Bemerkungen zur Vorgeschichte von Thilo Sarrazins Thesen über die „Abschaffung Deutschlands“

Prof. Maria Mies *

Die Aufregung über Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, bezog sich bisher fast ausschließlich auf die Frage, ob der Autor aus der SPD ausgeschlossen und von seinem Posten bei der Bundesbank entfernt werden sollte als auf den Inhalt des Buches. Inzwischen ist Sarrazin zurückgetreten. Seine Thesen haben jedoch in der Bevölkerung und in den Medien eine  kontroverse Debatte ausgelöst, die bis heute anhält. Die einen begrüßen es, dass Sarrazin endlich das schreibt, was viele schon lange gedacht haben. Die anderen nennen ihn einen Rechten, Populisten, Demagogen, Volksverhetzer oder Provokateur, der seine Ansichten pseudowissenschaftlich begründet. Solche Begriffe erfassen jedoch nur die Oberfläche des Problems. Dieses hat aber viel  tiefere Wurzeln. Sarrazins Behauptung, die Türken – denn um diese geht es im Grunde – seien  nicht „integrationsbereit“ und hätten einen niedrigeren IQ als die Deutschen, ist wissenschaftlich nicht zu halten, obwohl sich Sarrazin auf die Wissenschaft beruft. Die alte Debatte, ob Intelligenz von sozialen Bedingungen oder von den Genen abhängt, wird von Sarrazin eindeutig zugunsten der Gene beantwortet. Seine Behauptung, es gäbe ein „jüdisches Gen“, ein „baskisches Gen“ – man könnte noch hinzufügen: ein „Zigeuner-Gen“ oder ein „deutsches“ Gen –  macht deutlich, dass für ihn die Gene der entscheidende Faktor für gesellschaftlich erwünschtes und unerwünschtes Verhalten sind.
Damit sind wir bei einer weiteren Wurzel des Sarrazin-Komplexes, nämlich der Eugenik. Mit diesem Begriff begründeten die Nazis ihre Politik der „Rassenhygiene“ und beriefen sich dabei auch auf die Wissenschaft. Hitler sprach unmissverständlich von wertvollem und unwertem Leben. Zu den Unwerten gehörten Juden, Zigeuner, Behinderte aber auch rassisch „Andere“, wie etwa Schwarze. Die Werten waren die Deutschen, genauer die Arier. Hitler wusste damals noch nichts von Genetik. Aber Forschungen zur Eugenik gab es lange vor den Nazis in den USA und in England. Für die Eugeniker waren eine Reihe menschlicher Verhaltensweisen erblich bedingt, z.B. Alkoholismus, Sauberkeit, Intelligenz, Armut, Faulheit etc. Sie verlangten vom Staat, „ähnlich wie ein guter Viehzüchter“, Maßnahmen zu ergreifen, um die Erwünschten auszuwählen und die Unerwünschten zu eliminieren. Selektion und Eliminierung waren ihre Forderungen. Die Eugeniker zollten Hitler Beifall, als er 1933 sein Sterilisationsprogramm – das „Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ erließ. Die britische „Eugenic Revue“ pries Deutschland als ein „gewaltiges Laboratorium“. Die Zeitschrift schrieb:
„Es wäre falsch, und auch unwissenschaftlich, alles zu verdammen, was in diesem Land passiert (…) In Deutschland wird die fortschrittlichste eugenische Gesetzgebung ohne Schwierigkeiten durchgesetzt“ (zit. nach Bonnie Mass 1976 S.21). Witney, einer der führenden Eugeniker dieser Epoche, schrieb über das Sterilisationsgesetz Hitlers: „Obwohl nicht alle von uns den Zwangscharakter dieses Gesetzes billigen – da es auch  zur Sterilisation von Alkoholikern angewendet wird – können wir nicht anders als die Voraussicht zu bewundern, die diesem Plan als Ganzem zugrunde liegt. Wir müssen realisieren, dass Deutschland sich durch diese Maßnahme selbst zu einer stärkeren Nation machen wird“ (zit. in Corea 1986, S.21).
Von Eugenik zu reden, war nach dem Ende des Nazi-Regimes in Deutschland tabu. Doch es gab und gibt eine Kontinuität zwischen der damaligen Eugenikbewegung und dem Angriff Sarrazins auf die Türken.
