Fridays for Future

Foto: DIDF Jugend Köln

Alev Bahadir

„Heute schon an Morgen denken“, „Hier ist aber DICKE LUFT“, „Dinos dachten auch sie hätten Zeit“, „Klimastreik“. All diese Sätze sind auf Kartons oder Transparente geschrieben, als knapp 10.000 Schülerinnen und Schüler am Freitag, den 25. Januar, für den Kohleausstieg demonstrierten. Und das alles während der Schulzeit. Dabei ist das zunächst der erste Höhepunkt. Unter dem Motto „Fridays for Future“ schwänzen seit Wochen bereits bundesweit tausende Schüler freitags die Schule, für ihre Zukunft.

„Ich tue das, weil ihr Erwachsenen auf meine Zukunft scheißt“

Den Anfang hat die Bewegung in Schweden. Genau genommen mit der 16-jährigen Schülerin Greta Thunberg. Schon länger für den Umweltschutz aktiv, entschied sich Greta im Rekordsommer 2018 ihren Protest deutlich zu machen. Als am 20. August in Schweden das Schuljahr begann, drückte Greta nicht die Schulbank, sondern stand mit dem Schild „Schulstreik für das Klima“ vor dem schwedischen Parlament in Stockholm. Ihre Forderung: die Treibhausgasemissionen müssen jährlich um 15 % reduziert werden. Bis zu den schwedischen Parlamentswahlen am 9. September 2018 boykottierte Greta jeden Tag die Schule und stand vor dem Parlament. Danach führte sie ihren Protest jeden Freitag während der Schulzeit fort. Bald war ihr Protest nicht nur länger auf Greta begrenzt. Zunächst in Schweden taten ihr es Schülerinnen und Schüler im ganzen Land nach. Das sorgte nicht nur für Begeisterung. Eltern, Konservative und Lehrer zeigten sich nicht gerade begeistert. Rechte Politiker werfen Greta „ideologische Verblendung“ vor. Kritiker werfen ihr vor, ihren Protest während der Schulzeit, statt in der Freizeit durchzuführen und somit ganz bewusst die Schulpflicht zu verletzen. Greta ist das egal. „Warum sollten wir für eine Zukunft lernen, die nicht sicher ist“, sagte sie einst in einem Twittervideo. Sie will auf ihre Sache aufmerksam machen und hätte sie deswegen nicht die Schule boykottiert, würde kein Mensch über sie sprechen. Vor allem erwachsene Menschen sollen sich dem Klimaschutz annehmen: „Ich tue das, weil ihr Erwachsenen auf meine Zukunft scheißt“, drückt Greta es aus. Mittlerweile ist Greta längst kein unbekanntes Gesicht mehr. Sie war Rednerin bei der UN-Klimakonferenz in Kattowitz. Vom 23. – 25. Januar nahm sie am Treffen des Weltwirtschaftsforums im schweizerischen Davos teil. Dort formulierte sie ihre Erwartungen sehr deutlich: „Erwachsene sagen immer, wir schulden es der Jugend Hoffnung zu geben. Aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich will nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich möchte, dass ihr Panik habt. Ich möchte, dass ihr die gleiche Angst verspürt, wie ich jeden Tag“.

Kohleausstieg bis 2030

Klare Ansagen, die auch tausende Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland inspiriert haben. Denn Fridays for Future ist längst nicht mehr auf Schweden begrenzt, sondern international angekommen. So auch in Deutschland. Während es im Dezember noch vereinzelt Schüler waren, die die Schule freitags bestreikt haben, sind es seit Anfang des Jahres deutlich mehr geworden. Mittlerweile bestreiken in vielen deutschen Städten hunderte bis tausende Jugendliche freitags die Schule. Auf ihrer Website erklären sie ihre Beweggründe:

