Weitere Monopolisierung in der Agrar-Industrie

Dilan Baran

Der deutsche Chemiekonzernriese Bayer und der weltgrößte Hersteller von gentechnisch verändertem Saatgut, Monsanto, haben Gespräche über eine mögliche Übernahme von Monsanto bestätigt. Durch den Kauf würde Bayer auf den ersten Platz der Saatguthersteller aufsteigen und auch die Schweizer Syngenta vom Spitzenplatz unter den Pflanzenschutzanbietern ablösen.

Monsanto hat im Jahr einen Erlös von rund 13 Milliarden Euro, Bayer kam im vergangenen Jahr auf einen Gesamtumsatz von 46,3 Milliarden Euro. Nach Einschätzung von Analysten würden die Unternehmen gemeinsam 28 Prozent der weltweit verkauften Pflanzenschutzmittel absetzen. Zudem sei Monsanto in den USA stärker aufgestellt, Bayer in Europa und Asien. So ein Agrar-Multi würde weltweit verheerende Folgen für die Natur, für Landwirte, für alle betroffenen Beschäftigten und nicht zuletzt für die Verbraucher haben, mehr als das jetzt schon der Fall ist.

Chemie- und Nahrungsmonopole gefährden die Gesundheit!

Schon jetzt ist Monsanto für seine rigorose Lobby-Praxis bekannt und sein größter Umsatzbringer, das Pflanzengift Glyphosat, ist nach Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation WHO vermutlich krebserregend und steht unter Verdacht, Fehlbildungen zu verursachen. Glyphosat ist das meistgespritzte Pestizid weltweit. Meist wird es zusammen mit Gen-Pflanzen, wie Mais oder Soja, eingesetzt. Jahr für Jahr mehr als 700.000 Tonnen. Die Verbreitung ist so groß, dass sich Rückstände nicht nur in Getreide und Brot befinden, sondern auch in menschlichem Urin und sogar der Muttermilch. Das gefährliche Ackergift wird inzwischen auch von Bayer vertrieben und die beiden Unternehmen weigern sich diesen vom Markt zu nehmen.

Am 30. Juni läuft die EU-Zulassung des Herbizids aus. Bis dahin muss eine Entscheidung über eine mögliche Verlängerung gefällt werden. Die EU-Kommission wollte ursprünglich bereits im März darüber entscheiden, verschob die Abstimmung aber auch damals wegen zu unterschiedlicher Meinungen. Und jetzt wurde die Entscheidung über die erneute Zulassung des Herbizids in Europa wieder vertagt.

Dass es bisher keine Mehrheit für oder gegen die Neuzulassung gibt, liegt auch an Deutschland. Die große Koalition liegt in der Frage über Kreuz. Da das Thema in der deutschen Bevölkerung sehr umstritten ist und Verbraucherschützer, Umweltorganisationen und Menschenrechtler sich gegen Glyphosat stellen, sah sich die SPD gezwungen, auch dagegen Position zu beziehen, während die CDU die Verlängerung des Giftes befürwortet. Deutschland spielt im Hinblick auf ein mögliches Verbot sowieso eine entscheidende Rolle: Vier deutsche Behörden unter Federführung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) überprüfen im Auftrag der EU die Risiken des Wirkstoffs. Im bisherigen Verfahren griff die Behörde jedoch fast ausschließlich auf Studien der herstellenden Konzerne selbst zurück. Sogar Leserbriefe von Wissenschaftlern, die im Auftrag der Agro-Industrie stehen, wurden zur Entlastung hinzugezogen. Hingegen blieb mehr als die Hälfte aller in Fachzeitschriften publizierten Untersuchungen – oftmals von unabhängigen Forschern – unberücksichtigt. Hinzu kommt: Die von der Industrie eingereichten Studien sind der Öffentlichkeit und damit einer Überprüfung durch unabhängige Wissenschaftler nicht zugänglich. Glyphosat-Befürworter fordern von den Gegnern einen Beweis für die Gefährlichkeit, statt einen für die Ungefährlichkeit zu liefern. Die „Coordination gegen BAYER-Gefahren“ (CBG), eine kritische Non-Profit-Organisation, fordert in einem Aufruf die Umkehrung der Beweislast: Nicht Behörden oder Verbraucher sollten die Gefährlichkeit des Stoffs beweisen, sondern die Produzenten dessen Ungefährlichkeit.

