Eine Künstlerin, eine Arbeiterin Käthe Kollwitz

Käthe Kollwitz war eine mutige Frau. Weltoffen, provokant, Sozialistin, Pazifistin, Frauen- und Jugendrechtlerin, Mutter und Künstlerin. Eine Frau mit vielen verschiedenen Facetten. Doch jede Seite ihrer Persönlichkeit und ihres Charakters zeichnete Widerstand und Auflehnung – gegen die Ungerechtigkeit auf dieser Welt, gegen Krieg und gegen Faschismus.
„Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“
Am 2. Juli 1867 kommt sie als Tochter von Katharina und Karl Schmidt in Königsberg, im jetzigen Russland, auf die Welt. Sie genießt eine für diese Zeit höchst untypische, emanzipatorische Erziehung. Der Vater ist ein sozial engagierter Jurist, der aufgrund seiner liberalen Ansichten keine Anstellung beim preußischen Staat findet, ihre Mutter eine freidenkende und unabhängige Frau. Sie entdecken schon früh Käthes Talent – ab 1881 bekommt sie daher Unterricht in Kunst und Kupferstechen, den sie ab 1886 an der Kunstakademie zu Königsberg fortsetzt.
Schon die frühen Familienbilder zeigen Käthe Kollwitz als verträumtes, nachdenkliches Mädchen. Als Studentin porträtiert sie sich selbst als selbstbewusste, junge Frau. Es gibt etwa 100 Bilder dieser Art. Mit dem Alter verändert sich Käthe auf den Bildern- geprägt durch das, was sie sieht und erlebt, wird sie immer nachdenklicher, ihre Augen müde und traurig.
„Nie habe ich eine Arbeit kalt gemacht, sondern immer gewissermaßen mit meinem Blut. Das müssen die, die sie sehen, spüren“
Nach dem Studium heiratet sie Karl Kollwitz, einen sozialdemokratischen Kassenarzt. Sie ziehen in ein Berliner Arbeiterviertel. Zwei Söhne bringt Käthe auf die Welt – 1892 ihren Sohn Hans und vier Jahre später ihren Sohn Peter. Dem damals wie auch heute sehr gängigen Klischee entgegen, eine Frau könne Beruf und Familie nicht vereinen, gelingt dies Käthe beispielhaft. Ganz im Gegenteil- ihre Kinder sind für sie Studienobjekte und dienen als Modelle, auch für ihre restlichen Werke. Dies ist nicht das einzige Vorurteil, wogegen sich die Künstlerin wehren muss: Als sie von Adolph Menzel, der als der deutsche realistische Zeichner und Maler gilt, zur goldenen Medaille vorgeschlagen wird, lehnt Kaiser Wilhelm II dies ab, denn „Orden und Ehrenzeichen gehören auf die Brust verdienter Männer“. Schnell, dennoch präzise zeichnet Käthe ihre Kinder in alltäglichen Situationen. Generell ist ihre Arbeit sehr auf den Menschen und sein Leben ausgerichtet und dabei spielen Kinder eine große Rolle. Denn diese sind das „schwächste Glied der Kette“, so Kollwitz.
„[…] Auch auf der Zeichnung, wo der Tod die Kinder packt sitzt hinten eine Frau, die das Leid der Welt sieht. Es sind nicht ihre Kinder, die der Tod packt, sie ist viel älter. Sie sieht auch nicht zu, sie rührt kein Glied, aber sie weiß um das Leid der Welt.“
Mit ihren Arbeiten verbindet die Künstlerin vor allem gesellschaftskritisches und sozialpolitisches Engagement. Dies wird in vielen ihrer Werke deutlich, vor allem ihre Bewunderung für die Arbeiterklasse,  das Proletariat; der Klasse, die nach ihrer Meinung nicht so langweilig und bieder ist, wie die höhere Gesellschaftsschicht. In den Vordergrund rückt sie vor allem die Frau der Arbeiterklasse. Sie zeigt ein starkes, gefühlsvolles Interesse an diesen Frauen- möchte ihre Leiden, Kämpfe und ihre Schönheit auf eine einfache, natürliche Weise darstellen. Die Frauen in ihren Arbeiten sind stark und sehr maskulin- dies entspricht Kollwitz‘ Auffassung von Ästhetik. Ein Beispiel dafür ist ihre Blattreihe (bei Zeichnungen spricht man generell von Blättern, nicht von Bildern) „Weberaufstand“(1894-1898). Dargestellt ist hier der