Türkei: Nationalismus in Fußballstadien und Städten

Mithat Fabian Sözmen

Während des Gezi-Widerstands hatte die AKP dem kulturellen Kapital der Massen nichts entgegenzusetzen und versucht seitdem, sich neue Stützen aus jener Welt zu schaffen, aus der sie hervorging.

Dieser Kampf um kulturelle Hegemonie bedient sich manchmal importierter Elemente wie das „Rabia-Zeichen“ der Muslim-Brüder in Ägypten. Ein anderes Mal sehen wir aus dem Neoosmanismus ausgeliehen Elemente wie beim Beispiel der Fußball-Fangruppen, die in ihrem Namen den Zusatz „1453“ haben – also das Jahr, in dem Konstantinopel, das heutige Istanbul, von der osmanischen Armee erobert wurde.

Die AKP hat im Diskus der letzten Zeit die Betonung auf „einheimisch und national“ gelegt. Damit versucht sie ihren Hegemoniebemühungen ein verbales Übergewicht zu verleihen. Diese kulturelle Schlacht schöpft ihre Munition aus dem tatsächlichen Krieg, der seit vergangen Juli geführt wird.

Die Betonung auf „einheimisch und national“, der eine Schlüsselposition zugeschrieben wird, erhebt Anspruch auf Inklusion. Und diese funktioniert nur zusammen mit dem Ideal der AKP, die nationalistisch-konservativen Massen unter der eigenen Flagge zu versammeln.

Bei der Wahl führte diese AKP-Sicht zum Erfolg. Und sie taucht in den Aktionen der vermummten Todesschwadronen von JITEM, die in kurdischen Provinzen unter Ausgangssperre ganze Städte terrorisieren. Die Mitglieder der Gruppe „Esedullah Team“ zeigen mit ihren Allahuakbar-Rufen und rassistischen Graffitis an Häuserwänden auf, was der Krieg für diese Massen bedeutet.

Die JITEM-Angehörigen schänden Leichen und lassen sich dabei aufnehmen, um später die Videos im Internet zu verbreiten. Diese Auftritte, die an die Taten der IS erinnern, sollen nicht nur als Heldentaten für die eigene Basis präsentiert werden, die sich augenscheinlich davon beeindrucken lässt. Damit möchte man unter dem Vorwand der Bekämpfung der PKK auch bei den nationalistischen Grauen Wölfen und Linksnationalisten Pluspunkte sammeln. Vielleicht lassen sich davon die Letzteren weniger beeindrucken. Allerdings führt dieses Vorgehen bei den Bemühungen, die nationalistisch-konservativen Kreise zusammen zu bringen und die Grauen Wölfe anzusprechen, offensichtlich zum Erfolg.

Nationalistenführer wie Sedat Peker und Mehmet Ağar erklären ihre Unterstützung für die AKP. Wie auf den Kundgebungen von Peker zu sehen war, auf denen islamistische und nationalistische Symbole zusammengebracht wurden, geht die Strategie des „Einheimischen und Nationalen“ auf. Ein anderes perfektes Bild dieses zweifelhaften Erfolgs bot sich uns auch bei dem Freundschaftsspiel der türkischen Fußballnationalmannschaft gegen die Griechische. Die Zuschauer, die die griechische Nationalhymne auspfiffen und während der Gedenkminute für die Opfer von Paris islamistische Losungen grölten, wurden ohne Eintrittskarte ins Stadion geschleust. Sie stehen der AKP nahe und ließen sich vor Spielbeginn am Stadion mit Transparenten fotografieren, auf denen sie ihre Treue zum Staatspräsidenten Erdogan schworen. Einen ähnlichen Vorfall hatten wir auch im Stadion von Konya erlebt, als die Zuschauer auf den Tribünen die Gedenkminute für die Opfer der Anschläge des IS von Ankara mit Buhrufen störten. Das sind die offensichtlichen Folgen der „einheimischen und nationalen“ AKP-Politik.

Mit diesen „Protesten“ wurde deutlich gemacht, dass sie und ihre Verantwortlichen nicht auf der Seite der Menschlichkeit stehen, sondern sich dem Verständnis hinter den Gräueltaten des IS näher fühlen. Mit ihrem „Protest“ schickten sie zugleich eine deutliche Warnung und Botschaft an die Adresse derer, die dieses Verständnis nicht teilen. Dass man dafür die beiden Fußballspiele der Nationalmannschaft aussuchte, sollte zeigen, dass man „in der Bevölkerung stark verankert“ ist und sich keinem Druck beugen wird.

Die Regierung erklärte mit leiser Stimme, sie heiße weder die Proteste in den Stadien, noch das Vorgehen des „Esedullah Teams“ (sie meinte damit ausdrücklich nicht die verübten Morde, sondern ihre Graffitis an den Wänden) gut. Diese Erklärungen sind jedoch nur scheinheilig. Die kulturellen Motive des geführten Krieges, die Leichenschändungen, die Graffitis, die Buhrufe und Pfiffe in den Stadien beschäftigen die öffentliche Agenda. Und die AKP ist außerordentlich zufrieden damit.

Übersetzung: Mehmet Çallı