Der letzte Widerstandskämpfer des Warschauer Ghettos ist gestorben

Vor etwas mehr als 75 Jahren fand mit dem Aufstand des Warschauer Ghettos einer der größten Widerstände gegen die Ermordung von Millionen von Menschen durch das NS-Regime statt. Nun ist vor wenigen Tagen mit Simcha Rotem der letzte Widerstandskämpfer des Aufstandes gestorben. Lange Zeit war das Gespräch mit Zeitzeugen eines der wichtigsten Mittel, um die Verbrechen des Hitler-Faschismus anzuprangern, aber auch von ihrem Widerstand zu lernen. Nun, da es bald schon keine Zeitzeugen geben wird, stellt sich die Frage: wie können wir die Geschichte weiterhin – besonders für junge Menschen – weitertragen? Besonders in einer Zeit wie heute.

Warschauer Ghetto

Viele wissen, dass in Polen zahlreiche Verbrechen durch die Nazis begangen wurden. Besonders da auch das größte Vernichtungslager des Hitler-Faschismus, Auschwitz, sich in Polen befand. Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 legte das Dritte Reich den Grundstein für den Zweiten Weltkrieg. In der polnischen Hauptstadt Warschau lebten zu diesem Zeitpunkt Hunderttausende jüdische Menschen. Schnell war das Land erobert und bereits im Oktober 1940 wurden die jüdischen Bürger von Warschau in das sogenannte „Warschauer Ghetto“ umgesiedelt. Dabei verloren sie nicht nur ihren Besitz, sondern waren bis zum Kriegsende ständigen Hungersnöten, Zwangsarbeit und willkürlichen Ermordungen durch die SS ausgesetzt. Vor allem diente das Warschauer Ghetto als Sammelort für die anschließende Deportation und systematische Ermordung im Vernichtungslager Treblinka, in dem etwa eine Million Menschen den Tod fanden. Doch gründeten sich im Warschauer Ghetto schnell auch Selbsthilfegruppen, die die Menschen vor allem mit Nahrungsmitteln etc. versorgten. Nachdem ab Mitte 1942 im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage“ täglich zehntausende Menschen nach Treblinka deportiert wurden, gründeten sich schnell unterschiedliche Widerstandsorganisationen, die sich in der „jüdischen Kampforganisation“ (ZOB) und dem „jüdischen Militärverband“ (ZZW) bündelten, die vor allem von jüdischen, kommunistischen Gruppen getragen wurden. Doch mussten diese schnell handeln, denn während zu Beginn noch etwa 550.000 Menschen im Warschauer Ghetto lebten, verringerte sich diese Zahl durch Hungersnöte und Deportationen auf knapp 50.000 im Oktober 1942. Am 18. Januar 1943 wagten die Widerstandskämpfer eine erste Konfrontation gegen 1000 Männer von der SS. Obwohl sie deutlich weniger Waffen hatten, konnten sich die Widerständler durch Partisanenkriegsführung vier Tage lang widersetzen und die SS vorerst aus dem Ghetto vertreiben. Bis zum eigentlichen Aufstand kam auch die Deportation zum Stehen.

