Zwei unterschiedliche Erklärungen in zwei Tagen

Ceyda Tutan

Im Zusammenhang mit dem Angriff in dem Nachtclub Reina in dem Stadtteil Ortaköy in Istanbul, bei dem 39 Menschen ihr Leben verloren haben, erklärt Mehmet Görmez, der Präsident des türkischen Amtes für religiöse Angelegenheiten (“Diyanet”), dass es das Ziel der Terroristen sei, in der Gesellschaft Unruhe zu stiften und die Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Lebensformen zu spalten und gegeneindander aufzubringen.

Doch hat am Tag vor dem Anschlag das gleiche Amt und ihr Präsident Görmez sich darüber geäußert, dass es aus islamischer Sicht bedenklich sei, die ersten Stunden des neuen Jahres mit anderen Kulturen, Weihnachts- und Silvesterfeiern und Gebräuchen, die anderen Welten angehören würden, zu feiern.

Die Freitagspredigt der Diyanet

Das Diyanet-Amt gibt die Freitagspredigten aus, die in allen Moscheen in der Türkei -und fast 1000 in Deutschland- beim Mittagsgebet am Freitag vorgetragen werden. Am Freitag vor Silvester hieß es dort: „Es gehört sich niemals für die Gläubigen, zum Ende eines Jahres sich selbst und den Zweck der Schöpfung vergessend illegitime Verhaltensweisen an den Tag zu legen, die keinen Beitrag fürs Leben leisten und nicht mit unseren Werten zu vereinbaren sind. Es stimmt sehr nachdenklich, wenn in den ersten Stunden eines neuen Jahres verschwenderische Silvesterfeiern begangen werden, die einer anderen Kultur entstammen. Statt über fromme Taten und Sünden, Segen oder Unglück abzurechnen, ist es sehr traurig, mit anzusehen, wie Viele versuchen, ohne dafür eine Leistung zu bringen, durch Glücksspiel und Lotterie reich zu werden.”

Krokodilstränen der Diyanet

Am Neujahrstag erklärte Görmez, dass es keinen Unterschied mache, ob dieses unmenschliche Massaker auf einem Markt, in einem Gotteshaus oder an einem Vergnügungsort gemacht worden sei. Das Ziel der Terroristen sei nicht der Ort. Es seien die Menschen, das Land, das Volk, die gesamte Menschlichkeit. “Egal woher der Terror kommt, vom wem er kommt und wen es trifft, es kann niemals akzeptiert werden. Das einzige was diesen Terroranschlag kennzeichnet, ist, dass ein Unfrieden gestiftet wird, um die Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Lebensformen zu spalten und gegeneindander aufzubringen. Es ist der Tag, an dem gegen jede Art des Terrors das Volk heute zusammenhalten muss. Kein einziger Moslem kann mit seinem Gewissen diesen Terror jemals akzeptieren und verflucht diejenigen, die dieses Massaker angerichtet haben, aufs Schärfste.”

Nur ein Polizist vor Ort

So genau nimmt er sich jedoch selber nicht. Der Eigentümer erklärte, vor zehn Tagen eine Warnung vom CIA erhalten zu haben, wonach der Klub angegriffen werden könnte. Und trotzdem waren nur ein Polizist sowie ein Wachmann während des Anschlags zugegen. Regierungsvertreter sprachen, sehr unüblich bei Anschlägen von Terroropfern, von einem „Polizist, der zum Märtyrer wurde, sowie 38 weiteren Personen“. Normalerweise werden alle zu Märtyrern erklärt, was auch staatliche Hilfen für die Angehörigen der Opfer bedeutet. Bei diesem Anschlag war es jedoch andern. Tagelange Diskussionen in Talkshows und Zeitungen waren über die Silvesterfeierlichkeiten vorangegangen. AKP-nahe Kreise hatten die Bevölkerung aufgefordert, „westliche Silvesterfeiern“ zu unterlassen. Sekten und islamische Strömungen, angestachelt von den Aussagen von Diyanet oder Staatspräsident Erdogan, hatten sogar öffentlich damit gedroht: „Letzte Warnung. Feiert nicht Silvester!“ Daher sind es nur Krokodilstränen, die Diyanet und die AKP-Regierung weinen und auch aus diesem Anschlag Kapital schlagen werden. Wer die Stimmung im Land anheizt, wer Öl ins Feuer gießt, wer die Radikalisierung der Gesellschaft und der Religion fördert, wer die Bevölkerung nach Religion und Konfession spaltet und wer die wörtliche Auslegung des Islam fordert, kennt die Konsequenzen, die Worte ausrichten können!