„Ehe- und Familienleben“ – Eine Broschüre voller Frauenverachtung

Sidar Carman

Ein skandalöses Buch für frisch Verheirate sorgt in der Türkei für Entsetzen und berechtigte Empörung. „Ehe und Familienleben“ – so der Titel des 394-seitigen Ratgebers, dessen Inhalt sich mit den Fragen um Ehe, Rollen- und Aufgabenverteilung und Sexualität beschäftigt. Öffentlich wurde der Skandal um diese Broschüre durch die CHP-Abgeordnete Fatma Kaplan, die das absurde Pamphlet Mitte Dezember in das türkische Parlament trug.

Verteilt wird die Broschüre im Auftrag des AKP-Bürgermeisters der Provinzstadt Kütahya. Der Verfasser ist ein nicht Unbekannter. Es ist Hasan Caliskan, ein ehemaliger Mitarbeiter der Diyanet, dem Amt für Religionsangelegenheiten. Die Auszüge, die bisher in den Medien veröffentlicht wurden, lassen einem den Atem verschlagen. Die Broschüre versteht sich als moralisch sittliche Praxishilfe für das Eheleben. So sollen Schläge gegen ungehorsame Frauen wie Medizin wirken! Unfassbar, aber die Ratschläge übertreffen sich gegenseitig. Hier einige Beispiele:

„Wenn Du als Ehefrau beim Sex sprichst, wird Dein Kind stottern“

„Für den Fall, dass die Frau zickig ist, sollte der Mann sich nicht sofort scheiden lassen, (…) Stattdessen sollte der Ehemann eine zweite Frau ehelichen, damit sie die erste Ehefrau zur Vernunft bringt.“

„Manchmal sind ein, zwei Schläge ganz nützlich, das wirkt wie Medizin. Der Ehefrau wird so in Erinnerung gerufen, wer das Sagen im Haus hat.“

„Lohnarbeit ist für die Frau unnütz“, denn „im Arbeitsleben kann die Frau einen noch attraktiveren Mann als ihren Ehemann sehen und sich in ihn verlieben. Sie soll daher ihre Beine übereinanderschlagen und lieber zu Hause bleiben“ Ballett und Theaterhäuser sind teuflische Horte, Frauen haben auf Sportplätzen und Parkanlagen nichts zu suchen.

Die Beispiele müssen ausreichen, um den haarsträubenden Geist der Broschüre zu veranschaulichen. Sie berechtigen die „Zweitfrau“ (Polygamie), Gewalt gegen Frauen, das Verbot der gleichberechtigten Teilhabe an Arbeit und gesellschaftlichem Leben und damit die untergeordnete Stellung der Frau gegenüber dem Mann. Unfassbar, dass die Ratschläge ernst gemeint sind. Denn sie sträuben sich gegen Vernunft und Verstand. Doch sie zeugen einen streng konservativen, patriarchalen Geist, der offensichtlich seine günstigen Rahmenbedingungen findet bzw. finden kann. Sprich: die Inhalte der Broschüre sind Ausdruck einer Politik, die den streng-konservativen, mittelalterlichen und frauenverachtenden Vorstellungen einen Berechtigungsgrund einräumt, ja sogar forciert. Sie reiht sich in eine lange Liste von Vergehen an den Grundrechten der Frau ein. Die AKP-Regierung versucht immer wieder den Ehebruch unter Strafe zu stellen, wie auch das Recht auf Abtreibung grundlegend einzuschränken. Im Mai 2016 forderte Erdogan das Verbot von Empfängnisverhütung, weil sie gegen „Natur und Wesen der Frau“ verstoße. Stattdessen appellierte er den Frauen, mindestens drei Kinder zu gebären. Im November 2016 reichten AKP-Abgeordnete einen beschämenden Gesetzesentwurf zur Amnestie von Sexualtätern durch Heirat ein, wonach die Verurteilung wegen sexueller Übergriffe gegen Minderjährige aufgehoben werden kann, wenn der Täter sein Opfer anschließend heiratet. Das Vorhaben wurde nach landesweitem Protest von Frauen zurückgezogen. Bereits im Juli 2016 hatte das türkische Verfassungsgericht ein Gesetz aufgehoben, das sexuelle Handlungen mit Kindern unter 15 Jahren als „sexuellen Missbrauch“ wertet. Das Zurücksetzen der Frau in der Gesellschaft wird wiederum ausgeglichen mit einem sentimentalen, übertriebenen Jubel auf die Mütterlichkeit, die nach Ansicht der AKP jedoch keinen Platz im öffentlichen Leben einnehmen darf. Denke man nur an die Forderung eines Islam-Gelehrten, schwangeren Frauen zu verbieten, ihren Bauch in der Öffentlichkeit zu zeigen. Verkehrte Welt.

Dies ist die eine Seite eines Landes, dessen Kompass in die Vergangenheit zeigt. Die andere wird gesteuert von einer differenziert zusammengesetzten Frauenbewegung, die selbstbewusster ihren Protest zum Ausdruck bringt. Gegen diesen auflebenden fortschrittlichen Protest der Frauen reagiert die AKP-Regierung mit härteren bzw. mittelalterlicheren Vorhaben. Der frauenverachtende Kurs der AKP-Regierung entspringt aus der tiefen Vorstellung einer patriarchalisch-autoritär und konservativen Gesellschaftsordnung. Er ist ein Beispiel für die „Roll-Back“-Politik im sozialen und kulturellen Leben. Ein derartiger Kurs offenbart den verheerenden Zustand eines Landes, dessen Regierung den rechtlichen, politischen und geistigen Nährboden für Gewalt rechtfertigt. Und das nicht nur gegen regierungskritische und oppositionelle Gewerkschafter, Journalisten, Politiker, Intellektuelle und Kurden, sondern auch gegen Frauen.

Es liegt dem Konservativismus inne, die herrschende politische Ordnung zu wahren, die Verteilung von Macht und Reichtum vor Kritik zu schützen und den Vorrang von Tradition und Glauben zu festigen. Die Gesellschaft wird mit (überkommenen, patriarchalen) Bräuchen und Gewohnheiten zusammengehalten (Schaffung einer Identität).

Das Verhältnis zwischen Mann und Frau, die Frage der Identität, der Umgang mit Anderen usw. sollen mit islamistisch-konservativen Vorstellungen neu geordnet und normiert werden. Die eigentlichen Kernkonflikte zwischen „Oben“ und „Unten“, der tiefen Kluft zwischen Arm und Reich, den schlechten Arbeitsbedingungen bei den Beschäftigten, den gravierenden Eingriffen auf elementare Demokratierechte usw. werden mit der suggerierten „Gemeinschaft der Glaubensgeschwister“ ausgeglichen bzw. „entschärft“. Umso wichtiger ist, sich gegen die zunehmende Polarisierung zu stellen und den politischen Druck zu erhöhen, der im Kern den gesellschaftlichen Zusammenhalt entlang gemeinsamer sozialer, kultureller, wirtschaftlicher und politischer Forderungen hat. Deswegen mag die Veröffentlichung der Broschüre vielleicht aufgrund der anderen aufdrängenden Konflikte (Ausnahmezustand, Verbot der freien Meinung und Presse, Verfolgung der fortschrittlich demokratischen Opposition, Kurdenfrage etc.) in der Türkei ein „kleines“ Thema sein. Doch sie darf nicht losgelöst von diesen betrachtet werden. Sie verdient jeden noch so kleinen Protest.