Armes reiches Afghanistan

Onur Kodas
Kaum eine Woche vergeht ohne eine Meldung aus Afghanistan. Diesmal allerdings sollten es angeblich gute Nachrichten sein. Nach den Untersuchungen von US-Geologen ist Afghanistan ein sehr reiches Land an Rohstoffen. Gold, Kupfer, Lithium und Eisen seien in riesigen Mengen vorhanden. Insgesamt sollen diese Rohstoffe einen Wert von einer Billion US Dollar haben. Laut Expertenmeinung reichen diese Reichtümer aus, um aus Afghanistan eines der weltweit führenden Rohstoffexportstaaten zu machen. Vor allem Lithium ist ein sehr begehrter Rohstoff. Dieser wird vor allen Dingen für die Produktion von Akku-Batterien für Handys, Laptops und vielen anderen Geräten gebraucht. „Afghanistan könnte das neue Saudi Arabien für Rohstoffe sein“, wird in den entsprechenden Fachkreisen gemunkelt.
Euphorie kaum zu bremsen
Dementsprechend ist die Euphorie auf allen Seiten der Beteiligten sehr groß. Der afghanische Präsident, Hamid Karzai, gab sich sehr zuversichtlich, was die Zukunft Afghanistans betrifft. „Ich habe sehr gute Nachrichten für die Afghanen. Vorläufige Zahlen zeigen, dass unsere Mineralienvorräte 1000 Milliarden Dollar wert sind – nicht Millionen, sondern Milliarden.“ Auch die US-Amerikaner reiben sich schon gierig die Hände. General David Petraeus, US-Kommandeur für die Weltregion, spricht von „atemberaubenden Möglichkeiten“. Auch die Massenmedien zeigen sich erfreut über den Reichtum Afghanistans. Mit „Der Multimiliardenschatz: USA finden riesige Rohstofflage in Afghanistan“ oder „Liegt in Afghanistan unsere Zukunft?“ schmücken sie ihre Überschriften. 2007 warnte das französische Forschungsunternehmen, Meridian International Research (MIR) noch vor einem Lithiummangel und dem darauffolgenden „Knick auf dem Weltmarkt“. Denn nach den Grundsätzen des kapitalistischen Systems ist der Markt herrschend. Genauer gesagt, geht es um das Verhältnis zwischen Angebot, Nachfrage und dem Preis. Wenn ein Angebot weniger wird, aber die Nachfrage an diesem Angebot konstant bleibt oder sich gar erhöht, steigt der Preis dieses Angebots. Lithium ist beispielsweise ein sehr begehrter Rohstoff. Dessen Mangel treibt seinen Preis in die Höhe. Im Zuge des Konkurrenzkampfes beginnt dann auch der Kampf der Staaten und Konzerne um diese Rohstoffe für den eigenen Profit. Diese Kämpfe tragen sie dann in Kriegen aus.

Entwicklungshilfen für die eigenen Konzerne
Bei all der Euphorie werden zentrale Fragen außer Acht gelassen. Warum ist Afghanistan trotz dieser Reichtümer so arm? Afghanistan gehört, trotz dieser Reichtümer, zu den ärmsten Staaten auf dieser Erde und ist weiterhin auf internationale Hilfen angewiesen. Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass Afghanistan seither durch das Taliban-Regime und dem herrschenden NATO-Krieg nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geographisch gesehen „am Boden“ ist. Die Machenschaften der Warlords mit dem Opiumhandel sind neben den westlichen Konzernen die größten Profiteure des Krieges. Der Widerspruch, trotz dieser Reichtümer ein armes Land zu sein, zeigt, dass die wirtschaftlichen Interessen der westlichen Besatzer im Vordergrund stehen. Besonders profitabel ist das Projekt „zerstören und anschließend wieder aufbauen“. Nach der Intervention in Afghanistan waren es allen voran amerikanische, englische und deutsche Konzerne, wie Siemens, Alcatel und eon, die den „Wiederaufbau“ tätigen. Obwohl afghanische Unternehmen den Wiederaufbau viel günstiger tätigen könnten, werden ausschließlich nur die westlichen Konzerne zugelassen, um ihnen satte Profite sichern zu können. Damit fließen die „Entwicklungshilfen“ automatisch wieder in die eigenen Taschen. So kritisiert Caritas International die vorherrschende Vergabepraxis mit folgenden Worten:„Viel davon ist das Ergebnis „gebundener Hilfe“, bei der die Geldgeber ihre Unterstützungen vertraglich vereinbarte Bedingungen knüpfen, dass importierte Arbeitskräfte und Güter genutzt werden müssen, zumeist des jeweiligen Geber-Landes.“
Dies hat zur Folge, dass Staaten wie Afghanistan sich nicht entwickeln können und damit stets abhängig bleiben und auf der anderen Seite können die westlichen Staaten und Konzerne reichliche Profite einheimsen.
Kriege zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards
Eine weitere Frage, die sich stellt ist, was Afghanistan von diesen Entdeckungen hat? Fakt ist, dass Afghanistan selbst, wegen der räuberischen Machenschaften der westlichen Besatzer keine eigene Bergbauindustrie besitzt und nicht so schnell eine aufbauen kann. Das bedeutet, dass auch hier wieder die westlichen Konzerne zum Zuge kommen und die Rohstoffe ausbeuten werden. Ein chinesischer Staatskonzern hat sich die Rechte einer Kupfermine in Aynak gesichert. 700 Millionen Tonnen Erze sollen dort begraben sein. Es zeichnet sich also wieder ein Kampf um die Rohstoffe ab. Von der glorreichen Zukunft, die Präsident Karzai den Afghanen versprochen hat, wird nichts zu sehen sein. Der Krieg wird automatisch weitergehen, während sich die Konzerne alle verwertbaren Rohstoffe unter den Nagel reißen werden. Diese Tendenz zeigt nicht nur die jüngste Vergangenheit, sondern auch die zukünftigen Pläne der westlichen Welt. Berichte der CIA über das zukünftige Vorgehen der US-Army verdeutlichen, dass in Zukunft die Kriege nicht mehr unter dem Deckmantel der Demokratie statt finden müssen, sondern man sich offen dazu bekennen könne, dass die Kriege zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards dienen. Denn die Rohstoffmengen sind begrenzt, aber die Nachfrage ist stetig steigend, heißt es in der offiziellen Begründung.

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