Es gibt noch keine Gleichberechtigung

Dirim Su Derventli

Welche Unterwäsche eine Frau trägt, sagt aus, ob sie vergewaltigt werden möchte, oder nicht. Nicht ganz in diesem Wortlaut, aber genau mit dem Gedankengang sprach jüngst ein irisches Gericht in Cork einen 27-jährigen Täter frei. Der Mann hatte zuvor eine 17jährige gewürgt und sie 30 Meter weiter zum Tatort geschleift. Dort sei er so sehr von der Unterwäsche der jungen Frau provoziert worden, dass er keine andere Wahl gehabt hätte, als sie zu vergewaltigen: „Sie müssen beachten, wie sie gekleidet war. Sie trug einen String-Tanga mit Spitze.“, so schildert es seine Anwältin. Das Gericht hielt das Plädoyer der Verteidigung für plausibel und sprach somit nicht nur den Mann frei, sondern allen Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung und Mündigkeit ab, indem das Opfer skrupellos auf die Anklagebank gedrückt wurde. Das ist viel mehr als nur ein Armutszeugnis für das vermeintlich-fortschrittliche Europa. Es ist ein Schlag ins Gesicht für alle Aktivistinnen und Frauenrechtlerinnen. Eine untröstliche Schande, in Anbetracht des hundertjährigen Jubiläums des Frauenwahlrechts und der Istanbul-Konvention, die den Schutz der Rechte von Frauen und ihren Schutz vor Gewalt garantieren soll. Und doch ist es keine Ausnahme. Jeden Tag werden die Grundrechte der Frauen verletzt, sei es vor Gericht oder im alltäglichen Leben. In keiner gesellschaftlichen Ebene oder politischen Instanz herrscht Gleichberechtigung, Frauen sind nicht sicher vor Gewalt und Unrecht. Eine Übertreibung? Mehrere Frauen werden unabhängig voneinander in den folgenden Zeilen von ihren Erfahrungen berichten.

Jede vierte Frau erlebt sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

In der Arbeitswelt müssen Frauen häufig für bessere Bezahlung kämpfen und ringen darum, erst genommen zu werden. Bis 1977 durften Frauen in Deutschland sogar nur mit der Erlaubnis ihres Ehemannes oder ihres Vaters arbeiten. Die konservative Arbeitspolitik hat aber auf keinen Fall nachgelassen. Frauen verdienen im gleichen Job bis zu 21% weniger Lohn als Männer, nur weil eine mögliche Schwangerschaft eine zu große Bedrohung zu sein scheint. T. ist 46 Jahre alt und erzählt uns, wie sie ihre zweite Schwangerschaft im Beruf erlebt hat: „Ich lehre an der Universität und leitete vor etwa 9 Jahren ein gesamteuropäisches, wissenschaftliches Projekt. Damals war ich mit meinem Sohn schwanger und wollte bezahlten Mutterschaftsurlaub beantragen. Normalerweise hätte ich bis zu einem Jahr Urlaub bekommen sollen, stattdessen drohte man mir damit, das Projekt fallen zu lassen. Ich musste also in dieser Zeit mein Kind auf die Welt bringen und durch ganz Europa mit einem Säugling reisen.“ T. ist mit ihren Problemen im Beruf nicht alleine und noch mindestens genauso häufig müssen Frauen leider mit Belästigungen kämpfen. Jede vierte Frau erlebt sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, S. ist 20 Jahre alt und hat deshalb gekündigt: „Auf meinem ehemaligen Arbeitsplatz kam es oft zu sexuellen Belästigungen in Form von mündlichen Äußerungen. Seltsame Sätze über meine Kleidung und mein Liebesleben wurden irgendwann zu meinem Arbeitsalltag. Meine Abwehrreaktionen wurden als Überreaktion gewertet und ich fing sogar an, meine eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Ich habe schließlich dort aufgehört zu arbeiten, nachdem es bereits zu einer offensiveren, körperlichen Belästigung kam.“

