Dem Tode ausgesetzt

Haarsträubenden Arbeitsbedingungen in türkischen Bergwerken kosten vielen Menschen das Leben
Sie gehen tagtäglich hunderte Meter weit unter die Erde, um Abends eine warme Suppe ausschlürfen und eine Scheibe Brot essen zu können. Sie begeben sich jeden Tag in “Gottesgnaden”, wenn sie vor der Zeche stehen und in die Dunkelheit hinabsteigen. “Unser Kopf steht jeden Tag auf der Serviertablette” sagen sie, weil sie nicht wissen, ob sie den Arbeitstag überleben werden. Sie sind Zechearbeiter. Sie sind die schwarz leuchtenden Augen einer harten Arbeitsbranche. Obwohl sie dem Journalisten, der sie nach der Ursache der Explosion fragt, sagen, dass sie es nicht wüssten, wieso es zur Explosion kam, unterhalten sie sich untereinander. Man hört, wie sie sagen, dass die Leiharbeit, Privatisierungen und die Profitgier ursächlich für die Explosion waren. Vor dem Betrieb des Unternehmen Karadon, der der staatlichen Anstalt für Steinkohle (TTK) untergegliedert ist, endete die Anspannung am 20. Mai in den Morgenstunden. Die Nachricht, dass die 28 Verschütteten alle tod aufgefunden worden sind, entsetzte alle noch einmal. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan kam auch am Vortag nach der Explosion zu der Zeche und erklärte hier, dass das Geschehene das Schicksal dieser Menschen sei und offenbarte die Wahrheit über die Stadt Zonguldak.

Das ist euer Schicksal!
Erdogan sagte während seines Besuches in Zonguldak: “Derartige Explosionen stellen das Schicksal des Zechenberufes dar”. Wir denken nicht, dass es das Schicksal der Arbeiterinnen ist, solchen Unfällen ausgesetzt zu sein. Denn diese Unfälle können zum Teil durch sehr einfache Sicherheitsmaßnahme verhindert werden. Dazu haben wir uns mit den Zechebeschäftigten unterhalten, die derartige Arbeitsunfälle nach Erdogans Meinung als ihr Schicksal akzeptieren sollten. Anfangs, wenn ein Arbeitskollege an einem Arbeitsunfall starb, träfe sie das ziemlich hart. Da aber die Todesfälle kein Ende nahmen, gewöhten sie sich daran und lernten mit der Situation umzugehen. “Explosionen, Verschüttungen, Gasexplosionen – das alles wird zu einem Teil deines Lebens”, so ein Zechenarbeiter.
Auf unsere Fragen, ob derartige Todesfälle nicht zu verhindern, antworteten sie: „Natürlich kann man viele Unfälle vorbeugen, wenn die notwendigen Maßnahmen getroffen werden. Immer wieder gibt es Todesfälle, die durch Sicherheitsmaßnahmen hätten verhindert werden können. Wir wissen, dass auf Leiharbeiten mit weniger Sicherheitsmaßnahmen zu rechnen sind. Denn schließlich wollen sie mehr verdienen, deswegen wird auch überall, wo es nur geht, gespart. Aber es gibt genauso Arbeitsunfälle, die auch mit Sicherheitsmaßnahmen nicht zu verhindern sind. Dennoch wissen wir, dass das nicht unser Schicksal ist und sind uns bewusst, dass wir dem Tode nahe stehen und nahe arbeiten.“
Bei weniger Leiharbeit würden die Unfälle zurückgehen!
Der Generalsekretär der Gewerkschaft der Allgemeinen Bergarbeiter, Taci Alkaya, hat zu den Aussagen Erdogans Stellung genommen. “In harten Arbeitsverhältnissen sind manche Unfälle nicht ausschliessbar. Doch bei uns wird Zechenarbeit immer noch mit Muskelkraft, also Menschenarbeit geleistet. Auch der geographische Aufbau der Stadt Zonguldak ist sehr schwierig“, so Alkaya.
Alkaya bemerkte, dass die Leiharbeit einer der Hauptgründe darstelle, die zu solchen Unfällen in den Zechen führe. Er fügt hinzu: “Um einerseits die Arbeitsunfälle zu verringern und dem unsicheren Leiharbeitssystem entgegen wirken zu können, müssen alle Hindernisse, die sich gegen die Organisationsfreiheit richten, abgeschafft werden. Die gewerkschaftliche Organisierung bedeutet gleichzeitig auch eine bessere Aufsicht in der Arbeitsbranche.”

Arbeiten ohne Gasmasken

Nachdem sich im Betrieb des Karadon Unternehmens, welches der staatlichen Anstalt für Steinkohle (TTK) untergegliedert ist, der tragische Unfall am 20. Mai ereignete und dies zum Tode von 28 ArbeiterInnen führte, gab die Kammer der Zecheningenieure eine Pressekonferenz. Der Vorsitzende der Kammer Mehmet Torun erklärte während der Pressekonferenz: “Es ist ganz eindeutig, dass hier eine erhebliche Vernachlässigung im Bereich der Sicherheit stattgefunden hat. Aber wir werden die Details nach dem Sachverständigengutachten besser einordnen können und die Verantwortlichen des Unfalls ausfindig machen.” Torun sagte weiterhin, dass festgetellt wurde, dass 30 Arbeiter während der Arbeit keine Gasmasken trugen. “Die Arbeit, die in dieser Galerie geleistet wird, wird von einer Leihfirma geleitet. Der Unfall ereignete sich in Form von einer Gasexplosion (Methangas und Sauerstoff führten zur Explosion).“, so Torun.

Immer mehr Unfälle
2008 verloren 43 Bergarbeiter durch Arbeitsunfälle ihr Leben. 2009 hat sich die Zahl der Unfälle mit 92 Toten verdoppelt . Bis Dato sind in diesem Jahr 66 Tote zu verzeichnen. Doch nach Aussage von Torun ist die Zahl in diesem Jahr mit großer Wahrscheinlihkeit viel höher. Mehmet Soğancı, Vorsitzender der Kammer der Maschinenbauingenieure (TMMOB), erklärte, dass diese Ereignisse nicht als Unfälle bewertet werden können, sondern als Morde am Arbeitsplatz gelten. „Erst wenn anstatt dem Profit die Sicherheit der Menschen das Ziel wird, können diese Morde aufgehoben werden“, so Soganci.

Zonguldak Gökhan Durmus
Übersetzung aus dem türkischen: Özgür Metin Demirel

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