Neuer Schulanfang? Alte Geschichte!

Suphi Sağlam

Es ist das alte Spiel im neuen Schuljahr, das deutsche Schulsystem ist schon seit Jahrhunderten eine offene Wunde. Es ist schon lange bekannt, dass es ein soziales Ungleichgewicht im deutschen Bildungssystem gibt. Das dreigliedrige Schulsystem ist schon längst veraltet und der Erfolg eines Schülers im Bildungssystem hängt von seiner familiären und sozialen Herkunft ab. Das Einkommen der Eltern ist hier also entscheidend, dies wurde auch mehrfach von internationalen Studien belegt. Prägnant war die PİSA-Studie seitens der OECD, welche speziell das Verhältnis und die Abhängigkeit vom Einkommen der Eltern mit dem Bildungserfolg der Kinder mit Hilfe von international erhobenen Daten und Ergebnissen darstellte. Hierbei veröffentlichte die OECD, dass in Deutschland diese Abhängigkeit am größten sei. So ist nach der OECD im Jahre 2008 der Anteil von Arbeiterkindern an Universitäten in Deutschland lediglich bei 16%, in Spanien hingegen bei 40% und in İrland 50%. An dieser Situation hat sich kaum etwas verändert, es ist sogar eine Verschlechterung zu beobachten, so die Untersuchung des Hochschul-Informations-Systems (HİS). Denn die belegt, dass sich z.B. stetig die Anzahl der Arbeiterkinder an Hochschulen von 1982 bis 2009 reduziert.
Durch das dreigliedrige Schulsystem wird in Deutschland schon früh, also nach der 4. Klasse durch die Wahl der weiterführenden Schule, über die Zukunft eines Kindes entschieden. Die Forderungen der Bildungsproteste nach einer Schule für Alle ist daher nichts Neues. Es ist eine Form, die schon längst nach dem Vorbild der skandinavischen Länder geschehen müsste.
Doch durch das neue Sparpaket oder auch „Zukunftspaket“, wie sie von der Bundesregierung genannt wird, wird sich die Situation in Deutschland verschlechtern. Es wird weitere Kürzungen im sozialen Bereich geben, so dass wieder Kinder, also auch Schüler aus der untersten Schicht, die Leidtragenden sind. Die HartzIV-Empfänger werden durch die neuen Maßnahmen als einzige kein Elterngeld mehr in Höhe von 300 Euro kriegen. Die Bundesregierung schließt damit ohne Gnade die HartzIV-Empfänger aus, was die betroffenen Kinder am eigenen Leib zu spüren bekommen. Somit fehlt jede Spur von Chancengleichheit im Bildungssystem. Das ist nur eine von vielen Folgen der Sparmaßnahmen und all diese Kürzungen werden wieder einen Teil der Schüler in diesem Land negativ beeinflussen, ihnen wieder einmal das Gefühl geben, weniger Wert zu sein und ihnen auch noch den letzten Funken Hoffnung auf eine höhere Bildung nehmen. Hört sich wie ein schlechter Roman an, ist aber in vielen Familien die Realität. Endgültig wird im November über das „Zukunftspaket“ entschieden, dass heißt wir können dem noch entgegenwirken.
Die Situation der Migranten!
Die Migrantenkinder bleiben vom zwei Klassensystem des deutschen Bildungssystems nicht verschont. Der große Anteil der Migrantenkinder besteht aus Arbeiterfamilien oder kommt aus sozial schwachen Verhältnissen. Genau so wie die deutschen Arbeiterkinder haben sie kaum die Möglichkeit, eine höhere Bildung zu gelangen oder gar eine Universität zu besuchen. Natürlich haben Migrantenkinder zusätzliche und spezielle Probleme, durch welche sie im dreigliedrigen Schulsystem zusätzlich benachteiligt sind. Die eigentlichen Verlierer im deutschen “Zweiklassenbildungssystem” sind somit die Arbeiterkinder mit und ohne Migrationshintergrund. Somit ist es nicht verwunderlich, dass der Anteil dieser Kinder, vor allem der Migrantenkinder an Hauptschulen so hoch ist. 2008 waren 20% der Migrantenkinder auf der Hauptschule und lediglich 8.6% der deutschen Schüler, wobei Kinder mit Migrationshintergrund, aber deutschem Pass auch als deutsche Schüler in der Statistik gelten. Andersherum sind auf Gymnasien die deutschen Schüler mit 28.7% und die Migrantenkinder mit 13.4% vertreten. Die größte Gruppe bei den Migranten stellen wiederum die türkeistämmigen Kinder dar. Sie sind am meisten betroffen, da ihr Anteil 23.4% an Hauptschulen darstellt und lediglich 9.3% an Gymnasien. Anhand dieser Zahlen wird der große Unterschied zwischen der Situation der einheimischen Kinder und der Migrantenkinder im Bildungssystem deutlich.
Diese Situation ist bedingt durch das Bildungssystem in Deutschland. Die Arbeiterkinder werden bewusst an der Nase herumgeführt und mit einer Erfolglosigkeit verurteilt. Für eine Chancengleichheit muss sich das Bildungssystem verändern, hierbei ist sich jeder einig. “Eine Schule für Alle” und eine kostenlose Bildung für alle von der Kita bis zur Universität, ist die Forderung. Nur die Regierung und die Kultusminister-Konferenz wollen es nicht wahr haben.

