Wir bleiben hier!

Nahezu 850 Familien in der Siedlung „Im Mainfeld“ im Frankfurter Stadtteil Niederrad beschäftigen sich seit Wochen immer wieder mit der ein und derselben Frage: Was passiert mit unseren Wohnungen? Nach Vorhaben der städtischen Wohnungsgesellschaft ABG Holding  und ihrem Vorsitzenden Frank Junker sollen die Mainfelder Bewohner vertrieben werden, die Grundstücke für rentablere Geschäfte verkauft werden. Diese Vertreibungspolitik der städtischen Wohnungsgesellschaft wird von Beginn an mit einer regelrechten Leugnungskampagne geführt. Viele Bewohner, die wir in persönlichen Gesprächen und an gemeinsamen Veranstaltungen getroffen hatten, berichteten, dass sie von den Plänen zufällig über die Zeitung erfahren haben. Bei unseren ersten Hausbesuchen konnten wir diese bewusste Strategie der Wohnungsgesellschaft, ihr Vorhaben verdeckt zu halten, konkret erleben.
Viele Mainfelder reagierten wütend und erschütternd auf die Meldung ihrer geplanten „Zwangsumsiedlung“. Für unseren Frauenverband galt von Beginn an, die Mainfelder Bewohner nicht nur zu informieren, sondern ihnen Möglichkeiten zu geben, ihre Forderungen hörbar zu machen und dafür geschlossen zu handeln. Über 100 türkeistämmige Familien leben im Mainfeld. Mit regelmäßigen Hausbesuchen, persönlichen Gesprächen und bislang drei Sitzungen in der Siedlung, haben wir in den letzen Wochen hunderte türkeistämmige Bewohner angetroffen, mit ihnen diskutiert, ihre Meinungen eingeholt und Aktionen organisiert. Beginnend mit einer Unterschriftenaktion für den Erhalt der Hochhäuser bis zum gemeinsamen Protest in der Sitzung des Auschusses Planen, Bau und Wohnen der Stadt Frankfurt.
Gerade das entschlossene Auftreten der Frauen war von Beginn sofort sichtbar. Ungezwungen und ohne Scheu bringen sie das zu Wort, was viele Bewohner hier fordern: Wir bleiben hier. Es sind vor allem junge Frauen und ihre Mütter, die vor Ort den Widerstand gegen die Wohnungsgesellschaft stemmen. Es sind ältere Frauen, die vor 20 – 30 Jahren in die Siedlung zogen, hier heirateten, hier ihre Kinder bekamen und mit ihren Enkelkindern gemeinsam wohnen. Eine Siedlung der drei Generationen. Für die türkeistämmigen Bewohner ist sie hier Realität. Es sind viele persönliche Geschichten, die hier zusammen kommen. Das Mainfeld ist in den letzten Jahren von einer Wohnsiedlung zu einem Ort des sozialen Lebens geworden – mit all seinen Problemen und positiven Seiten. So hören wir immer wieder in vielen Gesprächen „unsere Nachbarn sind zu unseren Freunden, Verwandten geworden.“
Dabei sind es besondere Erlebnisse, die sie zusammenbrachte und die Annäherung untereinander stärkte. Der Protest der Mainfelder Bewohner ist jung. Es ist nicht abzustreiten, dass Angst, Unsicherheit und Frust noch bei vielen in den Köpfen steckt. Die Tatsache, dass die Teilnehmerzahl an unseren Sitzungen im Mainfeld immer gestiegen ist, zeigt aber, dass diese Barrieren langsam gebrochen werden und wie wichtig eine kontinuierliche und persönliche Ansprache vor Ort ist.
Der junge Protest im Mainfeld hat aber auch diese bedeutende Erfahrung für die Bewohner gewonnen: Das gemeinsame Handeln mit ihren deutschen Nachbarn, im konkreten mit der Mieterinitiative unter Leitung der Eheleute Kampschulte. Mit einem zweisprachigen Transparent „Wir bleiben hier. Biz buraliyiz“ kamen sie zur Bürgersprechstunde und protestierten gemeinsam für den Erhalt ihrer Wohnungen. „Wir wollen mitreden und selbst darüber entscheiden, was mit unserer Siedlung passiert“, so die klaren Worte, die an diesem Tag an die Politiker gerichtet wurden. „Wir“, Deutsche und Migranten gemeinsam.
Der Protest in der Siedlung „Im Mainfeld“ lehrt auch hier wieder einmal: Der entschlossene Zusammenhalt für gemeinsame Forderungen, kann Vorurteile und nationale Grenzen überwinden. Darin liegen auch seine Stärke und seine Bedingungen für den Erfolg.
Sidar Demırdöğen – Zehra Ayyildiz

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