„Es war eine politische Entscheidung“

Tonguç Karahan / Erdoğan Kaya
Als vor 22 Jahren die Berliner Mauer fiel, war der ohrenbetäubende Jubel der maßen groß, so dass der Sturz um so schmerzlicher ausfiel. Der umjubelte Kanzler der Einheit Helmut Kohl, wurde nach 2 Jahren mit faulen Eiern beworfen. Die von westlichen Genüssen träumenden, standen binnen weniger Monate ohne Arbeit und bis dato vorhandenen sozialen Rechte auf der Strasse. Sehr schnell wurde von Deutschern zweiter Klasse gesprochen. Die, die Mauer zum Schutz gegen den Sozialismus gebaut haben, verdrehen die Geschichte und tun so als ob sie völlig unschuldig wären. Es gibt genügend Material, die belegen, dass die imperialistischen Staaten regelrecht auf eine Teilung hingearbeitet haben. Das Potsdamer Abkommen von 1945, wo nach unter Anderem die Entnazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung beschlossen wurde, bestand die sowjetische Seite auf die Einheit Deutschlands.
Inwiefern DDR ein sozialistischer Staat war, oder nicht, ist ein Thema für sich und bedarf einer tieferen Analyse. Gleichwohl musste in der DDR niemand hungern, für Gesundheit und Bildung wurde gesorgt, Arbeitslosigkeit gab es eben so wenig. Demzufolge ist es um so verständlicher, wenn viele sich nach der DDR sehnen.
Wir haben in diesem Zusammenhang mit Roger Rheinisch, ein Arbeiter der, ebenfalls musikalisch und literarisch tätig ist, in der DDR geboren und aufgewachsen, sowohl der damaligen DDR-Führung wie auch dem westlichen Imperialismus kritisch gegenüber steht, über die damalige Zeit und die Gegenwart ein Interview geführt.
Sie haben lange Zeit in Ost-Berlin gelebt und haben später auch West-Berlin erleben können. Wo würden Sie ihr Leben eher fortführen wollen?
Das „ältere Berlin“ ist natürlich nicht so schön gewesen, wie das „Neue“ jetzt sein kann. Was die Entwicklung der Lebensmöglichkeiten im Allgemeinen betrifft, so möchte ich schon im neueren Berlin leben. Aber natürlich spielt die Herkunft mehr oder weniger eine Rolle und ich bin aus dem Bezirk Friedrichshein (Ost-Berlin), wo ich aufgewachsen bin und zur Schule gegangen bin.

Was für eine Bildung bzw. Ausbildung konnten sie in während Ihres Aufenthalts in Ost-Berlin genießen?
Mein Leben begann damals ja so richtig damit, überhaupt ins Leben hinein zu kommen. Ich habe eine Lehre absolviert, auf dem Bau als Zimmermann. Genau in dieser Zeit kam auch die Aufforderung an die Arbeiter- Bauernkinder zu studieren und Bildung zu erwerben. Ich habe mich an den damals als Vorstudienanstalten bezeichneten Einrichtungen, welche dann später Arbeiter- und Bauernfakultäten genannt wurden, angemeldet. Natürlich gab es auch Widerstand seitens alten Universitätsangehörigen, denn plötzlich wird eine neue Fakultät an der Universität eingerichtet und diese wird auch noch Arbeiter- und Bauernfakultäten genannt. Aber dies gab uns die Möglichkeit als Arbeiterkinder das Abitur zu erwerben und zu studieren.

Wie wir wissen, schreiben sie auch Gedichte und sind bei einem Chor tätig. Sie waren ein Arbeiter, aber Kunst und Kultur waren immer ein Teil Ihres Lebens. Wie ist dies entstanden?
So richtig begonnen hat das mit dem Studium. Als Student hat man auch ein bisschen mehr Zeit für kulturelle Sachen. Wobei mein Bruder auch beim Rundfunk war und sich sehr viel mit kulturellen Tätigkeiten auseinandergesetzt hat, obwohl er kein Studium absolvierte. Es gab viele Möglichkeiten die Freizeit so zu nutzen und an solchen Vereinigungen teilzunehmen. An der Universität habe ich mich am Chor beteiligt und später dann an der typischen, der sich damals neu entwickelnden Ensembletätigkeit mitgewirkt und in meiner Freizeit, wenn auch nur amateurhaft, Kulturarbeit geleistet. Ich muss sagen, dies konnte nur dadurch entstehen, weil die Jugendorganisationen der Gewerkschaften staatlich stark unterstütz wurden. So war es möglich hervorragende Künstler für die Anleitung der Laienkunst zu haben, ebenso Komponisten und Dirigenten.

Sie haben sowohl beim Aufbau als auch beim Fall der Mauer in Ost-Berlin gelebt. Wie sah die Reaktion der Menschen bei der Errichtung der Mauer aus? Was für eine Atmosphäre herrschte in Ost-Berlin?
Natürlich gab es vor Mauer auch  Beziehungen zwischen Ost- und West- Berlin. Dies waren auch private und persönliche Situationen. Sehr viele Menschen pendelten täglich in den Westen, um zu arbeiten. Denn das westliche Geld wurde höher eingestuft als das östliche. So war der Mauerbau keinesfalls ein Wunsch der dort lebenden Menschen, es war vielmehr eine große politische Frage.
Es herrschte schon eine gewisse politische Situation in Westdeutschland. Und ebenso gab es in der DDR als auch in anderen Ländern im Osten, Bewegungen, die dazu geführt haben, dass die Mauer aufgebaut wurde. Viele Menschen, die ein Arbeitverhältnis zwischen Ost- und West-Berlin hatten, haben den Mauerbau nicht begrüßt.

