Arbeitslosigkeit unter Akademiker steigt an

Von der Krise sind auch die Akademiker betroffen. Laut statistischen Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im Dezember vergangenen Jahres 11,3 Prozent mehr Akademiker arbeitslos als im Januar desselben Jahres. In absoluten Zahlen bedeutet das einen Anstieg um 17000 auf 167000 beschäftigungslose Hochschulabsolventen.
Wir haben mit Fadime Senpinar (34) Diplom Soziologin über das Thema geprochen.
Frau Senpinar, warum sind Sie als Akademikerin in Deutschland arbeitslos? Was sind, Ihrer Meinung nach, die Gründe dafür?
Ich habe Soziologie mit Schwerpunkt Politik und Sozialpsychologie studiert. In diesem Land, aber auch in vielen anderen Ländern, ist es in diesem Bereich sehr schwierig eine Anstellung zu finden, von der sie ihren Unterhalt finanzieren können. Dies betrifft letztendlich alle Bereiche der Geisteswissenschaften. Die Stellen an den Universitäten sind knapp und unterbezahlt. Außerdem herrschen dort ein enormer Leistungsdruck und eine ausgeprägte Ellenbogenmentalität. Nicht alle halten diesen Druck aus, manche werden sogar psychisch krank.
Insbesondere Akademikerinnen und Akademiker mit Migrationshintergrund tun sich bei der Jobsuche schwer. Die Gründe hierfür sind unterschiedlichster Natur. Neben den Problemen, die aus der Migration resultieren, werden nur sehr wenige Akademikerinnen und Akademiker mit Migrationshintergrund speziell gefördert.
In diesem Zusammenhang handelt die Bundesregierung ambivalent, wenn sie sich die Förderung von Migranten zur Aufgabe macht, andererseits aber nur einen erlesenen Kreis diese Förderung angedeihen lässt. Das Gros bleibt auf sich selbst angewiesen.
In der freien Marktwirtschaft gestaltet sich die Arbeitssuche für Geisteswissenschaftler noch schwieriger, wenn sie nicht fachfremd wirken wollen. Spezielle Förderungsprogramme für arbeitslose Akademikerinnen und Akademiker existieren kaum. Oft sehen sie sich gezwungen in Bereichen zu arbeiten, die mit ihrer Ausbildung nur noch wenig zu tun haben. Das geht soweit, dass einige sogar in der Gastronomie oder anderen Niedriglohnsektoren arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Haben Sie akademische Freundinnen und Freunde, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind?
Ja, ich habe einige Freundinnen und Freunde, die arbeitslos sind. Sie fanden nach dem Abschluss ihres Studiums keine Anstellung in ihrem Fachgebiet. Einige von ihnen entschlossen sich daraufhin zu promovieren, was paradoxerweise ihre Lage noch verschlechterte, weil sie nun überqualifiziert waren. Hochqualifizierte Akademiker, die nicht einmal einen Mini-Job bekommen. Ein Dilemma, in dem sich nicht wenige Akademikerinnen und Akademiker befinden. In den Medien wird die Abwanderung von hochqualifizierten Fachkräften und Wissenschaftlern in das Ausland beklagt. Auch die Politik stimmt in diesen Chor ein. Die Logik dabei erschließt sich mir nicht. Einerseits bemängelt die Regierung das Fehlen von Fachkräften und Wissenschaftlern in Deutschland. Andererseits wird an Forschung und Professuren gespart. Volle Stellen für Professuren werden immer weniger. Die vorhandenen Professoren sind überlastet, was sich auch an der Qualität der Lehre bemerkbar macht. Wissenschaftlicher Nachwuchs wird nicht ausreichend gefördert. Eine Folge ist die Zunahme von Arbeitslosigkeit unter Akademikerinnen und Akademikern.
Haben Sie an ein zweites Studium gedacht?
Ich hatte sogar mit einem Zweitstudium für das Lehramt begonnen, das ich schon nach wenigen Wochen aufgegeben habe. Grund hierfür war das neue System an der Universität. Das alte deutsche Diplom und der deutsche Magister wurden bekanntermaßen aufgegeben und durch die amerikanische Studienordnung Bachelor und Master ersetzt.
Oberstes Ziel dieser Studienordnung ist eine möglichst kurze Studienzeit, um die Absolventen schnellst möglich der Wirtschaft zuzuführen. So bleiben oftmals Inhalte und interdisziplinäre Forschung auf der Strecke. Die Verschulung der Lehre ist die Folge. Wissen wird nicht erforscht und angeeignet, sondern fast ausschließlich auswendig gelernt und in Klausuren abgefragt. Für Diskussionen und kritisches Denken bleibt kaum Raum. Die Dozenten bestimmen den „Stundenplan“ und die Studenten sind gezwungen den Plan anzunehmen und ihre Leistungsnachweise zu erbringen. Wie in der Schule werden Anwesenheitslisten geführt. Wenn Studenten mehr als zweimal fehlen, verlieren sie das ganze Semester.  Studenten, die neben dem Studium arbeiten müssen oder mit Krankheiten oder einer Behinderung vorbelastet sind oder Kinder haben, ist es kaum möglich, in diesem selektiven System zu bestehen.
Welche Form von Universität stellen Sie sich in Deutschland vor?
Ich stelle mir in erster Linie vor, insbesondere in den Bereichen der Geisteswissenschaften, frei studieren zu können. Freier im Vergleich zum Bachelor und Master. Im alten System konnten wir neben dem Studium arbeiten und unser Studium finanzieren. Parallel zum Studium konnten wir in sozialen und politischen Projekten aktiv sein, unter anderem auch um lebensnahe Erfahrungen zu sammeln. Momentan ist dies den Studenten kaum möglich, ihre Freizeit ist weitgehend beschnitten. Fakt ist, dass nur Studenten studieren können, die von ihren Eltern finanziell unterstützt werden oder Bafög beziehen. Bei dem heutigen Preisgefüge in Frankfurt oder in anderen Städten, reicht das Bafög meistens nicht aus. Allein ein Studentenzimmer finden Sie kaum unter 300 Euro. Studenten, die nicht in das System passen, werden gnadenlos aussortiert.
Das ist nicht hinnehmbar. Wir müssen wieder zum alten Diplom und Magister zurückkehren, die zweifellos einer Reform bedürfen. Die Einführung des Bachelor und Magister waren jedoch keine Reform, sondern ein neoliberaler Angriff auf das deutsche Bildungssystem, mit dem Ziel zur Schaffung einer neoliberalen Elite. Die Bachelor- und Masterstudiengänge gehören wieder abgeschafft. Wir brauchen wieder eine kritische Lehre; eine Lehre für Alle.

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