Marburg: 7500 Menschen setzen ein Zeichen gegen Rassismus!

Eren Gültekin

Wie auch in Berlin, Hamburg oder Köln wurde am Freitag, den 7. September auch in der kleinen Universität Stadt Marburg in Mittelhessen gegen die derzeitige rassistische Stimmung in der Bundesrepublik zu einer Demonstration aufgerufen. Das Motto der Demo war #wirsindmehr – Marburg gegen Rechtsextremismus. Zur Demo lud auch das Stadtparlament ein und über 120 Vereine, Institutionen, Firmen und Gruppen sagten ihre Unterstützung zu.

Die Stadtverordnetenversammlung verurteilte die pogromähnlichen Ausschreitungen in Chemnitz und verabschiedete eine Resolution, in der es heißt: „Es ist Aufgabe des Staates alle Menschen vor Gewalt zu schützen. Zugleich beginnt der Kampf gegen Rechtsextremisten in den Kommunen. Wir sagen deshalb gemeinsam: In Marburg ist kein Platz für rechtsextremes Gedankengut! Die Aufklärung von Menschen, das Abbauen von Vorurteilen und das Gestalten eines friedlichen Zusammenlebens sind gemeinsame Aufgabe von Kommune und Bürgerinnen und Bürgern“.

Die Demo ging um 17 Uhr vom Erwin-Piscator-Haus los und verlief bis zur Oberstadt zum Marktplatz. Von Jung bis Alt waren alle da, die einen hielten ihre selbst gemachten Schilder in die Luft, die anderen liefen mit Transparenten und immer wieder riefen sie Slogans wie: „Hoch die Internationale Solidarität“ oder „Nationalismus raus aus den Köpfen“.

Mit der Beteiligung von knapp 7500 Menschen hatte in der Studentenstadt mit knapp 72 Tausend Einwohnern kaum einer gerechnet. Selbst der große Marktplatz reichte nicht und die Menschen waren gezwungen, auf die Gassen und kleinen Straßen der Oberstadt auszuweichen.

Redner auf der Veranstaltung waren neben dem Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies, für den Magistrat der Stadt und die stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Elke Neuwohner, die Vizepräsidentin der Philipps-Universität Prof. Evelyn Korn, der Dekan der evangelischen Kirche Burkhard zur Nieden, Privatdozentin Maximiliane Jäger-Gogoll, Friedens- und Konfliktforscherin und Georg Simonsky, der als Teilnehmer der Gegendemonstration vom Samstag in Chemnitz von Rechten angegriffen und bedroht worden war. Zu Beginn gab es eine Verlesung vom Hessischen Landestheater mit Texten von Bertolt Brecht und zwischendurch musikalische Unterstützung von Robert Oberbeck.

Georg Simonsky berichtete in seinem Redebeitrag das Ereignis, das ihm und seiner Gruppe während des Rückwegs zum Bus nach der Gegendemonstration in Chemnitz zugestoßen war, „Sie haben unsere gesamte Gruppe als Deutschland-Verräter beschimpft, mehreren Mitgliedern der Gruppe wurde ins Gesicht und in den Hinterkopf geschlagen und einen von uns, der für sie nicht typisch Deutsch aussah, haben sie verfolgt, bedroht und ein schrecken fürs Lebens verpasst. Wir alle hatten Angst, einige sogar Todesangst, viele von uns können diesen Abend nicht so leicht vergessen, einige schlafen noch schlecht, obwohl das schon paar Tage her ist.“

Den meisten Beifall bekam die Rede der Friedens- und Konfliktforscherin Prof. Maximiliane Jäger-Gogoll, die sie im Namen der Marburger Zivilgesellschaft hielt. Die klaren Worte von Frau Jäger-Gogoll wiedergaben die derzeitigen Zustände in der Gesellschaft. Sie stellte die Themen Krieg und Ausbeutung und die soziale Frage in den Vordergrund und in einen dialektischen Zusammenhang.


„Es sind die Folgen unserer Lebensweise“

(Mitschnitt aus der Rede von Privatdozentin Jäger-Gogoll)

„… Es ist überhaupt keine Frage, dass gegen Neonazis der Rechtsstaat vorgehen und das Gewaltmonopol ausüben muss. Es sollte auch keine Frage sein, dass eine politische Partei am äußersten rechten Rand, die mit Rechtsparolen agiert, die eine ausländerfeindliche Stimmungen schürt und die aus den sozialen Ängsten der Menschen ihr politisches Süppchen kocht, ein Fall für den Verfassungsschutz ist. … Es ist unsere Aufgabe, dass mit Verfassungsschutz und Polizei alleine nicht getan ist, wenn Dinge wie jetzt in Chemnitz in unserem Land geschehen. Ich will einige Fragen stellen: Wir müssen uns fragen, ob wir es uns in einem der reichsten Länder der Erde leisten können und wollen, dass die Schere zwischen den Einkommen der Armen und dem Einkommen der Reichen ständig größer wird. Ob wir uns weiter leisten können, dass Teile unserer Gesellschaft sich abgehängt fühlen, keine greifbaren beruflichen Perspektiven sehen und Angst um die eigene und um die Zukunft ihrer Kinder haben. Dass diese Angst ein fruchtbarer Boden für Hass und Populismus, für rassistische und neonazistische Parolen ist, das ist ja jetzt wirklich nichts Neues. Wir müssen uns fragen, ob wir uns hier, in einem der reichsten Länder der Erde, weiterhin einen politischen Diskurs leisten können, in dem diese Menschen mit ihrer Zukunftsangst direkt oder indirekt gegen jene ausgespielt werden, die hierher kommen, weil sie vor Hunger, Bomben und Terror flüchten müssen. Wir müssen uns dringend Fragen, ob wir es uns leisten können, ständig über die Kosten für Geflüchtete in diesem Land zu klagen, ohne zu sehen, dass diese Kosten eben die unmittelbaren Kosten unserer Lebensweise sind, unserer Kriege in Syrien, Afghanistan und im Irak. Dass dies unsere Kosten unserer Waffenexporte in diese Regionen des Nahen Ostens sind, Kosten unserer Wirtschaftspolitik, mit der wir die Kolonialmächte und Industrienationen seit Jahrhunderten schonungslos etwa den afrikanischen Kontinent ausgebeutet haben. Und wir dürfen nicht vergessen, dass die Menschen, die täglich versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen und zu Tausenden im Meer ertrinken, auch die Opfer dieser neokolonialen Politik sind. Diese Menschen zu retten und aufzunehmen ist nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern eine Verpflichtung, die auch aus unserem eigenen agieren in deren Ländern logisch folgt. Und schließlich müssen wir uns dringlich fragen, ob wir als Gesellschaft hinsichtlich dieser manifesten Krise der Demokratie, es uns wirklich leisten können, ausgerechnet im Bereich der Bildung zu sparen, um permanente Unterfinanzierung und Lehrermangel gerade an den Grundschulen zu nennen.“

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