Mein größter Traum ist, dass sich das Bewusstsein der Menschen ändert

Sinan, der jüngere Bruder des bekannten Berliner Rappers Kool Savas. Er ist als Sohn einer Arbeiterfamile in Berlin Kreuzberg groß geworden. Mit 15 Jahren begann er zu rappen – am Anfang nur aus Spaß, ohne in die Fußstapfen seines Bruders treten zu wollen. Sein erstes Album trägt den gewagten Titel „Sohn seiner Klasse“ und will inhaltlich in eine politische Richtung gehen.

Was ist der Unterschied zwischen herkömmlichen Hip Hop und deiner Musik?
Ursprünglich war Hip Hop ein Ausdrucksmittel für Leute, die sonst keine Möglichkeit hatten, sich auszudrücken. Über Musik haben sie die Möglichkeit gefunden, etwas zu sagen, was sonst keiner gehört hat. Ursprünglich kommt die Musik auch von den unteren Schichten. Von Leuten, die viel Unterdrückung erfahren haben. Im Endeffekt ist da nicht so ein großer Unterschied, würde ich sagen. Diese ganze kommerzielle Geschichte ist später gekommen. Hip Hop kommt von unten und wird auch von diesen Menschen praktiziert.
Der Unterschied ist inhaltlich. Meine Musik mache ich nicht, um Geld zu machen. Ich hab auch keinen Label hinter mir, was Geld in mich hineinsteckt und dementsprechend Käufer und Verkäufer haben will. Ich hab keine Leute hinter mir, die sagen, gehe ins Studio und mach den Hit. Ich mach, was ich will. Deshalb ist da ein inhaltlicher Unterschied.

Bist du also der Meinung, dass sich Hip Hop im Laufe der Zeit verändert hat?
Auf jeden Fall. Durch die Kommerzialisierung ist Hip Hop einfach und dumm geworden, damit er sich besser verkaufen lässt. Einfache, dumme Musik wie andere Popsongs auch. Die Musik soll nichts mehr aussagen, sondern sich verkaufen. Die Musik war früher keine Ware.

In der Hip Hop-Szene, vor allem bei Migranten, machen alle auf hart, sind sexistisch und beschimpfen Schwächere. Muss man so sein, um Erfolg zu haben?

Nein muss man nicht. Es ist ja auch nicht erfolgreich, wenn du dir die Sachen anguckst. Diese Machotypen verkaufen ja auch nicht. Auch kommerziell sind sie nicht erfolgreich. Es gibt eine Überflutung, so dass die Leute auch keine Lust mehr haben. Diese Rapper sind inzwischen auch wieder abgesprungen. Es gab eine Säuberung und es gibt jetzt mehr Menschen, die das aus Liebe zu der Sache machen.

Es gibt auch gute Ansätze von Azad und deinem Bruder Savas wie „All for One“. Warum machen die damit nicht weiter?
Weil das nicht deren Ding ist. Die sind anders zu Hip Hop gekommen. Ich kann über Savas reden, bei Azad weiß ich das nicht genau. Er ist nicht so groß geworden. Das ist nicht sein Musikstyle. Er ist ein Battlerapper. Ihm geht es nicht darum, inhaltlich etwas zu sagen. Bei ihm ist eine andere Grundlage als bei mir.

Du singst von Klassenkampf und Revolution. Wie kommt das bei den Jugendlichen an?
Immer mehr Leute können sich damit identifizieren. Es ist eine langsame Steigerung nach oben. Ist nicht sofort mit einem Hit getan.

Junge Rapper träumen davon, reich zu werden. Wovon träumst du?

Ich träume davon, mit mir im Reinen zu sein. Mit den Menschen um mich herum. Im Weiteren, dass es mir und den Menschen im meinem Umfeld gut geht. Gut gehen verbinde ich aber nicht mit Reichtum. Gesundheit und die Deckung der Grundbedürfnisse ist für mich wichtig. Mein größter Traum ist, dass sich das Bewusstsein der Menschen ändert.

Ömür Mermer, Engin Atasoy

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