„Tote, um die nicht getrauert werden darf“

Şebnem Korur FİNCANCI

Sie nennen sich Samstagsmütter, Samstagsmenschen. Am letzten Samstag wollten sie auf dem kleinen Galatasaray-Platz zum 700. Mal zusammenkommen. Sie haben andere dazu eingeladen, ihre letzten Vorbereitungen getroffen. Als Menschenrechtsstiftung haben wir sie im Rahmen unserer Möglichkeiten dabei unterstützt und zu einem weltweiten Aktionstag aufgerufen. Die Aufrufe erreichten ihre Adressaten. Weltweit trafen sich in zahlreichen Städten Menschen zu Solidaritätsaktionen, um die Samstagsmütter zu unterstützen. Nur in einer Stadt durften sie es nicht: in Istanbul. Der Galatasaray-Platz wurde zum Zentrum eines Polizei-Übergriffs. Nach langen Jahren wurden sie erneut von Sicherheitsorganen eines Staates, der sich weigert, ihre Toten zu finden, die Mörder zu bestrafen, brutal zusammengeschlagen. Wie mein lieber Freund Sezgin Tanrıkulu sagte, wurde der Galatasaray-Platz zum „Platz der Toten, um die nicht getrauert werden darf“.
Emine Ocak ist eine der Mütter, die seit fast einem Vierteljahrhundert unermüdlich eine führende Rolle bei den Samstagsmüttern spielt. Vor 23 Jahren wurde ihr Sohn Hasan Ocak in Istanbul von Polizisten verschleppt. Zunächst fehlte jede Spur von ihm. Jahre später wurden seine sterblichen Überreste, die Spuren einer brutalen Folter aufwiesen, in einem Wald am Stadtrand gefunden und in einem Friedhof für Unbekannte begraben. Emine Ocak gab ihre Suche niemals auf und fand am 17. Mai 1995 heraus, wo ihr Sohn begraben wurde. Der Istanbuler Menschenrechtsverein und die Menschenrechtsstiftung riefen zu einer gemeinsamen Aktion auf, um auf das Schicksal der Vermissten hinzuweisen. Zum ersten Mal trafen sich ihre Angehörigen an einem Samstag, am 27. Mai 1995 auf dem Galatasaray-Platz. 200 Wochen lang, Woche für Woche trafen sie sich dort. Danach konnten sie sich nicht mehr treffen, weil sie von Polizisten brutal daran gehindert wurden. Als im Rahmen des Ergenekon-Prozesses einige Verantwortliche vors Gericht gestellt wurden, wurde die Aktion im Februar 2009 wieder aufgenommen, dieses Mal nicht nur auf dem Istanbuler Galatasaray-Platz, sondern auch in Städten wie Diyarbakır, Şanlıurfa, Batman, Mardin, Şırnak/Cizre, Hakkâri/Yüksekova, Van, Ankara, İzmir, Adana und Mersin, wo der Menschenrechtsverein vertreten ist.
Hier muss man eine weitere Person erwähnen, die namentlich genannt werden muss. Es geht um Mehmet Ağar. Im Januar 1980 wurde er stellvertretender Leiter der Antiterrorabteilung der Istanbuler Polizei. In den folgenden Jahren war er Polizeipräsident in Ankara und İstanbul, später Gouverneur von Erzurum. In dieser Funktion war er Trauzeuge von Haluk Kirci, der als Bombenattentäter auf Linke verurteilt worden und flüchtig war. 1993 hatte er die Hizbollah dafür gelobt, dass sie keine staatsgefährdenden Aktionen durchführen würde. Deshalb wollte er ihre Mitglieder nicht verfolgen. Er war Gründer der Abteilung für Spezialoperationen beim Polizeihauptpräsidium. 1996 wurde er Justiz- und später zum Innenminister ernannte. Jetzt muss man in den Archiven des Menschenrechtsvereins recherchieren, wie viele Menschen in seiner Amtszeit bzw. seinen Dienstjahren verschleppt wurden. 1991 wurden 4 Menschen als „vermisst“ gemeldet, 1992 waren es 8. Ein Jahr später stieg die Zahl auf 36 und 1994 auf 229. Nach dem Start der Aktionen der Samstagsmütter ging ihre Zahl kontinuierlich zurück – von 121 im Jahr 1995 auf 9 im Jahre 1998.
Wir hören aktuell wieder Berichte von Vermissten und von nicht registrierten Verhaftungen. Mehmet Ağar erklärte am 18. Juni diesen Jahres, er habe Erdoğan stets unterstützt. Seine Unterstützung sei jedoch nie so stark gewesen wie heute. Die Folgen haben wir letzten Samstag auf dem Galatasaray-Platz gesehen. Die Samstagsmütter werden sich auch in der 701. Woche dort treffen. (Evrensel)