Fusionsdruck im „Monopoly-Spiel“

Wegen seines denkbar schlechten Rufes führt der Konzernriese Monsanto regelmäßig die Sigwatch-Rangliste der am stärksten von Nichtregierungsorganisationen kritisierten Institutionen an. Weitere Kandidaten dieser Position sind vor allem der Erdölriese Shell und die Weltbank. Und die Kritiken sind berechtigt: Es sollte nicht möglich sein, dass sich Konzerne Patente auf Pflanzen geben lassen, die hohe Preise für lange Zeit garantieren. Es riecht verbrecherisch, wenn ein Konzern einen Unkrautvernichter anbietet und als einziger Anbieter das Saatgut gleich mitliefern darf, das diesem Mittel standhält.

Dem Bayer-Konzern, eines der größten deutschen Unternehmen, dürfte diese Art der Geschäftsführung nicht fremd sein; im Monopoly-Spiel der Branche ist es womöglich auch „die letzte und einzige Chance“ so Berstein-Analyst Redenius, denn in den letzten Jahren hat sich die Situation des Agrar-Marktes extrem zugespitzt. Hatten 1985 die zehn größten Anbieter von Saatgut zusammen noch einen Marktanteil von ca. 12,5 Prozent, so kamen Bayer, BASF, DuPont, Monsanto, Syngenta & Co 2011 schon auf 75,3 Prozent. Zuletzt gab es weitere Zusammenschlüsse, in die gleich sechs der größten Anbieter aus der Agrochemie beteiligt sind: Im Dezember taten sich die US-Hersteller Dow Chemical und Dupont mit 130 Milliarden Dollar Börsenwert zum weltgrößten Chemiekonzern zusammen. Und der Wettbewerbshüter Chem-China erwarb Syngenta.

„Wir können auch nicht ausschließen, dass die Agrochemiesparten von Monsanto und Bayer nach einer Fusion unter Gleichen in ein separates Unternehmen ausgegliedert werden“, schreibt Morgan-Stanley-Analyst Vincent Meunier. Sollte es so kommen, wäre der neue Bayer-Chef Baumann, der als gewiefter Stratege bekannt ist, zumindest auch das Problem mit dem Monsanto-Image schnell wieder los. Das Geschäft mit Saatgut und Agrarchemie hat längst eine ähnliche geostrategische Bedeutung, wie einst das mit dem Erdöl. Und der weltweite Bedarf nach Saatgut und Unkrautvernichtern wird im gleichen Maße zunehmen, wie die Erdbevölkerung wächst.

Monopolisierung bringt Innovationsstau

Deshalb müssen durchaus Strategien entwickelt werden, wie eine stetig steigende Bevölkerung ernährt werden kann. Doch die oligopolen Strukturen bringen neben der Vernichtung von wertvollen Ressourcen und Nahrungsmitteln, um nur den Preis stabil zu halten, auch einen riesigen Innovationsstau als Folge deutlicher Reduktion der Forschungsaufwendungen mit sich. Neue Herbizide haben die Konzerne wegen der übersichtlichen Markt-Verhältnisse deshalb seit Urzeiten nicht mehr entwickelt, gab der Bayer-Forscher Dr. Hermann Stübler kürzlich selbst bekannt.

Und was die Skrupellosigkeit angeht, so verweist die Coordination gegen BAYER-Gefahren zudem darauf, dass Bayer 1954 bis 1967 mit Monsanto das US-amerikanische Joint Venture Mobay führte und dort in die Herstellung von Komponenten von Agent Orange für den Vietnamkrieg verwickelt war.