Jugend für Arbeit, Bildung, Ausbildung und Übernahme

Enis Tumay / Baran Kiraz
Am 19. Juni fand in Kassel eine bundesweite Jugendkonferenz des Bündnisses „Generation Krise schlägt zurück“ statt. In zahlreichen Diskussionsrunden und Workshops wurden Themen wie Leistungsstress und Notendruck, Ausbildungsplatzmangel und Übernahme sowie die Auswirkungen der Krise auf Schulen, Unis und Betreibe diskutiert. Darüber hinaus wurde über eine mögliche „Denkpause“ in der Bildungsstreikbewegung diskutiert, da die Beteiligung daran zuletzt am 9. Juni abgenommen hat. Diese wurde jedoch abgelehnt. Allerdings war man sich einig darüber, dass es erst mal keinen Sinn macht, bundesweite Streiks zu organisieren, stattdessen diskutierten die Konferenzteilnehmer überlokale Bildungsproteste oder Flashmobs in verschiedenen Städten. Wir hatten die Möglichkeit, mit verschiedenen Teilnehmern während der Konferenz zu sprechen und ihnen einige Fragen zu stellen. Wir fragten Holger Burner, einen Hamburger Künstler, Simon Aulepp, den Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Kassel sowie Sebastian Förster, Mitglied in Solid in Essen nach ihren Meinungen zu den Bildungsstreiks.

Neues Leben: Wie bewertest du den letzten Bildungsstreik?
H. Burner: Ich bin aus Hamburg. Da war es besonders schwierig, weil wir, wenn man es so nennen will, „einen Bildungsstreik von oben“ hatten, da der Senat selber „eine Reform“  plant. Aufgrund dessen war der letzte Bildungsstreik so unpolitisch, wie zuvor kein anderer, weil die Leute nicht selbstorganisiert auf die Straße gegangen sind. Aber von Ort zu Ort gab es schon Unterschiede. In einigen Städten gab es wirkliche Fortschritte. In Kassel z.B. gab es eine große Beteiligung an Azubis oder auch im Pott gab es eine Steigerung, während die Tendenz bei vielen anderen Orten leider eher nach unten zeigt.
S. Aulepp: Es war gut, dass so viele gemeinsam auf die Straße gegangen sind. In Kassel gab es ein Bündnis aus politischen Organisationen und Gewerkschaften. Es ist uns gelungen Azubis, Schüler und Studierende zu mobilisieren. Dies sollte auch auf bundesweiter Ebene passieren. Nur so ist der Bildungsstreik in Zukunft in der Lage wirklich Druck auszuüben.
S. Förster: Ich glaube schon, dass es ein Erfolg war, ca. 80000 SchülerInnen und Studierende auf die Straße zu bringen, um ein deutliches Zeichen gegen Bildungskahlschlag zu setzen. Doch die Beteiligung war in verschiedenen Städten unterschiedlich. So gab es in den meisten Orten im Vergleich mit den vergangenen Bildungsstreiks leider eine geringere Beteiligung.

Was sind deiner Meinung nach die Gründe für die geringere Beteiligung an den Bildungsstreik?

H. Burner: Das war ein klares Signal, dass viele nicht vier oder fünfmal hintereinander auf die Straße gehen und immer noch glauben, dass das alleine was verändert. Es hat ein bisschen an Ideen gefehlt, wie man es erfolgreich führen kann. So muss es einige Veränderungen in Zukunft geben und genau darüber haben wir heute diskutiert.
S. Aulepp: Wir können nicht immer mit den gleichen Leuten und Forderungen auf die Straße gehen. Die Proteste sollten breiter aufgestellt werden. Dazu brauchen wir vor Ort Bündnisse, von Studierenden, SchülerInnen und Azubis. Dazu müssen die Aktivisten aus den Unis, aus den Schulen und aus den Gewerkschaften enger zusammenarbeiten. Auch kommt politischen Organisationen eine wichtige Rolle zu.
S. Förster: Es muss sich jetzt ganz klar etwas ändern. Die Proteste müssen ausgeweitet werden auf die Auszubildenden, die massiv unter Druck stehen, da viele nicht übernommen werden. Gerade jetzt, wo die Regierung versucht, in allen Bereichen zu kürzen, muss die  Bildungsstreikbewegung stärker mit ihnen zusammenarbeiten, um den Protest auch politisch zu erweitern.

Wäre eine Vernetzung zwischen SchülerInnen, Studierenden, Azubis und Arbeitern machbar?
H. Burner: Es ist absolut machbar, wie man es ja deutlich in Griechenland, Spanien, Portugal oder Frankreich sieht. Da sehen die Leute, dass sie angegriffen werden und dann entwickeln sich auch mehrere Möglichkeiten, sich gemeinsam zu wehren. Bei uns in Deutschland war der Bildungsstreik ein bisschen zu sehr auf die Bildung ausgerichtet. Den Leuten muss klar werden, dass die Ursache der Probleme das System, der Kapitalismus, ist und dann können wir gemeinsam mit den Arbeitern, Azubis etc. auf die Straße, um für ein besseres Leben zu kämpfen.
S. Förster: In Kassel z.B. waren am letzten Bildungsstreik ca. 800 Azubis beteiligt. Das zeigt, dass es möglich ist. Es muss natürlich auf eine gute Vorbereitung hinauslaufen. Bei den vergangenen Bildungsstreiks hat sich gezeigt, dass dort, wo die Leute an der Basis aktiv sind und eigene Strukturen schaffen, man auch richtig gut mobilisieren kann. Es gibt in den Betrieben z.B. Vertretungen für die Azubis. Da muss man schauen, dass man mit denen in Kontakt tritt, damit sie auch in den Streik treten.

Was wäre denn bei einer Vernetzung besser als jetzt?

H. Burner: Ich sag es mal so. Ohne eine Vernetzung werden wir es nicht schaffen, unser Ziel zu erreichen. Wenn wir einzeln auf die Straße gehen, wird man versuchen, uns gegeneinander auszuspielen. Wir würden zu Wenige sein, um Druck auszuüben. Wenn man nur in Schulen streikt, gibt es keinen wirtschaftlichen Schaden, deshalb geht das auf Dauer nicht. Wenn aber im Betrieb gestreikt wird, wird man aufzeigen, wer wirklich den Reichtum in der Gesellschaft schafft. Das zeigt, dass wir eigentlich die Macht haben, uns dessen aber nicht bewusst sind. Als Schüler oder Studierender fühlt man sich schon mal machtlos gegenüber der Politik, da haben Arbeiter ganz andere Möglichkeiten.
S. Aulepp: Nur so sind unsere Forderungen umzusetzen. Die Folgen der Krise dürfen nicht auf unsere Schultern abgeladen werden. Denn auch das neueste Sparpaket der Regierung betrifft uns alle, denn es wird in allen Bereichen gekürzt. Also müssen wir auch gemeinsam auf die Straße gehen.