Kampf der Weber aus dem Jahre 1844 in Schlesien und Köln, aufgrund ihrer ausbeuterischen Arbeitsumstände im Zuge der Industrialisierung. Die Blätter spiegeln eine düstere Stimmung wieder, zeigen den Tod von Kindern und das Trauern der Mütter. Am Ende unterliegen die Weber und der Aufstand wird blutig niedergeschlagen, aber der Keim eines neuen Aufstandes ist schon entstanden. Ähnlich dargestellt ist die Folge „Bauernkrieg“ (1901-1908). Wieder ist die Frau im Vordergrund: führt die wütende Menge der Bauern, eine andere steht da mit geballten Fäusten und feuert sie an. Die Menschen haben hohle, skelettartige Gesichter und wie fast alle Zeichnungen von Käthe Kollwitz sind diese auch nur in schwarz-weiß gehalten. Doch der Ausdruck dieser Blätter, die Melancholie und die emotionale Nähe hinterlassen einen Eindruck und eine Wirkung, die keine Farbe dieser Welt erzielen könnte.
„Jetzt weiter! Jetzt arbeiten wie das Anti-Kriegsplakat für den internationalen Gewerkschaftsbund, jetzt wenn möglich lauter solche Arbeiten, die eine Wirkung in sich schließen“
Käthe Kollwitz‘ Einsatz für die Unterdrückten und Ausgebeuteten ihrer Zeit begrenzt sich jedoch nicht nur rein auf künstlerischer Auseinandersetzung. Als ihr Sohn Peter 1914 im ersten Weltkrieg fällt, setzt sie sich radikal für ein Kriegsende ein. 1918 widerspricht sie öffentlich dem Dichter Richard Dehmel, der eine Weiterführung des Krieges befürwortet. Von 1921 bis 1924 ist sie tätig für die internationale Arbeiterhilfe und entwirft zahlreiche politische Plakate. Gleichzeitig ist sie Mitglied der „Berliner Sezession“, einer oppositionellen Künstlerinnengruppe. Einer Partei gehört sie nicht an, sieht sich selbst jedoch als Sozialistin und Pazifistin. Als Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg 1919 in Berlin ermordet werden, widmet sie Liebknecht ein Gedenkblatt, „Niederträchtiger, empörender Mord an Liebknecht und Luxemburg“ schreibt sie im Januar 1919 in ihr Tagebuch.
„ […] Der Schmerz hat Müdigkeit zurückgelassen. Es ist ja auch nicht allein der Peter. Es ist der Krieg, der einen bis auf den Boden drückt.“
Die Trauer um den Tod ihres jüngeren Sohnes verarbeitet Kollwitz in ihrer Kunst. In ihren späteren graphischen Arbeiten zeichnet sie oft Mütter, die ihre Kinder vor dem Krieg schützen wollen. Schutz und Geborgenheit werden zu einem gängigen Motiv ihrer Arbeiten. Sie illustriert den Schmerz und den Verlust der Zurückgebliebenen, zum Beispiel in der Folge „Krieg“ aus dem Jahre 1922. Gleichzeitig zeigt sich ihre Vorahnung des zweiten Weltkriegs. Als sie den dringenden Appell zum Aufbau einer einheitlichen Arbeiterfront gegen den Nationalsozialismus unterschreibt, veranlasst man 1933 ihren Austritt aus der Kunst-Akademie und nimmt ihr gleichzeitig das Amt als Leiterin der Meisterklasse für Grafik ab. Kollwitz bekommt ein Ausstellungsverbot und 1936 werden alle ihre Exponate aus der Öffentlichkeit entfernt. Am 22. April 1945, fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes, stirbt Käthe Kollwitz in Moritzburg bei Dresden. Der Tod, mit dem sie sich ihr Leben lang künstlerisch und geistig beschäftigt hatte, holte sie wenige Tage vor dem Ende des zweiten Weltkriegs, den sie so sehnlichst erhoffte. Zurück bleibt die Erinnerung an eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen überhaupt mit einem zeitlosen Kunststil. An eine Frau, die trotz allem, was sie gesehen hatte, heiter und lebensfroh war. Eine Frau, die die Qual und den Optimismus der deutschen Geschichte gleichzeitig in sich vereint. Eine Frau, die man noch heute als Vorbild sehen sollte!

Şeyda Kurt

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