Der NSU-Prozess an der Keupstrasse

 

Rückblickend ereignete sich der rechtsextreme Angriff am 9. Juni 2004. Ab diesem Tag, wurde die Keupstrasse zu den meist bekannten Straßen Deutschlands. Mehrheitlich ist die Keupstrasse in Köln bewohnt von Bürgern und Bürgerinnen mit Migrationshintergrund. Nun begannen die Verhandlungen vor dem Münchener Oberlandsgericht in Bayern. Es berichten sowohl Opfer als auch Zeugen, wie sie sich nach dem Anschlag, seitens der Polizei benachteiligt fühlten und wie sie behandelt wurden.

Die rassistische Terrororganisation plante und verübte im Zeitraum von 2000-2007 diverse Angriffe, deutschlandweit. Darunter in Köln-Mühlheim, an der Keupstrasse. Diese Strasse nimmt eine zentrale Rolle während der ganzen Geschehnisse ein. Denn die NSU rechnete mit einem erfolgreichem Massenmord an den multikulturellen Bewohnern der Straße. Die Bilanz waren zum Teil 22 Schwerverletzte und viele traumatisierte Menschen. Bis zum Jahre 2011, wurde ein rechtsextremer Hintergrund konsequent ausgeschlossen und nie in Erwägung gezogen.
Gehen wir zurück zum 9 Juni 2004. Es ist 15:56 Uhr. Die Nagelbombe wird aus der Entfernung mithilfe einer Fernbedienung aktiviert. Harmlos und unauffällig versteckten sie die Bombe in einem Fahradkoffer. Schießpulver und 700 Nägel mit einer Grösse von zehn Zentimetern verletzen die Ahnungslosen massiv. Unter den schwer Verletzen waren Sandro D. und Melik K. . Als die Bombe aktiviert wurde, standen beide in unmittelbarer Nähe. Sandro stand direkt neben der Nagelbombe. Eigentlich wollten sie nur ihren Hunger stillen, indem sie einen Imbiss aufsuchten, doch als sie den Laden verließen, veränderte sich ihr Leben dramatisch. Sie beschreiben die Tage nach den Vorfall als Tatverdächtige in den Augen der Polizisten.
Direkt nachdem sie die Intensivstation verließen und Besuche erlaubt waren, wurden sie von der Polizei als Täter betrachtet und gleichzeitig benachteiligt. Melik K sagte aus :,, Drei Tage lang durfte ich meinen Freund Sandro nicht sehen. Sie nahmen unsere Personalausweise in Beschlag und anschließend nahmen sie Fingerabdrücke um einen DNA-Test auszuführen. Die ganze Zeit über, machten sie Andeutungen, dass wir hinter dem Anschlag stehen würden. Die Polizei lud uns zu einer Aussage ein und ich sagte, dass wir schwer verletzt wurden, ältere Menschen und Kinder die Straße täglich passieren. Wir sind unschuldig. Um das alles zu wissen, muss man kein Polizist sein.“
Während diese Sätze von Melik K. ausgesprochen wurden, klatschten die Zuschauer, die im Münchener Gerichtssaal anwesend waren. Der Vorsitzende des Gerichts, Manfred Götzl, warnte die applaudierenden Zuschauer. Es herrschte Ruhe.
Hasan Y. , der ebenfalls diesen schrecklichen Tag erlebte, bestätigte die Haltung der Polizisten gegenüber ihm, ähnlich wie bei Sandro und Melik. Bis zum Tag der Aufklärung beharrte die Polizei darauf, dass Hasan Y. eine Verbindung zum Anschlag hätte, da er nicht weit von der Bombe stand. Doch als die Bombe hochging, war Hasan damit beschäftigt, die Haare von einem Kunden im Friseurgeschäft zu schneiden. Dem Friseurgeschäft, vor dem Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ein scheinbar harmloses Fahrrad mit Koffer abstellten. Seit dem ersten Tag, erklärte Hasan in seiner Aussage immer wieder, dass der mutmaßliche Täter eine helle Haut und blonde Haare hatte. Trotz allem, glaubten sie ihm nicht, teilte er enttäuscht mit. Sowohl er, als auch seine Familie, Freunde und alle anderen Kleinhändler in der Keupstrasse, wurden monatelang von der Polizei oberserviert. Nicht nur Sandro, Melik und Hasan, sondern fast alle Opfer und Augenzeugen, fühlten sich benachteiligt und nicht ernst genommen. Sie wurde allesamt als potentielle Täter eingestuft. Lediglich, Götzl, kritisierte die Vorgehensweise der Polizei und deren Diskriminierung gegenüber der Opfer. Er lenkte die Diskussion und die Verhandlung in eine andere Richtung.
Bekanntlich haben nicht nur Polizisten, sondern auch SPD-Politiker Otto Schily voreilige Schlüsse getroffen und die Opfer mit Migrationshintergrund diskriminiert. Schily behauptete, dass der Anschlag keineswegs einen rechtsextremistischen Hintergrund hat, sondern es sich eher um einen Machtkampf zwischen türkischen und kurdischen Mafiabanden handele. Niemals aber seien es Neonazis.
Das Innenministerium des Bundeslandes bestätigte auch das Zuspätkommen des Streifenwagens zum Tatort, bisher , aus ihnen unbekannten Gründen. Warum kamen sie nicht pünktlich zum Tatort, obwohl die Notrufe sofort eingegangen waren?

