M&R Künstlerkonferenz: Vom Manifest bis zur Freiheit des Kulturschaffenden

Am 8.Juni 2019 im „Heimathafen“ Neukölln, Berlin, hat das Magazin für Gegenkultur „Melodie & Rhythmus“ zur Künstlerkonferenz eingeladen. Auf den Podien waren Künstler und Kulturschaffende aus den unterschiedlichsten Themengebieten vertreten. Mehr als 400 Gäste nahmen an der Konferenz teil. Die Konferenz wurde anschließend durch eine Kultur-Gala mit Musik und Theater beendet.

Die ersten Schritte für ein Manifest…

Anfang 2018 gab das „Magazin für Gegenkultur“ M&R den Stopp der Produktion der Zeitschrift bekannt, weil die Kosten für den Erhalt nicht mehr tragbar waren. Gleichzeitig wurde eine Abo-Kampagne zur Erhaltung von M&R ins Leben gerufen, welche unter dem Motto „DIE WAFFE DER KRITIK BRAUCHT EIN MAGAZIN. – 1000 Abos jetzt!“ lief. Zum Jahresende wurde mit mehr als 1800 Abos die Kampagne beendet und M&R wird wieder gedruckt. Dietmar Koschmieder, Geschäftsführer des „Verlags 8.Mai“, sagte bei seiner Eröffnungsrede: „Dass wir heute hier sind, verdanken wir der Tatsache, dass wir unser Aboziel weit überschritten haben.“ Bei den Bemühungen M&R zu erhalten, was viele Künstler unterstützten, entstand auch die Idee dieser Künstlerkonferenz, so Koschmieder.

In der ersten Ausgabe steht der Entwurf für ein „Manifest der Gegenkultur“, dies war der erste Schritt. „Wir möchten mit diesem, im 21. Jahrhundert veröffentlichten, „Manifest der Gegenkultur“, das marxistische Kulturverständnis wieder auf die Tagesordnung bringen“, so Susann Witt-Stahl, Chefredakteurin von M&R. Dieses Manifest soll gegen den international wachsenden Rechtsruck und gegen die Angriffe der Rechten innerhalb der Kultur klare Stellung beziehen. Der Entwurf soll noch weiter diskutiert werden. Das Ziel sei es, sich mit viele Menschen auf internationaler Ebene darüber auszutauschen. Der Entwurf ist online unter, www.melodieundrhythmus.com/mr-1-2019/manifest-fuer-gegenkultur zu finden.

PODIUM 1: Rechtsentwicklung der Kultur
Im ersten Podium mit Konstantin Wecker (Musiker), Gisela Steineckert (Schriftstellerin), Volker Lösch (Regisseur) und Rolf Becker (Schauspieler) wurde über den steigenden Einfluss des Faschismus innerhalb der Kultur diskutiert, aber auch wie die jeweiligen Kulturschaffenden in ihrem Bereich dagegen Widerstand leisten. Becker betonte, dass es sehr wichtig ist, den Faschismus als Ideologie genau zu analysieren und klar darzustellen, warum dieses System den Faschismus und faschistische Organisationen braucht. Das darf aber nicht nur in der Theorie geschehen, das müsse in ihren Büchern, Liedern, Theaterstücken usw. stattfinden. „Wir müssen auf diesem Wege auch Widerstand gegen den Faschismus leisten“, so Becker.

PODIUM 2: Medien – Manipulation und Schweigen der Kulturschaffenden
Das zweite Podium war international besetzt mit Menschen aus dem Bereich Medien. Mit Ekinsu Devrim Danış (Yeni E, Türkei), Ekkehard Sieker (Redakteur „Die Anstalt“) und Julieta Daza (Redakteurin der bolivarischen Presseagentur (Venezuela). Bei diesem Podium wurde über die Frage diskutiert, ob es möglich ist über die neuen und alten Medien die Wahrheiten wiederzugeben.
Danış begann ihr Wortbeitrag damit, zu erklären, dass die Kontrolle der Medien in der Hand derjenigen ist, die auch die Produktionsmittel besitzen und dass dementsprechend auch nur ihre Sicht von „Wahrheit“ gezeigt wird. Diese Vorherrschaft in der Medienlandschaft konnte mithilfe der „neuen“ Medien, wie Twitter, zwar teilweise aufgebrochen werden. Jedoch sehen wir immer häufiger, wie diese blockiert und auch zensiert werden.
Sieker erzählte von seiner Arbeit bei „Die Anstalt“, wichtig sei es vor allem mit stichfesten Fakten zu arbeiten, dann könne man der Sendung auch nicht viel entgegenbringen. Es gab Folgen der Anstalt, in denen bis zur letzten Minute der Ausstrahlungen noch weiter recherchiert und Texte umgeschrieben wurden.
„Wenn man sich die Talkshows im Fernsehen ansieht, werden fünf verschiedene Gäste eingeladen und ihnen wird die Möglichkeit gegeben ihre fünf verschiedenen Wahrheiten zu verbreiten. Wir können so etwas nicht akzeptieren. Wir müssen das, was wahr ist, genau analysieren, dokumentieren und klarstellen.“