Weitere Proteste der Schüler und Studenten geplant!

Die Bildungsstreikbündnisse rufen zu weiteren Protesten und Aktionen auf. Obwohl im letzten Jahr knapp 300.000 Menschen in über 100 Städten in Deutschland gegen die katastrophalen Zustände im Bildungssystem demonstrierten und im Herbst über 80 Bildungseinrichtungen besetzt wurden und an einem dezentralen Aktionstag knapp 100.000 Menschen auf der Straße waren, hat sich kaum etwas verändert. Weder die zentralen Forderungen wurden wirklich ernst genommen, noch konnten die Ziele des Bildungsstreikbündnisses erreicht werden. Es gab lediglich große Aufmerksamkeit und natürlich einige kleine Zugeständnisse. Damit sich wirklich etwas ändert muss nun weiter gemacht werden. Die Herrschenden versuchen uns mit kleinen Zugeständnissen hinzuhalten und die neu entstandene Jugendbewegung so zu vertrösten. Aber das lassen wir nicht mit uns machen. Wir wollen kein wettbewerbsorientiertes Bildungssystem.
Das bundesweite Vernetzungstreffen in Berlin im August kam zu dem Schluss, dass einige lokale Bündnisse nicht die Kapazität für einen bundesweiten Bildungsstreik im Herbst haben. Somit sollen vorerst große Proteste mit bundesweiten Aktionswochen oder -tagen nicht stattfinden. Dies muss aber nicht als Rückschritt gesehen werden, denn stattdessen werden alle lokalen Bündnisse aufgerufen, sich an der “Global Wave of Action for Education” und den zahlreichen Protesttagen der Gewerkschaften zu beteiligen. Somit kann es zu einer gemeinsamen Bewegung der Arbeiter, Schüler und Studenten kommen, falls die Bündnisse genau so produktiv arbeiten wie zu den Bildungsstreiks. Einige Städte konzentrieren sich auf den 17.11.2010 als zentralen Aktionstag, da dieser Tag gleichzeitig auch der “International Students’Day” ist, dies geschieht allerdings dezentral. Die lokalen Strukturen allerorts sollten sich mit den Krisenbündnissen vor Ort vernetzen, um gemeinsame Aktionen planen zu können und sich daran zu beteiligen. Genauso wird dazu
aufgerufen, sich an dem europaweiten Aktionstag des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB) gegen die Krise am 29.September vor Ort zu beteiligen und dafür zu mobilisieren. Als ein Finale dieses Aktionszeitraumes wird der 13. November gesehen. Hier wird es von der Gewerkschaft bundesweit mehrere dezentrale Proteste geben. Die lokalen Bildungsstreikbündnisse sollten diese mit organisieren und sich als Bildungsstreikblock an diesen Demonstrationen beteiligen. Dieser Beschluss wurde gefasst, da wir es heute nicht nur mit Kürzungen im Bildungsbereich zu tun haben, sondern in allen Bereichen des Lebens. Deshalb können wir nur gemeinsam mit den Gewerkschaften, den Antikrisenbündnissen und der Arbeiterschaft diese weiteren drohenden Kürzungen aufhalten.

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