All die Aussagen, klarifizieren die Vorgehensweise der Verhandlungen. Es wurde bewusst abgelenkt, sodass die Beauftragten genug Zeit hatten um Beweise, Namen und Dokumente verschwinden zu lassen.
Aberratio ictus = Fehlgehen der Tat

Nachdem die subtilen und merkwürdigen Tatsachen zur Öffentlichkeit gingen und sich herausstellte, dass der Nationalsozialistische Untergrund hinter der Greueltat steckte, wurde deutschlandweit mobilisiert. Danach tauchten die Verbindungen zu den Morden auf. Getötet wurden in verschiedenen Städten Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michele Kiesewetter . Erst 2011, als die NSU-Zelle enttarnt wurde, sind die Opfer und Augenzeugen als mutmaßliche Terrorverdächtige entlastet worden. Man stelle sich vor, dass diese Menschen sieben Jahre lang beschuldigt wurden, eine Tat begangen zu haben, die sie niemals begangen haben.

Aus diesem Grund war vor dem Oberlandsgericht in München am 20. Januar viel los. Am 175. Prozesstag zeigten Circa 200 Aktivisten den Opfern und Klägern im Landgericht, dass sie nicht allein sind und setzten ein lautes Zeichen gegen Rassismus. Mithilfe von weiteren antifaschistischen Unterstützern wurde Redebeiträge vor Ort gehalten und Berichte von Betroffenen vorgelesen.
Unter anderem vertreten war die Initiative ,,Keupstrasse ist überall!“ .
Dieser Anschlag verdeutlicht inwiefern Nazis mit Geheimdiensten, Ermittlungsbehörden und den Medien kooperieren können. Und das nur durch diese Kooperation alles jahrelang verheimlicht wurde. Unter den 200 Protestierenden, waren circa 30 Schüler vom Mühlheim-Hölderlin Gymnasium, welche den Prozess im Gericht verfolgt haben.
Wir sprachen mit Rechtsanwalt Alexander Hoffmann, der von Anfang an in allen Entwicklungen dabei war und eine Nebenklägerin von der Keupstrasse vertritt. Wir trafen ihn in München nach der Verhandlung und stellten Fragen über den Zustand der Betroffenen und Angehörigen.

Herr Hoffmann, heute ist der 175. Prozesstag. Auf welchem Stand sind wir?

Hoffmann : Naja, die Beweisaufnahme für die zehn Morde sind im Wesentlichen abgeschlossen. Wir haben jetzt angefangen, mit dem Bombenanschlag in der Keupstraße. Der erste Bombenanschlag aus dem Jahre 2001 ist auch schon abgearbeitet. Wir werden jetzt in den nächsten Wochen, den Bombenanschlag in der Keupstraße bearbeiten. Danach müssen wir noch weitere Fragen stellen und Zeugen befragen zur Frage ,,Wer war alles Teil der NSU?“ Diese Terrorgruppe. Denn das ist noch alles gar nicht geklärt. Oder was haben diese Leute gemacht, außer den Anschlägen, in den Jahren 2001-2011?

Wie viele Zeugen waren hier? Tino Brandt und Piatto waren hier. Haben sie sich geäußert?

Hoffmann : Nein. Die V-Leute und die Nazis haben fast gar nichts gesagt, aber insgesamt hat man trotzdem ein Bild zeichnen können.
Welches Bild meinen Sie? Besteht eine Verbindung zwischen den Tätern und dem Verfassungsschutz?

Hoffmann : Also, man hat das Bild zeichnen können, was dazu führen wird, dass die Täter, die Angeklagten hier verurteilt werden. Ich bin mir sicher. Es ist auch ein Bild gezeichnet worden, dass die Täter eng umgeben waren von einem Netz von Mitarbeitern des Verfassungsschutzes, sodass sich die Frage, Warum die nicht vorher festgenommen worden sind, immer stärker stellt.

Bis jetzt ist immer noch nicht klar, ob Beate Zschäpe mit involviert war und inwiefern sie alles organisiert hat.

Hoffmann : Es gibt viele Beweise dafür. Es gibt schon viele Hinweise dafür, dass sie ein Teil dieser Gruppe war und mitverantwortlich für die Taten ist.

Welche Erwartungen haben sie bis zum Prozessende, welcher normalerweise bis Ende diesen Jahres vorhergesehen ist?

Hoffmann : Ich nehme an, dass wir irgendwann zum Ende diesen Jahres zum Ende kommen, ein Urteil bekommen und dass die Angeklagten verurteilt werden.

Vielen Dank Herr Hoffmann.

Zalal Güyildar

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