Welche Erwartungen hatten die Menschen beim Mauerfall? Wurden diese Erwartungen in den vergangenen Jahren auch wirklich erfüllt ?
Hierzu gibt sehr viel zu sagen. Nachdem die Mauer errichtet war, haben sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Osten etwas schwieriger gestaltet. Eine richtige Organisation zur demokratischen Mitwirkung der gesamten Bevölkerung ist nicht erfolgt, genauso wenig wurden die materiellen Wünsche der Menschen erfüllt. So war ein Großteil der Bevölkerung im Osten sehr daran interessiert die technischen Errungenschaften des Westens genießen zu können und in den Besitz der westlichen DM zu gelangen. Zugleich fühlten sie sich aber auch durch die politisch-moralischen Erwartungen der führenden Kräfte im Osten eingeengt.

Wo befanden Sie sich am Tag des Mauerfalls? Wie haben Sie die allgemeine Situation wahrnehmen können?
Ich habe das Ereignis über Rundfunk und Fernsehen zur Kenntnis genommen und hab mich nicht daran beteiligt in den Westen zu rennen. Das kam bei mir, wie auch bei anderen politischen Freunden überhaupt nicht in Frage. Natürlich ist das eine politische Entscheidung gewesen. Denn diese Gesellschaft, in die wir jetzt geraten waren, war nicht unsere. Ich habe damals gesagt, dass wir schon viel weiter waren. Wir haben viele soziale Errungenschaften, von denen wir vorhin schon sprechen konnten, was Gesundheitswesen, Bildung etc. betraf, jetzt verloren. Und zwar sind diese mit der zeit sehr schnell verloren gegangen. Das habe ich hingenommen.
Es gebe noch eine Sache, die man dazu noch sagen müsste. Wie ich schon vorhin davon sprach, herrschte ein gewisser politischer Druck, aufgrund der moralischen Erwartungen im „Osten“. Deshalb konnte man nicht direkt seine eigene, individuelle Haltung hervorbringen. Man war in der Organisationsform gebunden. Aber mit der Veränderung, also mit dem Mauerfall, dachte ich immer, ich könne besser gegen den Imperialismus kämpfen als vorher. So ungefähr war die Stimmung vor dem Mauerfall.

Sie haben in der DDR gelebt. Es herrschte ein anderes System, oder wie es viele auch bezeichnen, ein„sozialistisches“ System. Haben die Menschen in der DDR dieses System wirklich wahrgenommen und akzeptiert?
Es ist immer so viel vom Sozialismus die Rede, ja gar vom sozialistischen System. Eines muss man sagen, das war es nicht! Die Absicht eine Gesellschaft zu errichten, die sozialistisch ist, ist eine gute Absicht. Aber man muss sehen, dies braucht Generationen.
Die Aufbausituation unmittelbar nach dem Krieg, wo sich von Jahr zu Jahr die gesellschaftliche und persönliche Situation verbessert hat und wo jede Preissenkung gefeiert wurde, war eine Situation, an der die Menschen begeistert beteiligt waren. Das besondere an dieser Aufbausituation war, dass viele bürgerlich-demokratischen Kräfte daran ebenso beteiligt waren. Es gab verschiedene Parteien und Organisationen, die keine sozialistischen waren, die sich aber unter der Führung der Sozialistischen Partei, die hier die Leitung übernommen hatte, zu einer nationalen Front zusammengeschlossen hatten. Als 1952 der damalige Staatsratsvorsitzender, Ulbricht, auf der Parteikonferenz der SED verkündete, dass sie mit dem Aufbau des Sozialismus anfangen, haben diese bürgerlich- demokratischen Kräfte dies begrüßt und haben sich ebenso daran beteiligt. Somit startete eine gemeinsame Aktion die neue Gesellschaft zu schaffen. Es war aber notwendig staatlich klare Verhältnisse zu schaffen, um den Gegnern, nicht zu erlauben diesen Aufbau zu zerstören. Es gab seitens der führenden Partei eine Aussage, die sozialistische Demokratie entwickle sich. Es war aber nur eine Aussage, die eine Wunschvorstellung darstellte und nicht die Realität. Denn die Organisation, das Volk in die Mitentscheidung mit einzubinden war nicht genügend.
Es gibt Politiker sozialistischer Parteien, welche teilweise aus der DDR Zeit hervorgingen, die einen Begriff für die DDR Zeit diskriminierend verwenden – der Begriff Staatssozialismus. Das ist ein völlig falscher und unnötiger Begriff. Denn damit wird die Illusion erzeugt, ohne einen Staat den Sozialismus aufbauen zu können. Man kann ohne eine staatliche Organisation keine sozialistische Gesellschaft errichten. Die sozialistischen Verhältnisse als gesellschaftliche Verhältnisse haben einen Friedensstaat erhalten. Die DDR war ein Friedensstaat.

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