„Der Klimawandel ist längst eine reale Bedrohung für unsere Zukunft. Wir werden die Leidtragenden des Klimawandels sein. Gleichzeitig sind wir die letzte Generation, die einen katastrophalen Klimawandel noch verhindern kann. Doch unsere Politiker*innen unternehmen nichts, um die Klimakrise abzuwenden. Die Treibhausgas-Emissionen steigen seit Jahren, noch immer werden Kohle, Öl und Gas abgebaut. Deswegen gehen wir Freitags weder in die Schule noch in die Uni. Denn mit jedem Tag, der ungenutzt verstreicht, setzt ihr unsere Zukunft aufs Spiel! … Wir setzen uns für echten Klimaschutz ein und wollen für unsere Zukunft und für die der folgenden Generationen kämpfen. Wir fordern von der deutschen Regierung mehr Klimaschutz und den Kohleausstieg – und zwar nicht erst in zehn Jahren! Auch wenn wir dafür Unterrichtsstunden verpassen: Das ist uns die existenzielle Frage der Klimakrise mehr als wert. Denn der Klimawandel wartet nicht auf unseren Schulabschluss. Unser Streik richtet sich nicht gegen die Schule, die Universität oder gegen Lehrer*innen.“

Organisiert werden die Proteste von hunderten Schülern, größtenteils via Whats App und Skype. Die Besonderheit bei den Protesten ist auch, dass es weniger um die Verantwortung von einzelnen Menschen beim Klimawandel geht, sondern um die Verantwortung, in der die Politik steht. Deshalb fordern die Schüler die Umsetzung des 1,5 Grad-Ziels der Klimaerwärmung und den Kohleausstieg bis spätestens 2030. Dabei richten sie ihre Forderungen vor allem an die Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung (eher bekannt als „Kohlekommission“), der sie in einem offenen Brief mitteilen: „Die bisherige politische Untätigkeit zwingt uns nun, etwa durch Kampagnen, Schulstreiks und Aufrufe wie diese auf die derzeitige Lage aufmerksam zu machen. Wir jungen Menschen wissen, dass wir längst keine Zeit mehr für politisches Hinhalten haben und dass jetzt die letzte Möglichkeit ist, den vollständigen Klimakollaps und den damit einhergehenden fortschreitenden Artenverlust noch zu verhindern“. Als die Kohlekommission am 25. Januar in Berlin tagte, zogen die Schüler mit, organisierten selbstständig Busse und Anreise und demonstrierten zu 10.000 für den schnelleren Kohleausstieg. Als Wirtschafts- und Energieminister Peter Altmaier die Protestbühne in Berlin betrat, riefen die Schüler „Hopp, hopp, hopp, Kohlestopp“ und forderten ihn auf in die Kommissionssitzung zurückzukehren.

Zwischen Zuspruch und Verweisen

Unterschiedlich reagieren Parteien und bekannte Personen auf den Schülerprotest. Während die meisten jugendpolitischen Gruppen und Parteien ihn begrüßen, erzeugen die Schüler laut Finn Wandhoff (Vorsitzender der Unionsnahen „Schüler UNION“) „einen total unnötigen moralischen Konflikt“. Er nannte den Protest gegenüber der WELT „verantwortungslos“ und jenem werde „zu viel Aufmerksamkeit geschenkt“. Ähnlich ist es auch im die Schulbehörden bestellt. Zwar betonten alle Bildungsministerien der Länder die Schulpflicht, doch überließ man den Umgang damit meist den einzelnen Schulen. Dementsprechend unterschiedlich fallen die Reaktionen aus. Während einige Schüler von Politiklehrern etc. gestärkt oder von der Schule befreit werden, erwarten andere Verweise, Fehlstunden oder schlechte Noten. Ähnlich reagierten viele Schulen damals bei den Bildungsstreiks vor knapp 10 Jahren. Doch auch damals ließen sich die Schüler nicht einschüchtern und standen weiterhin für ihre Sache ein. Fakt ist, dass der Schulstreik das Anliegen der Schüler stärker verdeutlicht, als wenn sie es in ihrer Freizeit tun. In den vergangenen Wochen sind in vielen Städten knapp 30.000 Schüler auf die Straße gegangen und es ist zu erwarten, dass es noch mehr werden.