Was die Gewerkschaftskonferenzen uns zeigen

Erkan Aydoganoglu*

Seit einer Weile finden in verschiedenen Städten der Türkei von Gewerkschaften, Arbeiterinnen und Beschäftigten des öffentlichen Dienstes organisierte Konferenzen statt. Tausende von Angestellten, Arbeiterinnen und Arbeitern und Gewerkschaftler diskutieren über das Thema „Schwierigkeiten der Gewerkschaftsbewegung“. In diesen Veranstaltungen wird nicht nur erörtert, welche Schwierigkeiten die Gewerkschaftsbewegung in der Türkei hat, sondern es werden auch Antworten formuliert, wie die Gewerkschaftsbewegung gestärkt und die Schwierigkeiten überwunden werden können. In den bisherigen Konferenzen haben organisierte sowie nicht organisierte ArbeiterInnen, LeiharbeiterInnen, Arbeitslose sowie Beschäftigte des öffentlichen Dienstes kundgetan, dass sie sich ihrer Lage und ihrer Probleme bewusst sind. Diese Menschen, die selbst betroffen sind, wissen besser als jeder Andere, was die konkreten Probleme sind und wissen auch, dass ihre Probleme nicht von oben oder durch Hilfe von außen zu lösen sind. Daher sind die meisten Diskussionen darüber geführt worden, wie die Beziehung der ArbeiterInnen an der Basis zu der Gewerkschaftsbürokratie und ihrer Vertreter und über die Formen und Wesen des gewerkschaftlichen Wesens geführt worden. An den vielzähligen Veranstaltungen, an denen sich teilnehmen konnte und durfte, konnte ich vieles beobachten. Eine Beobachtung an allen Veranstaltungen war, dass sowohl gewerkschaftlich Organisierte aber auch Nichtorganisierten einstimmig der Meinung sind, dass viele Gewerkschaften und Gewerkschaftler in der jetzigen Situation sich von der Basis und von der Arbeiterklasse entfernt haben. Den Wünschen und Erwartungen der Klasse, die sie vertreten, haben sich Gewerkschaften entfremdet, vom Leben der ArbeiterInnen sind ihre Vertreter sowohl finanziell als auch ideel weit entfernt und haben ihr schon längst den Rücken gekehrt. Viele ArbeiterInnen formulierten diesbezüglich jedoch auch selbstkritische Gedanken mit dem Tenor: „Dass all dies so ist, liegt auch in unserer Verantwortung. Wenn wir stärker zusammenrücken würden, eine stärkere Einheit wären, würden sie nicht so gleichgültig sein können.“

Diese Reihe von Konferenzen hat auch eine andere Qualität, die einen Unterschied zu den vorhergehenden Konferenzen aufweist, denn dass diese Konferenzen von der Basis heraus organisiert und durchgeführt wurden, lässt sich sowohl an den großen Teilnehmerzahlen, als auch an den RednerInnen erkennen.

Insbesondere die offenen und eindeutigen Reden von unorganisierten ArbeiterInnen und LeiharbeiterInnen waren große Beachtung wert. Sie kritisierten auf der einen Seite Gewerkschaften, da diese sich nicht um ihre Belange kümmern würden. Auf der anderen Seite verdeutlichten sie auch die Wichtigkeit der Gewerkschaften als Möglichkeit und Mittel im organisierten Kampf für demokratische und wirtschaftliche Rechte und Interessen.

Dass Gewerkschaften (in vielen Ländern) unter Kraft- und Vertrauensverlust leiden, ist allgemein bekannt. Das beeinflusst auch das Interesse an organisiertem Kampf vieler Millionen unorganisierter ArbeiterInnen negativ. In zusammenfassenden Einschätzungen wurde betont, dass die Gewerkschaft jedoch die einzige sinnvolle Möglichkeit ist, mit deren Hilfe sich ArbeiterInnen organisieren und für gemeinsame Interessen kämpfen können. Ich habe beobachtet, dass die Konferenzen, in der jeweiligen Stadt, in der sie abgehalten wurde, große Hoffnungen geweckt haben. In diesen Konferenzen werden immerhin ein breites Spektrum von Forderungen diskutiert. Hierzu gehören u.a.:

–          Demokratisierung von Gewerkschaften,

–          Bestimmung der Gewerkschaftspolitik durch die Wünsche der Basis,

–          Die Neuorganisierung von Gewerkschaften mit dem Ziel, diese wieder zum Zentrum von Organisierung, Kampf und Widerstand zu machen.

Auf die einstimmigen Entscheidungen dieser Konferenzen bauend, wurden verschiedene Ziele formuliert: Zum einen sollen die gewerkschaftlichen Inhalte den Bedürfnissen der aktuellen Widerstandsituation angepasst werden, zum anderen sollen Hindernisse, die einem einheitlichen Kampf der ArbeiterInnen entgegenstehen, schneller erkannt und bekämpft werden.

* Übersetzung von Serpil Karahan