Ein Jahr voller Ereignisse für die Türkeistämmigen in Deutschland

Tonguc Karahan

Die Entlassung des Welt-Korrespondenten Deniz Yücel aus seiner Haft; die Diskussionen um das Foto von Özil und Gündogan mit Erdogan; die türkischen Präsidentschaftswahlen im Juni; Erdogans Deutschlandbesuch und die sich nach zweijähriger Distanzierung wieder normalisierende Beziehung zwischen der deutschen und türkischen Regierung: Das Jahr 2018 war voller wichtiger Ereignisse für alle Türkeistämmigen in Deutschland.

DER FALL DENIZ YÜCEL
Bereits zu Beginn des Jahres kam es zu öffentlichen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Regierungen. Deniz Yücel war bereits über einem Jahr ohne Anklage im türkischen Gefängnis und nach anhaltendem öffentlichem Druck und Verhandlungen mit Deutschland am 16. Februar sehr abrupt entlassen worden. Warum der Journalist festgenommen und festgehalten wurde, ist bis heute nicht erklärt worden. Zwar wurde ihm vorgeworfen, Spionage und Propaganda einer Terrororganisation zu betreiben; während der Haft wurde jedoch nicht einmal eine Anklageschrift vorbereitet. Schlussendlich wurde er vermutlich aufgrund von Verhandlungen hinter verschlossenen Türen und wieder einmal ohne gerichtliche Verfahren, nur durch Anweisung der Regierung, freigelassen.
Dass Deniz Yücel ein Jahr lang im türkischen Gefängnis festgehalten werden konnte, wurde von großen Teilen der Türkeistämmigen in Deutschland als selbstbewusstes und ehrenhaftes Beispiel für die Politik der Türkei gegenüber den westlichen Staaten bewertet. Jedoch brachte die plötzliche Freilassung Enttäuschung und Verwirrung hervor. Wenn er doch der Spion, der Verräter war, warum wurde er dann einfach wieder freigelassen?
Die vermeintlich unabhängigen Gerichte zeigten somit nur, dass sie in Wahrheit als Regierungsdiener agierten und ihre Entscheidungen nicht unabhängig und nach juristischen Gesichtspunkten fällten, sondern nach der politischen Pfeife von Präsident Erdogan tanzten.

DIE KRISE UM DAS FOTO VON MESUT ÖZIL
Das „Ergebnis“ der Freilassung war ein erster Hinweis darauf, dass sich die Beziehungen zwischen der deutschen und der türkischen Regierung wieder normalisieren sollten. Seit 2016 waren diese in ein angespanntes Verhältnis geraten und so einfach konnte sich die Normalisierung nicht einpendeln. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Juni, die für die politische Zukunft der Türkei eine große Bedeutung spielten, lösten die beiden Fußballer der deutschen Nationalmannschaft Mesut Özil und Ilkay Gündogan eine Debatte vom Zaun, weil sie mit Erdogan posierten. Das Foto war ein gefundenes Fressen für nationalistische und konservative Kräfte auf beiden Seiten, die eine Spaltung befeuern wollen.
Der deutschen Öffentlichkeit fiel es schwer, Özil und Gündogan zu verstehen und große Teile der Türkeistämmigen fassten die Reaktionen „der Deutschen“ als Türkenfeindlichkeit auf. Als Konsequenz verließ Mesut Özil die deutsche Nationalmannschaft, die zuvor bei der Meisterschaft versagt hatte und ein Sündenbock den Kopf hinhalten sollte. Die Debatten legten zum einen große Probleme der deutschen Integrationspolitik bloß, vertieften die Spaltung und werden als lebendiges Beispiel für den polarisierenden Einfluss der türkischen Politik auf die Verhältnisse in Deutschland im Gedächtnis bleiben.

DIE JUNIWAHLEN
Dass die Wahlurnen bei Wahlen in der Türkei nun auch in Deutschland aufgestellt werden dürfen, war eine der weitreichenden Veränderungen der letzten Jahre. So sorgten auch die Wahlen am 24. Juni für viel Anspannung und importierten die Polarisierung, die Erdogan in der Türkei treibt, nach Deutschland.
Zwar wurden in Deutschland den türkischen Parteien Grenzen bezüglich ihrer Wahlkampfauftritte gesetzt, aber die Wahlbeteiligung stieg auf fast 50 % und die Erdogan-Unterstützer waren, auch wenn mit Verlusten im Vergleich zur vorherigen Wahlen, in der Mehrheit. Dieses Wahlergebnis führte in der deutschen Öffentlichkeit zu scharfer Kritik gegenüber den Türkeistämmigen und verschärfte bereits vorhandene Vorurteile. Die Tatsache, dass Erdogan in Deutschland und Europa im Durchschnitt 11-12 Prozent mehr Stimmen bekommen hat, als in der Türkei, zeigt, dass sich Türkeistämmige nicht nur unter einem enormen Einfluss der türkischen Politik befinden, sondern dass es sich hier auch um ein soziologisch strukturelles Phänomen handelt.
Sicherlich wird es in unmittelbarer Zukunft auch nicht so schnell zu einer positiveren Entwicklung kommen, wenn Türkeistämmige nicht endlich als Menschen anerkannt werden oder die Einbürgerung vereinfacht wird, die die Barrieren zur politischen Teilhabe in diesem Land aufheben kann. Wenn nicht ausgrenzende und diskriminierende, sondern integrierende und verbindende Politik an Gewicht gewinnt, kann das Gefühl der Ausgegrenztheit verringert und Erdogans Einfluss durchbrochen werden.

DIE DEUTSCH-TÜRKISCHEN BEZIEHUNGEN
Die deutsch-türkischen Beziehungen entwickelten sie sich seit dem Herbst wieder zum „Normalen“.
Beide Seiten schienen die scharfen Töne und gegenseitigen Vorwürfe und Beschuldigungen vergessen zu haben und begannen erneute Freundschaftsbekundungen zu machen und weitere Schritte der Zusammenarbeit zu gehen.
Doch was ist passiert, dass beide Seiten plötzlich wieder in ihre alten freundschaftlichen Haltungen zurückkehrten? Nun, das international politische Gleichgewicht, sowie die ökonomischen Erwartungen und Interessen der beiden Länder sind eng miteinander verknüpft. Klar ist, im Zentrum der sich normalisierenden Beziehungen stehen Milliarden von Euro und lassen das Wasser im Munde großer Kapitalisten fließen. Also war es unumgänglich, dass man sich wieder aus staatlicher Ebene einigen musste.
Jedoch haben die Streitereien Risse in der Bevölkerung hinterlassen. Polarisierung und Ressentiments haben in erheblichem Maße zugenommen. Aus diesem Grund lehrt uns das Jahr 2018 wieder einmal, dass die Grenzen nicht zwischen Religionen oder Nationalitäten laufen, sondern zwischen den wirtschaftlichen Interessen von Konzernen, zu deren Wohle ihre Regierungen sich mal sanft behandeln, mal heftig streiten und die Interessen und Bedürfnisse des Volkes ignorieren.
In einer Zeit, in der Ökonomie, internationale Politik und profitorientierte Beziehungen auf wackeligem Boden stehen, in denen haben türkeistämmige Beschäftigte keine andere Chance, als sich mit deutschen Arbeitern und Beschäftigten zusammenzuschließen und solidarisch für gemeinsame Ziele zu streiten. Denn sie haben alle die gleichen Interessen!

(Übersetzung)