Für viele lästig – für sie lebenswichtig

Sinan Cokdegerli

Wochenlang standen Flugsicherheitskräfte in ganz Deutschland in allen Zeitungen, schafften es bis in die Nachrichtensendungen und wurden in sozialen Medien entweder scharf kritisiert, beleidigt oder konnten sich an wenigen solidarischen Beiträgen erfreuen. Immer wieder fand sich die Situation der Reisenden in den Medien wieder, ohne auf die Lebensrealität der Streikenden aufmerksam zu machen. Doch das ist kein Zufall, denn die Dämonisierung von Streiks ist Alltag.

Ob in der Flugsicherheit, bei der Bahn, wenn in den Kindertagesstätten oder in Krankenhäusern gestreikt wird, wie das nun wieder im Öffentlichen Dienst ansteht, immer wieder müssen sich die Streikenden mit einer Flut an Hassbotschaften auseinandersetzen. Im Hinblick auf die mediale Aufarbeitung ihrer Streiks ist dieser Umstand nahezu schon verständlich. Gerechtfertigt ist sie aber auf alle Fälle nicht.

Sobald der Arbeitskampf von Menschen den Komfort anderer beeinträchtigt, wird immer wieder zum selben Mittel gegriffen. Streikende und die Gesellschaft werden gegeneinander ausgespielt und man versucht, mittels gesellschaftlichen Drucks die Streikenden dazu zu bringen, ihren Arbeitskampf niederzulegen. Besonders klar zu erkennen ist das im Gesundheits- und Personenbeförderungsbereich oder in der Kinderbetreuung, weil in den Bereichen besonders viele Menschen davon betroffen sind.

Schlagzeilen wie „Streik trifft 10.000 Passagiere“, „ver.di greift zur ganz großen Keule“, oder „Hat diese Frau 20€ verdient?“ und ähnliche waren auch in den Nachrichten oder sozialen Medien immer wieder zu lesen. Einige Artikel aus großen meinungsbildenden Medien haben auch das Streikrecht oder das Thema der Verhältnismäßigkeit eines Arbeitskampfes, grundsätzlich in Frage gestellt. Sehr interessant ist hier auch wie verschiedene Branchen gegeneinander ausgespielt wurden.

Im Nachgang noch umstritten

Nun ist es soweit und die Luftsicherheitskräfte haben nach wochenlangen Streiks ein Tarifergebnis erreicht, das im Themengebiet Entgelt relativ hoch ist und wodurch beispielsweise bei der Passagierkontrolle bald ein Stundenlohn von fast 20€ erreicht wird. Man könnte meinen, es ist Zeit den Kollegen zu gratulieren. Aber stattdessen kommen folgende Kommentare: „Und die normalen Sicherheitskräfte sind euch scheißegal“, „Unfassbar, ihr habt mit diesem Schritt die komplette handwerkliche Ausbildung, Pflege Ausbildung, Gastronomie, Einzelhandel zu Nichte gemacht“ oder „Und wir Pflegekräfte werden wieder mal im Stich gelassen!!!“ Ähnlich war es auch z.B. bei der Deutschen Bahn gewesen. An den Tarifverträgen kann und muss Kritik geäußert werden, aber insbesondere Seitens derer, die für diese Tarifverträge auf die Straßen gegangen sind. Diese müssen der Gewerkschaft, bei Abschlüssen in denen weitaus mehr zu erreichen gewesen wäre, signalisieren, dass sie den Arbeitskampf nicht mit einem schwachen Ergebnis beenden wollen.

Verständlich sind diese Kommentare im Hinblick darauf, dass sich Menschen oft von Gewerkschaften im Stich gelassen, sich von den Gewerkschaften verraten und teilweise gar nicht beachtet fühlen. Wenn diese Gewerkschaften dann in anderen Bereichen mehr Einsatz zeigen, wird darauf hingewiesen, dass man den selben Einsatz auch beim eigenen Arbeitskampf erwartet. Jedoch wird diese Erwartung immer mehr so formuliert, dass man denjenigen, die nun ein Sieg erreicht haben, diesen abspricht, als wäre dadurch weniger Spielraum für einen selbst übrig.

Verständlich sind Kommentare wie diese auch im Hinblick auf die starke Antipropaganda der Arbeitgeber gegenüber Arbeitsniederlegung und das organisierte Handeln von Arbeitern. Bei jedem Streik, vor Allem in Dienstleistungsbereichen, wird darauf aufmerksam gemacht, welchen Schaden man doch den Menschen anrichten würde, die nichts damit zu tun hätten. Wenn Erzieher streiken, heißt es „Oh die armen Kinder“ oder wenn die Pflege streikt „Oh nein die armen Patienten“.

Wir statt ich, alle statt wenige

Dass die Arbeitgeberseite immer wieder versucht, die Arbeiterklasse zu spalten und gegeneinander auszuspielen, brauchen wir hier nicht weiter erläutern. Auch das müssen wir verstehen, denn das ist eine ihrer stärksten Waffen gegen den organisierten Kampf und gegen Streiks. Wir verlieren aber, wenn wir uns auf dieses Spiel einlassen.

Ob die Kollegen bei der Flugsicherheit nun 20€ mehr bekommen oder 500€ mehr die Stunde ist nicht schädlich für den Arbeitskampf in der Pflege, in den Fabriken oder bei der Müllabfuhr. Im Gegenteil. Denn darauf aufbauend kann bei anderen Tarifrunden nun auf das Ergebnis der Flugsicherheit gezeigt werden und das selbe Ergebnis gefordert oder angestrebt werden.

Zudem brauchen wir einen solidarischen Alltag zwischen den Kollegen aus verschiedenen Branchen, statt einer Anfeindung zwischen ihnen. Denn nicht die Streikenden sind Schuld daran, dass nun die Flieger nicht starten, die armen Kinder nicht rechtzeitig zur Prüfung kommen oder die KiTas geschlossen sind, sondern die Arbeitgeber, die ihnen das verweigern, was ihnen zusteht. Das ist nicht nur in einer Branche der Fall sondern in allen.

Aus der Solidarität schöpfen wir Kraft um unseren Arbeitskampf weiter zu tragen. Denn wir als diejenigen, die nichts haben außer ihrer Arbeitskraft, können nur diese als Druckmittel benutzen, wenn es darum geht, die Forderungen durchzusetzen. Der Streik mag in dem Moment also für viele Außenstehende lästig oder nervtötend sein, für die Streikenden ist das aber das einzige, was sie der Arbeitgeberseite entgegenhalten können. Deshalb ist es immens wichtig, die Kollegen in ihrem Streik nicht noch zusätzlich zu belasten, sondern solidarisch mit den Streikenden zu sein. Doch diese Solidarität kann man nur erwarten, wenn man sich selber solidarisch zeigt. Sonst lässt man sich auf das Spiel derer ein, die ausbeuten und tagtäglich für einen Hungerlohn schuften lassen, während sie sich ihre eigenen Taschen füllen. Jetzt war die Zeit, mit den Flugsicherheitskollgen solidarisch zu sein, morgen vielleicht mit der Belegschaft von Unikliniken, mit allen, denen diese Solidarität unweigerlich und kompromisslos zusteht.