Die Brücke zu unserer Zeit bildet die Soziobiologie. Wie die Eugenikbewegung wird auch die Sozobiologie wissenschaftlich begründet. Einer der führenden Soziobiologen ist der Harvard Professor für Biologie, Edward O. Wilson. Noch expliziter als die Eugeniker führt er menschliches Verhalten und sozial und historisch geschaffene Institutionen und Bräuche wie z.B.  Heiratsregeln, ethische Regeln, Weltanschauungen, religiöse Überzeugungen, Ungleichheit der Geschlechter, Arbeitsteilung, Armut, Familienformen, die „Überlegenheit“ der Männer über Frauen auf die Biologie, d.h. die Gene zurück  (Wilson 1978). Die „wissenschaftlichen“ Beweise, auf die Sarrazins Thesen sich beziehen, könnten aus der Feder Wilsons stammen. Ob Eugenik-Bewegung, faschistische Rassen-Theorie oder Soziobiologie bis hin zu Sarrazins Thesen – alle diese Ansätze beruhen auf den Begriffen der Selektion und Eliminierung oder auf Auswahl und Ausmerze, wie ich es nenne (Mies 1992).
Die tiefste Schicht der Ängste,  die Sarrazins Thesen anspricht, geht jedoch über diese Kontinuität hinaus. Sie beruhen auf der Furcht, dass die Unerwünschten sich schneller vermehrten als die Erwünschten, z. B. dass die Muslime mehr Kinder hätten als die Deutschen. Während deutsche Frauen höchsten ein oder zwei oder gar keine Kinder produzierten, hätten muslimische Familien,  bis zu 19 Kindern. Nicht nur Sarrazin,  sondern auch andere beschreiben dieses Horrorszenario. Sie reden von dem „demographischen Problem“ in allen westlichen Ländern. Das heißt: In Demokratien könnten die  „Unerwünschten“ durch Wahlen schließlich die Mehrheit bilden. Denn, wie bekannt, wird die Bevölkerung in Deutschland immer älter und die Jungen immer rarer.  Doch die Muslime, vermehrten sich „wie die Karnickel“, wie oft zu hören ist. […]
Ähnliche Ängste stecken – bis heute – hinter der Behauptung, das demographische Wachstum in den armen Ländern sei die eigentliche Ursache für den Klimawandel.
Damit sind wir schließlich bei den eigentlichen „Schuldigen“ für das „Absterben der Deutschen“ und insgesamt der „Erwünschten“, nämlich den deutschen Frauen. Denn Frauen sind es, die die Kinder gebären, nicht die Männer. Die ganze Aufregung über die „Kopftuchfrage“ beruht auf der Angst, dass die Deutschen, die Franzosen, die Engländer aussterben könnten. Sarkozy hat das Kopftuch muslimischer Frauen sogar verboten, weil es nicht mit der französischen „Kultur“  vereinbar sei. Im „liberalen“ Holland hat der Rechte Geert Wilders mit ähnlichen Argumenten so viele Stimmen erhalten, dass die Mitte-Rechts-Regierung von ihm abhängig ist.  Die Tatsache, dass 18 Prozent der deutschen Bevölkerung eine Sarrazin-Partei wählen würden (SZ, 06.09.10) zeigt, dass es nicht reicht, Sarrazin aus der SPD auszuschließen oder aus dem Bundesbankvorstand zu entfernen, um diese wachsenden Rechtstendenzen in Deutschland und in anderen Ländern zu bekämpfen.
Dass solche Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigt auch die heftige Reaktion auf die Rede unseres Bundespräsidenten, in der er betonte, er sei auch der Präsident der Muslime, die in Deutschland leben. Für diesen Satz wurde er sogar von seinen Parteifreunden (CDU und CSU) angegriffen. Muslime gehörten nicht zu unserer „Leitkultur“, diese hätte ihre Wurzeln in der jüdisch-christlichen Tradition. Die muslimische Kultur sei mit unseren westlichen „Werten“ nicht zu vereinbaren.
Solche Äußerungen zeugen nicht nur von Arroganz und Ignoranz, sondern vor allem von einem absoluten Mangel an historischem Wissen. […] In Bagdad und später in Toledo gab es regelrechte Übersetzungsschulen, in denen die griechischen Philosophen zuerst in Arabische, dann ins Lateinische übersetzt wurden. Ohne diese Übersetzungen hätte Thomas von Aquin seine Theologie nicht entwickeln können. Der Einfluß dieser arabischen Philosophen reichte bis in die Renaissance, sogar bis in die Zeit der Aufklärung und des Rationalismus.
Vielleicht sollten die heutigen Verfechter „westlicher Werte“ sich etwas mehr mit der Geschichte der „abendländischen Werte“ befassen, ehe sie ein Urteil über die Muslime fällen. Sie wiederholen lediglich die Vorurteile von Herrn Sarrazin und schüren damit faschistische Tendenzen, die sich zur Zeit in ganz Europa breit machen.

* Der Artikel wurde an verschiedene Zeitungen (FR, SZ usw.) geschickt aber keine Zeitung veröffentlichte den Artikel.