Rassistisches Pogrom wird vertuscht

Hanife Aslan

„Immer wenn ich Abends in mein Zimmer gehe, mache ich die Decke über meinen Kopf und verkrieche mich in der Ecke“, sagt der 10-Jährige Umut. Er hat Angst, dass das, was seiner Familie am 28. Juni diesen Jahres passiert ist, erneut geschehen könnte. Gegen kurz nach drei Uhr kommt sein älterer Bruder Fatih in dieser Nacht nach Hause. Er wohnt gemeinsam mit der Mutter und sechs Geschwistern in einem Reihenhaus im Bremer Stadtteil Woltmershausen. Nachbarn der türkischstämmigen Familie C., die ihren ganzen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, feiern auf der Terrasse vor ihrem Haus. Als sie Fatih sehen, entlädt sich ihr Hass, den sie seit Langem auf die Familie C. hegen: „Ausländer raus! Ausländer raus!“ skandieren sie lautstark. Ein Nachbar will sogar die Worte „Sieg Heil!“ gehört haben. Fatih verschwindet nach eigenen Angaben wortlos im Haus. Kurze Zeit später klingelt es. Der 20-Jährige bemerkt Feuer an der hölzernen Eingangstür. Einer der Täter soll den Brand mit seinem in einer brennbaren Flüssigkeit getränkten T-Shirt gelegt haben. Fatih kann der Brand löschen und ruft die Polizei. Erneut werden rassistische Parolen gerufen, das Glas der Eingangstür wird mit Knüppeln eingeschlagen. Als die Polizei vor Ort eintrifft, nimmt sie drei alkoholisierte Männer im Alter von 25, 31 und 33 und eine 43 Jahre alte Frau als Tatverdächtige vorläufig fest. Noch am selben Morgen werden sie wieder freigelassen.

„Wie die Beamten reagiert haben, das ist unter aller Sau!“ sagt Emre, Sohn der Familie C., empört „Mein Vater wollte wegen meiner kleinen Geschwistern Schutz haben für meine Familie.“ Ein Beamter der örtlichen Polizeidienststelle soll daraufhin erwiedert haben, die Nachbarn würden das schon nicht wiederholen. „Stattdessen sollten wir uns einen Wassereimer an die Tür stellen und wieder schlafen gehen.“

In Bremen gingen eine Woche nach dem Anschlag rund 600 Menschen unter dem Motto „Aufdecken statt Vertuschen!“ auf die Straße. Sie werfen der Polizei vor, den Vorfall als „Nachbarschaftsstreitigkeit“ herunterzuspielen. Weiter kritisierten die Demonstranten, dass die Behörde die Öffentlichkeit erst informierte, nachdem der Anwalt der Familie sich an die Presse gewandt hatte.

Seit rund drei Jahren wohnt die Familie in einer abgelegenen Spielstrasse in Woltmershausen. „Das Viertel ist ein traditionelles Arbeiterviertel, geprägt durch den Neustädter Hafen und Einfamilienhaushalte“, sagt Mazlum Koc. Der die Partei „Die Linke“ im Beirat des Stadtteils vertritt. „Die Mieten sind hier noch vergleichsweise günstig. Es gibt viele alteingesessene Einwohner, hier kennt jeder jeden in der Nachbarschaft.“ Doch Mitgefühl oder gar Solidarität scheinen die Anwohner gegenüber der türkischen Familie nicht zu spüren. Stattdessen regen sie sich über die „frechen und lauten“ Kinder auf, die „kriminell seien“. „Hier war keiner froh, dass die hier hergezogen sind“, schimpft eine Anwohnerin. Eine der Tatverdächtigen, Anja S., sagt: „Die müssen sich hier anpassen!“ Das ganze Thema werde von der Presse nur aufgebauscht. Ihre Erklärung für den Brandanschlag: „Einfach zu viel getrunken. Das ist aus dem Suff heraus passiert. Es gibt keine ausländerfeindlichen Hintergründe oder so.“ Angesprochen auf die rassistischen Parolen an diesem Abend antwortet sie mit einem lachen: „Kann sein!“