Leipziger Autoritarismus Studie: Rechte Einstellungen manifestieren sich!

Sinem Yesil

Seit 2002 wird jedes zweite Jahr die Leipziger Studie zum Thema Rechtsextremismus herausgegeben. Sie beschäftigt sich mit der rechtsextremen Einstellung in Deutschland. Die Befragungen werden nach bevölkerungsspezifischen Merkmalen, wie Wohnort, Alter, Geschlecht, Religion, sozioökonomische Situation, Bildungsabschluss etc., unterteilt und zwischen 2,500-5000 Menschen werden befragt.

Die Ergebnisse der diesjährigen Studie zeigen eine Befestigung autoritärer Strukturen und Mechanismen in der „Mitte der Gesellschaft“. Die Studiengruppe behandelt den Rechtsextremismus als Begriff, welcher rechtsextreme Ansichten als Teil eines sogenannten „autoritären Syndroms“ betrachtet. Diese Begrifflichkeit wird unabhängig vom demokratischen Begriff behandelt und steht ihm parallel gegenüber. Die sogenannte rechtsextreme Einstellung gilt als Einstellungsmuster, dessen gemeinsame Komponente die Ungleichwertigkeitsvorstellung ist.

In der Politik ist demnach durch diktatorische Regierungsformen, chauvinistische Leitlinien und einer Bagatellisierung und sogar Legitimierung des Nationalsozialismus ein ähnliches Muster zu erkennen. In der sozialen Einheit macht sich laut der Studiengruppe Rechtsextremismus durch rassistische, islamfeindliche, antisemitische und sozialdarwinistische Ansichten bemerkbar. Im weiteren Verlauf der Studie liegt die Konzentration auf den sogenannten Dimensionen Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, einer Bagatellisierung des Nationalsozialismus und einer Befürwortung rechtsautoritärer Diktaturen. Die Ausdehnung und Verschärfung rechtsextremer Einstellungen erfolgt durch Teile dieser Dimensionen, wie Islamophobie, Antiziganismus, Abwertung von AsybewerberInnen sowie Gewaltbereitschaft und Gewaltakzeptanz.

Befragungen im Jahre 2018

Der errechnete Altersdurchschnitt bei der diesjährigen Studie liegt bei 48,19 Jahren, 54,8 Prozent der Befragten sind weiblich. Von allen Befragten haben 3,4 Prozent keinen Abschluss, 63,4 Prozent können einen Real/- oder Hauptschulabschluss nachweisen. Der Großteil der interviewten Personen befindet sich entweder in Vollzeit- oder Teilzeitarbeit und fast 60 Prozent von ihnen haben ein Nettoeinkommen ab 2.000 Euro, lediglich 2,6 Prozent stehen weniger als 750 Euro monatlich zur Verfügung. Ferner gehören die meisten Befragten einer Kirche an. Die Ergebnisse lassen erkennen, dass rechtsextreme Einstellungen wieder stärker bemerkbar werden. 2018 wurde zusätzlich nach Persönlichkeitselementen geguckt. Dabei kam im Bezug auf die Gesellschaftsstruktur, eine autoritäre Aggression, eine autoritäre Unterwürfigkeit und der steigende Wert ethnischer Gesinnungen, oder auch Werte, zum Vorschein. Zudem wurde eine Verschwörungsmentalität innerhalb der Gesellschaft festgestellt.

Das besondere an der Studie ist, dass durch sie die Ausbreitung von Ausländerfeindlichkeit strukturell untersucht und statistisch manifestiert wird, sodass es nicht bei der Aussage einer bloßen subjektiven Beobachtung dieser Zustände bleibt.

