Alte Spielchen, neue Ziele

Yusuf KARATAŞ

Erdoğan auf der Klausur seiner Partei an, in Idlib werde eine ernsthafte Militäroperation durchgeführt. Danach besuchten der Geheimdienstkoordinator Hakan Fidan und der türkische Generalstabschef Hulusi Akar gemeinsam mit anderen hochrangigen Generälen die Nachbarstadt Idlibs Reyhanli, die diesseits der türkisch-syrischen Grenze liegt. Nicht nur regierungsnahe, sondern auch jene Kreise, die in der kurdischen Frage auf einer Wellenlänge mit der AKP-Regierung liegen, waren angesichts dieser Entwicklungen „hochgradig aufgeregt und erfreut“.

Es ist offensichtlich, dass der Staatspräsident Erdoğan mit seiner Regierung die Türkei in Syrien als eine einflussreiche Kraft hochpuschen möchte. Deshalb kündigte er auch eine Fortsetzung der türkischen Militäroperationen auch in anderen Städten in Syrien an. Wenn man an diesem hochpolierten Image kratzt, kommt die Wahrheit ans Tageslicht: Das was die Türkei macht, ist eine von Russland angeordnete Säuberungsaktion, bei der sie die Folgen ihres früheren Handelns aus der Welt zu schaffen hat.

Dabei hatte die Türkei sich eigentlich etwas anderes vorgenommen. Sie wollte ihre Militäroperationen zunächst nicht gegen Idlib, sondern gegen den Kanton Afrin der Kurden in Syrien richten. Den ganzen Sommer lang hatte sie ihre Truppen an die Grenze zu Afrin verlegt und dort die Vorbereitungen für eine Militärintervention zusammen mit Kräften der „Armee für ein Freies Syrien“ (AFS) getroffen. Damit wollte die Türkei in Afrin das erreichen, was sie in Kobanê versäumt hatte. Zu der erwarteten Operation kam es jedoch nicht. Denn sie war ohne die Einwilligung Russlands nicht möglich. Und alle Bemühungen, Russland davon zu überzeugen, schlugen fehl. So verlegte schließlich Russland seine eigenen Truppen nach Afrin und in die benachbarten Städte. Damit schob es einem militärischen Vorgehen der Türkei in der Region einen Riegel vor.

Wie konnte dann die Türkei, die in Afrin eine Enttäuschung erleben musste, zu einer Operation in Idlib überzeugt werden?

Idlib mit seinen 2 Mio. Einwohnern ist das letzte Rückzugsgebiet für die dschihadistischen Banden mit Ausnahme des IS. Im Zuge der Verhandlungen wurden die dschihadistischen Banden aus Aleppo und den anderen Gebieten in Syrien nach Idlib verlegt. Hier kam es im Juli zu Gefechten zwischen der von der Türkei unterstützten Ahrar-ul-Sam und der von Al-Nusra angeführten Heyet Tahrir-ul-Sam (HTS). Am Ende gewann HTS Oberwasser und brachte weite Teile der Stadt unter ihre Kontrolle. Zunächst war man davon ausgegangen, dass Russland gemeinsam mit den von der YPG angeführten Demokratischen Kräften Syrien (DKS) im Anschluss an eine Operation in Rakka nach Idlib einmarschieren könnte. Inzwischen hatten die USA schwere Waffen an die DKS geliefert und ihre Zusammenarbeit mit ihr intensiviert, was zu der Annahme verleitete, die USA und DKS würden gemeinsam eine Operation in Idlib starten.

Nach all diesen Szenarien wurde für die DKS eine Rolle vorgesehen und die Türkei, die als Unterstützerin der dschihadistischen Banden in Idlib fungierte, blieb außen vor. Durch das Erstarken der von den USA unterstützten DKS und der Kurden sah sich Russland, das die Kurden von der Idee einer mit dem syrischen Regime ausgehandelten und begrenzten Autonomie zu überzeugen versuchte, letztendlich gezwungen, ein neues Szenario aufzutischen. Bei den Verhandlungen in Astana mit Russland und dem Iran gab die Türkei ihre Einwilligung zu der Operation in Idlib, um auf diesem Wege die Kurden um jeden Preis schwächen und zurückdrängen zu können.

Die Türkei übernahm gemeinsam mit Russland die Aufgabe, die kampffreien Zonen zu kontrollieren. Die größte Schwierigkeit besteht darin, dass der Vertrag über diese Zonen von der Al-Nusra und somit der HTS als ein Verrat angesehen und deshalb nicht anerkannt wird. Deshalb ist die Hauptaufgabe der Türkei und der FSK im Rahmen der Operation in Idlib, die HTS dort zu liquidieren. Dies wiederum erscheint nicht möglich, ohne den bewaffneten Kampf gegen die HTS aufzunehmen. D.h. türkische Soldaten werden in Idlib einen bewaffneten Kampf führen und die Außengebiete der Stadt werden von russischer Armee kontrolliert. Deshalb reden wir hier von einer von Russland angeordneten Säuberungsaktion, bei der die Türkei die Folgen ihres früheren Handelns aus der Welt zu schaffen hat.

Mit anderen Worten bedeutet diese Operation, dass die Türkei an einem Punkt angelangt ist, an dem sie das Asad-Regime anerkennt und die dschihadistischen Banden, die sie bis vor kurzem unterstützt hat, heute bekämpft. Und das alles um ihrer antikurdischen Ziele wegen. Ob sie im Anschluss an diese Operation in Idlib ihren Traum verwirklichen und neue Operationen gegen die syrischen Kurden starten wird, steht in den Sternen.