Aufstand im Warschauer Ghetto

Am Morgen des 19. April 1943 marschierten zwei SS-Truppen an unterschiedlichen Stellen des Ghettos ein, doch waren sie nicht auf die Taktiken der Widerstandskämpfer vorbereitet. Diese hatten Häuser miteinander verbunden, Tunnel gebaut. Sie kannten das Warschauer Ghetto viel besser, als die SS, führten Blitzangriffe durch, waren mit Molotowcocktails etc. ausgestattet. Auch der Angriff SS mit Luftbomben und Feuerwerfern in den Tagen darauf, konnte den Kampf nicht stoppen. Doch zeigte dieser natürlich auch seine Spuren. Nach vier Tagen war der Großteil der Kämpfer bereits gestorben oder schwerverletzt. Die ZOB und ZZW mussten den Widerstand an andere Orte des Ghettos verlagern, verloren zentrale Plätze im Ghetto, doch griffen noch immer blitzartig an. Während es Ende April noch Gefechte gab und am 1. Mai die Internationale gesungen wurde, beschlossen die Organisationen, dass sie den Widerstand nicht mehr lange halten konnten, flohen aus dem Ghetto oder versteckten sich in Bunkern. Wurden diese Bunker gefunden, wählten nicht wenige Widerstandskämpfer lieber Selbstmord, als sich der SS zu ergeben. Am 16. Mai 1943 endete der Aufstand mit der Bombardierung der Großen Synagoge. Manche Widerstandskämpfer, wie Simcha Rotem, konnten fliehen, doch wurden nach dem Aufstand 30.000 Menschen ermordet, weitere 7.000 wurden deportiert. Beim Aufstand selbst starben 12.000 Widerstandskämpfer. Doch wussten Menschen, wie Simcha Rotem, nicht, dass sie niemals gegen die zahlenmäßig überlegene und besser bewaffnete SS gewinnen konnten? Natürlich wussten sie es. „Auf den Sieg haben wir nie gehofft“, so Simcha Rotem, laut der TAZ. „Es ging uns nicht um den ‚ehrenhaften Tod‘, wie viele denken. Wir wollten nur die Art des Todes wählen – eine leichtere als die in der Gaskammer.“ Rotem konnte am 10. Mai 1943 durch einen Abwasserkanal gemeinsam mit 40 anderen fliehen, wurde dort von einem Bekannten aus der Stadt in die Wälder, wo die Guerilla-Truppen waren, gefahren und half weiterhin anderen bei der Flucht aus dem Ghetto.

Das Sterben der Zeugen

„Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ schworen die Überlebenden von Buchenwald nach ihrer Befreiung. Leider sehen wir heute, dass dieser Schwur gebrochen wurde. Die Bundeswehr ist nicht erst seit heute in zahlreichen Krisenherden im Einsatz. Die Rechten in Europa erstarken zusehends und auch in Deutschland gewinnen sie immer mehr an Kraft. Schon längst ist der Satz: „Der Zweite Weltkrieg betrifft uns gar nicht mehr, warum vergessen wir nicht endlich?“ keine bloße Äußerung von Skinheads und Nazis mehr. Besonders für junge Menschen ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, an die Verbrechen des Hitler-Faschismus und an den Widerstand dagegen umso wichtiger, damit so etwas nie wieder geschieht. Für viele sind Besuche in KZ-Gedenkstätten jedoch nur Pflichtprogramm, was sie in der Schule erledigen müssen, weil Geschichte, solange sie nur trocken und ungelebt, ohne Bezug zu ihrem Leben und zur heutigen Zeit, sie gar nicht prägen kann. Dabei hatten die vergangenen Generationen den Vorteil, von den Menschen zu hören, die sie erlebt haben. Von ihrer persönlichen Geschichte, von ihrem Leid, aber auch ihrem Mut zu lernen. Manche von ihnen zogen es lange Zeit vor, nicht von ihrem Erlebten zu sprechen, wollten einfach vergessen. Manche von ihnen, wie Esther Bejarano, eine Auschwitz-Überlebende, engagieren sich mit 94 Jahren noch immer für Frieden und Antifaschismus. Simcha Rotem entschied sich, im israelisch-palästinensischen Krieg zu kämpfen, statt den Krieg zu bekämpfen! Sicherlich sind und waren auch die Zeitzeugen keine homogene Gruppe, manche ihrer Handlungen finden wir vielleicht besser, als andere, doch war, was sie im Krieg erlebten, stets wichtig für uns, um uns zu erinnern. Doch sind Zeitzeugen auch nicht unsterblich, schon in wenigen Jahren wird es überhaupt keine mehr geben. Dann ist es umso wichtiger, unsere Erinnerungskultur nicht nur auf zwei Fronten aufzubauen, in jene, die die Geschichte vergessen wollen und jene, die sie nur emotional wahrnehmen. Am Zweiten Weltkrieg und der Ermordung von Millionen Menschen, haben einige profitiert. Einige, die das Giftgas herstellten, die die Panzer und Waffen bauten, die von den Zwangsarbeitern profitierten. Die Geschichte lehrt uns vor allem, dass Kriege und Zerstörung nicht Taten von Einzelnen sind und sich immer wiederholen können. Sie lehrt uns aber auch, wie wir uns dagegen wehren können. (YH)