monaten habt ihr mit den Jugendlichen an verschiedenen Aktionen gegen Nazis teilgenommen. Wie habt ihr dazu mobilisiert und warum findest du es wichtig, dass Jugendliche sich sozial engagieren?
Hier im Haus haben wir schon immer eine sehr gemischte Besucherschaft gehabt, sowohl von der sozialen Schichtung als auch der unterschiedlichen nationalen Herkunft. Für uns ist jeder hier willkommen, solange er sich an die Spielregeln des Hauses hält. Ich denke, Jugendliche nehmen diesen Gedanken mit, dass ein Miteinander möglich ist. Im Laufe der Zeit hat es hier durch persönliche Bekanntschaften der Leute auch untereinander dazu geführt, dass man sich mit Namen kennt. Und wenn es Probleme gibt, kann man die auch zwischen „Mehmet und Michael“ klären. Wenn z.B. ein Deutscher Probleme mit einem Türken hat, werden diese oft verallgemeinert. Wir versuchen, da es diese Konflikte offensichtlich auch auf gesellschaftlicher Ebene gibt, diesen Hintergrund mit den Jugendlichen zu besprechen. Dazu machen wir auch verschiedene Aktionen und rufen zu Demos auf.

Was kannst du zu der Situation der in Katerberg lebenden Jugendlichen sagen?
Klar gibt es Jugendliche, für die der Schulbesuch der 10. Klasse schon sinnlos erscheint, da sie keine Perspektive haben. Wir versuchen aber genau mit diesen Jugendlichen Perspektiven zu entwickeln. Jedoch sieht man die mangelnde Lehrstellensituation und es ist verständlich, dass die Meisten von Anfang an aufgeben wollen. Aber wir versuchen, dem entgegenzusteuern.

Was würdest du dir für Katernberg wünschen?
Ganz wichtig fände ich, dass im Bildungssystem vernünftige Wege eingeschlagen werden. Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Stadtteilen sollten von klein auf besonders gefördert werden. Integrierte Gesamtschulen müssten für alle Kinder zugänglich sein, um unabhängig von sozialer Herkunft und Papas Portmonee bestmöglichsten Unterricht erhalten zu können. Dadurch würde eine soziale Durchmischung stattfinden, welche auch Konflikte mindern würde.

ESSEN NeuesLeben

Gamze, 17 Jahre, Schülerin der 10. Klasse
Du besuchst zur Zeit die 10. Klasse und willst danach auf ein Berufskolleg gehen. Wie schätzst du die Situation für dich oder für deine Freunde ein?
Viele finden keinen Ausbildungsplatz und machen daher verschiedene Praktika, weil denen dort versprochen wird, dass sie übernommen werden. Einige schaffen es sogar, aber bei den meisten sieht es anders aus. Die machen dann Minijobs oder gehen putzen. Meine Schwester z.B. hat keinen Ausbildungsplatz bekommen, obwohl ihr Abschluss gut ist. Sie schreibt ständig Bewerbungen, bekommt aber nur Absagen. Wenn Leute mit guten Abschlüssen nicht mal eine Stelle finden, was sollen dann die Jugendlichen mit nicht so guten Noten machen?
Katernberg ist ein Stadtteil, in dem viele Kulturen aufeinander stoßen. Wie gestaltet sich der Alltag hier?
In Katernberg leben viele Menschen mit Migrationshintergrund. Im Ganzen kommen alle gut miteinander klar. Jeder, der hier lebt, sieht sich als Teil dieser Stadt und wird auch so akzeptiert. Ich sehe es als eine Bereicherung, wenn viele Kulturen aufeinander treffen. Man kann vieles voneinander lernen und somit offener werden. Ich habe auch nicht nur türkische Freunde oder suche mir meine Freunde nach ihrer Nationalität aus. Ganz im Gegenteil, je bunter, desto besser.
Vor einigen Wochen gab es hier eine Gegendemonstration gegen eine Kundgebung der rassistischen ProNRW vor der Moschee…
Auch wenn es in Katerberg einige Konflikte zwischen den Jugendlichen gibt, hat man auf der Demo gesehen, wen die Jugendlichen und die Bewohner des Stadtteils nicht in Katernberg haben wollen. Es waren nämlich die Nazis, die unerwünscht waren. Türken, Deutsche, Libanesen, Moslems und Christen haben sich gemeinsam gegen die Rassisten gestellt.
Wie würdest du Katernberg und das Leben hier beschreiben?
Es herrscht eine schöne Atmosphäre zwischen den Menschen in Katernberg. Katernberg ist bunt gemischt und reich an Kulturen. Ich finde jeder sollte hierher kommen, um zu sehen, dass das Zusammenleben von deutschen und nichtdeutschen funktioniert.
Jugendliche aus dem Jugendhaus Neuhof berichten über ihr Leben in Katernberg
Ibo, 17 Jahre, angehender Azubi:
Hier gibt es viele Migranten und es gibt auch Konflikte zwischen Türken, Kurden usw. aber eigentlich funktioniert alles gut. Man muss also keine Angst haben, wenn man hier auf die Straße gehen will. Natürlich haben die Leute auch Vorurteile und jeder will sich beweisen und seine Stärke zeigen, aber es gibt verschiedene Anlaufstellen für Jugendliche bei Problemen. Die Jugendlichen hier sind nicht sehr motiviert, was die Schule angeht. Ich habe lange gesucht, später einen Praktikumsplatz bekommen und habe nun die Möglichkeit, ab Juli dort eine Ausbildung anzufangen. Leider hat nicht jeder so ein Glück und bekommt eine Lehrstelle. Ich glaube nicht, dass ich es ohne Hilfe geschafft hätte, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Die meisten in meinem Umfeld arbeiten für 400 Euro, aber das hat ja keine Zukunft.

Gülay 16 Jahre, Jahrespraktikantin:
Ich mache mein Praktikum im Jugendhaus Neuhof. Da ich auch hier in der Nähe wohne, ist mir die Einrichtung schon von früher bekannt. Während meines Praktikums kam ProNRW nach Katernberg und wollte hier demonstrieren. Ich bin selbstverständlich mit meinen Freunden zur Gegendemo gegangen. Ich fand es gut, dass viele Jugendliche daran teilgenommen haben. Sie haben als geschlossene Gruppe von der Schule oder von den Jugendhäusern in der Umgebung aus teilgenommen. Es hat mich beeindruckt, dass es eine so bunte Gegendemo war. Die Moschee hier war eigentlich bisher nie ein Problem gewesen und ist es bis jetzt auch nicht.

Sebastian 21 Jahre, Zivi:
Ich wohne hier in der Nähe und mache meinen Zivildienst im Jugendzentrum Neuhof. Ich kenne das Neuhof schon länger. Ich finde die Einrichtung hier wichtig, weil sie die Jugendlichen von der Straße holt. Hier können wir den Jugendlichen helfen und die sogenannten „Problemfälle“ können hier überblickt werden. Zwischen den Jugendlichen in Katernberg gibt es immer wieder mal Komplikationen, aber wo gibt es das nicht? Das alles hält sich auch in Grenzen und eigentlich läuft es hier ziemlich gut. Wir versuchen bei Konflikten immer wieder die Hand zu reichen und Lösungsansätze zu vermitteln.

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