PODIUM 3: Fortschrittliche Kunst und Kultur heute
Vor dem dritten Podium gab es einen kurzen Vortrag „Freiheit von Kunst und Kultur in der Warengesellschaft“ von Moshe Zuckermann (Kunsttheoretiker). In seinem Vortrag sagte er, dass es ihn gewundert hat, dass in den vorherigen Podien nicht über die „Freiheit“ der Kunst- und Kulturschaffenden geredet wurde. „Wenn wir über fortschrittliche Kultur diskutieren müssen wir auch über die Bedingung für die Freiheit der Künstler sprechen.“, sagt Zuckermann. Seine Kritik untermauert er mit einem Zitat von Theodor W. Adorno, „Große Kunst war immer auch Ware, aber nie nur das.“
Das dritte Podium eröffnete dann schließlich Stefan Huth (Chefredakteur junge Welt). Konstantin Wecker (Liedermacher), Wieland Hoban (Komponist) und Mesut Bayraktar (Schriftsteller) zeigten zunächst auf, wie sie zur „fortschrittlichen“ Kunst kamen und dortblieben. Wecker erzählt, dass ihn sein Elternhaus dazu verleitet hat empathisch zu sein mit denen, den Unrecht getan wurde. Was aus ihm geworden wäre, wenn er sich nicht so entwickelt hätte, wüsste er nicht. „Wir brauchen mehr Empathie in einer Gesellschaft, in der diejenigen verurteilt werden, die Menschen retten, die im Mittelmeer ertrinken“, so Wecker.

PODIUM 4: Erinnerungskultur
Im letzten Podium diskutierten Erich Hackl (Schriftsteller), Esther Bejarano (Sängerin), Moshe Zuckermann und Susann Witt-Stahl über die Notwendigkeit einer Erinnerungskultur und die Weitergabe dieser an folgende Generationen.
Esther Bejarano, die 1945 das KZ-Auschwitz überlebte und mit ihrer Familie nach Palästina auswanderte, beschrieb ihre Erwartung an das Leben dort. Ihre Vorstellungen waren ein gemeinsames Leben mit den Palästinensern. Vor Ort stellten sie jedoch fest, dass dies nicht der Fall ist. Vielmehr nahm sie die Unterdrückung und Ausgrenzung der Palästinenser wahr. Zusammen mit ihrer Familie entschlossen sie sich daher 1960 nach Deutschland zurück zu kehren, um nicht mehr Teil der Besatzung zu sein.
Während des zweiten Weltkriegs gab es unzählige „Flüchtlingswellen“ aus Europa. Ein Schiff voll mit Juden, die auf der Flucht waren welche nirgendwo aufgenommen wurden, musste zurück nach Deutschland. Wo dann viele in KZs gefangen genommen wurden. Das was Bejarano darlegt, geschieht wieder, sagt sie.
Wir müssen gegen das Vergessen kämpfen erwähnt der österreichische Schriftsteller Hackl. Die Entstehung der Erinnerungslücke zwischen den Generationen muss wieder geschlossen werden.

Internationale Front gegen rechts
Vor dem Übergang zur „Kultur-Gala“ gab es eine Ansprache von Esther Bejarano an alle Künstler, jegliche Form von Faschismus zu bekämpfen und gegen den Krieg eine gemeinsame Front zu bilden. „Ich habe den Holocaust der Nazis überlebt und weil ich weiß, was uns erwartet, wenn wir uns nicht alle gegen die menschenverachtenden Ideologien stellen, rufe ich euch alle auf dagegen Stellung zu beziehen. Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! Lasst uns niemals schweigen!“, mit dieser Ansprache beendete Esther Bejarano das Podium.