Steigende „Ausländerfeindlichkeit“

Die Studienleiter unterscheiden stets zwischen manifestierten und unterschwelligen rechtsextremen Einstellungen. Manifeste Zustimmungen sind offensichtliche Befürwortungen rechtsextremer Aussagen. Als latente oder unterschwellige Zustimmungen werden die Positionierung zu extrem rechten Inhalten bezeichnet. Zu dieser Kategorie zählen diejenigen, die bei den Antwortoptionen teils/teils ankreuzen, da diese aufgrund der scheinbaren Unentschlossenheit das Potential haben, zum Rechtsextremismus zu neigen. Diejenigen Befragten, die in der jeweiligen Dimension durchschnittlich allen Aussagen zustimmen, haben eine geschlossene Einstellung. Hier wird dann von einer geschlossenen ausländerfeindlichen Einstellung gesprochen.

Die steigende Ausländerfeindlichkeit wurde in der Studie 2018 mit drei Aussagen ermittelt:

„Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen“, „Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken“ und „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“.

Für die Aussage: „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen“ stimmten 47,1 Prozent der Befragten aus dem Osten manifest, aus dem Westen lag der Prozentsatz der manifesten Zustimmungen bei 32,7 Prozent. Insgesamt stimmten 35,7 Prozent aller Befragten der Äußerung vollständig zu. Nicht zu vergessen ist jedoch die Mitte, von der rund 29,8 Prozent ihr Statement zu der Aussage mit der Antwort teils/ teils gaben. Dies weist deutlich auf ein hohes Potential zum Rechtsextremismus, im gesamtdeutschen Kontext, hin.

Muslime werden als Bedrohung angesehen

Teil der Studie ist auch die Untersuchung von der Einstellung gegenüber Muslimen im gesellschaftlichen Kontext. Auch hier ist zu erkennen, dass die Feindseligkeit gegen Muslime enorm ansteigt. Die Aussage „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“ bekam von 50,7 Prozent der befragten Ostdeutschen eine manifeste Zustimmung, 42,2 Prozent der Westdeutschen stimmten dem auch manifest zu. Insgesamt stimmten dieser islamophoben Aussage 44,1 Prozent aller Befragten zu. Die Aussage „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“ erhielt insgesamt 55,8 Prozent manifeste Zustimmungen. Davon stammen 54,8 Prozent der Zustimmungen von den Ostdeutschen und 56,1 Prozent von den Westdeutschen. Äußerst hoch ist die Gesamtzustimmung der befragten Personen zu einem solchen Verbot. Noch interessanter ist jedoch der, vergleichsweise zu den letzten Jahren, steigende Wert der Befürwortungen aus dem Westen. Die Studiengruppe beschreibt diese Veränderung mit Hinblick auf das autoritäre Syndrom und zieht aus den Ergebnissen den Schluss, dass die Zustimmung zu dieser Aussage lediglich die Möglichkeit des Ausdrucks von Aggression bedeutet. Dies verdeutlicht unter anderem, dass die Abwertung von Muslimen keine Reaktion auf die „Bedrohung“ durch eine Fremdgruppe ist. Vielmehr verläuft die Abwertung als Ventil, um Aggressionen loszuwerden. Hier wird ein immer wieder auftauchendes gesellschaftliches Phänomen deutlich. Nämlich das der Gesellschaftsgruppe, die ihre Unzufriedenheit mit dem System zum Ausdruck bringt, indem sie eine andere Gruppierung für alle Probleme (meist gesellschaftliche, politische oder ökonomische) verantwortlich macht. Die Abwertung von Muslimen widerspricht den Grundsätzen der Demokratie, indem sie beispielsweise die Religionsfreiheit und die Gleichheit aller Menschen missachtet. Die Leipziger Autoritarismus Studie manifestiert und beweist den Rechtsruck der deutschen Gesellschaft und zeigt zudem, dass selbst die Mitte, von der immer gesprochen wird, dazu neigt Rechtsextremismus zu legitimieren. Aus diesem Grund ist die Studie mitsamt ihrer Statistiken sehr lesenswert und ein wichtiger Bestandteil, um den aktuellen politischen Rechtsruck nachvollziehen zu können.