In der traditionellen Familie, die bis heute Prototyp in fast jeder Gesellschaft ist, ist der Mann das vorherrschende Geschlecht. Seit Jahrhunderten gilt die Regel, dass er die Familie ernährt und somit das Recht hat, über sie zu bestimmen. Vor allem unter Vorbehalt der Familienehre, wird über Frauenleben hinweg entschieden. Der Philosoph Friedrich Engels sieht sogar den Ursprung der ungleichen Arbeitsteilung in der Familie, „wo die Frau und die Kinder die Sklaven des Mannes sind.“ Die 54-jährige D. erinnert sich an ihre Eltern zurück: „Mein Vater hat meine Mutter schon immer misshandelt, meistens krankenhausreif geschlagen. Im hohen Alter wurde er bettlägerig und akzeptierte keine andere Pflegekraft, außer meiner Mutter. Also musste sie ihn bis zu seinem Tod pflegen. Ich habe noch nie jemanden so sehr leiden sehen, wie meine Mutter. Sie hat es nie zugegeben. Obwohl sie da sogar körperlich stärker war, als er und sie ihn verlassen konnte, sorgte sie für ihn. Psychisch hatte er sie bis zum Schluss unter Kontrolle.“

Frauenhäuser überfüllt

Häusliche und sexualisierte Gewalt ist vor allem ein Problem, das Frauen betrifft. Unzählige Frauenhäuser sind überfüllt, weil Frauen Zuflucht vor ihren gewaltbereiten Partnern oder Familienangehörigen suchen. Und dennoch werden Frauen nicht gehört. Ihre Geschichten werden totgeschwiegen, Peiniger werden nicht bestraft oder noch schlimmer, sie werden durch Verständnis für ihre Taten belohnt. Dass Frauen, die vergewaltigt wurden, von katholischen Krankenhäusern keine Behandlung erhalten haben, ist eine bittere Tatsache aus dem Jahr 2013 in Köln. N. ist 23 Jahre alt und berichtet, wie ihr Appell nach Hilfe ignoriert wurde: „Mir ist letztens beim Feiern passiert, dass ein Mann mich mehrmals trotz meinem Nein angefasst und mich als „Sex-Objekt“ betrachtet hat. Als ich es der Security erzählt habe, haben sie den Mann weiter tanzen lassen und ich musste den Club verlassen. Später habe ich dem Club auf Facebook geschrieben und die haben natürlich meinen Beitrag gelöscht und auch über die Nachrichtenfunktion konnte ich nichts erreichen. Ich habe danach viele Nachrichten von anderen Frauen erhalten, dass sie ähnliches erlebt haben.“

Die Fahrt nach Hause gestaltet sich für beinahe alle Frauen als schwieriger Akt. Je später die Uhrzeit wird oder es früher draußen dunkler wird, desto mehr Gefahrenpotential bewegt sich auf den Straßen. In Wohnblöcken wird nicht ausreichend in Straßenlaternen investiert, die Devise lautet hier also: Wer Angst hat, soll zu Hause bleiben. Ob sich das wohl auch das Gericht in Cork gedacht hat? S. ist 21 Jahre alt und erzählt von ihrem Alltag: „Es fängt schon in dem Moment an, wenn ich in die Bahn steige. In welchem Teil der Bahn werde ich am unwahrscheinlichsten angesprochen? Setze ich mich zu dem älteren Pärchen oder zu den anderen jungen Frauen? Wenn ich aber vorne einsteige, dann muss ich beim Aussteigen weniger laufen… Nach dem Aussteigen hab ich einen kurzen Weg, der kaum beleuchtet ist. Ich besitze kein Pfefferspray, obwohl mein Vater schon seit Jahren damit drängt. Um mich sicher zu fühlen, nehme ich immer meine Schlüssel zwischen meine einzelnen Finger, falls ich mich wehren muss. Bis jetzt ist alles gut gegangen.“ „Reclaim the night!“ oder „Wir fordern die Nächte zurück!“ lautet der Slogan der alljährlichen Demonstrationen, die am 25. November stattfinden. Denn der 25. November ist der internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Dabei sollen vor allem Themen wie Zwangsprostitution, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, häusliche Gewalt, Zwangsheirat, weibliche Armut und vieles mehr zur Sprache kommen. Wie S. geht es vielen Frauen, die sich nachts nicht mehr oder nur noch bedingt auf die Straße trauen. Schaut man sich die aktuelle Lage an – und sei es nur das Urteil aus Irland, was einem das Blut in den Adern gefrieren lässt – so muss man sich eingestehen, dass der 25. November unumstritten von höchster Bedeutung ist. Fakt ist, dass jede Frau ein Anrecht auf die Bewahrung ihrer Rechte und Schutz vor Gewalt hat. Kein Mensch darf wegen seines Geschlechts degradiert werden. Die Würde von Frauen ist und muss unantastbar bleiben!