Unbelievable

Alev Bahadir

Vor kurzem startete bei Netflix eine neue „true-crime-Serie“ mit dem Titel „Unbelievable“. Der Titel fasst die eigentliche Essenz der Serie bereits kurz zusammen. Denn „Unbelievable“ ist nicht nur das englische Wort für „unglaublich“ – und die Handlung der Serie führt dazu, dass man bei jeder Folge kopfschüttelnd vor dem Fernseher sitzt und dabei „unglaublich“ sagt – sondern kann auch „unglaubwürdig“ bedeuten. Und genau darum geht es: um Glaubwürdigkeit. Genauer gesagt, um Glaubwürdigkeit von Frauen nach einer Vergewaltigung.

Die Serie beginnt mit der 18-jährigen Marie Adler. In den ersten Minuten der Auftaktfolge erzählt sie einem Polizeibeamten, wie in der Nacht ein maskierter Mann in ihre Wohnung eingedrungen ist, sie gefesselt und vergewaltigt hat, anschließend Fotos von ihr gemacht hat und verschwunden ist. Ab diesem Zeitpunkt muss Marie ihre Geschichte immer wieder erzählen. Dem ermittelnden Detective, der irgendwie gleichgültig wirkt, im Krankenhaus, wo man sie abfertigt, dann noch einmal dem gleichen Detective wie zuvor, ihren ehemaligen Pflegemüttern, ihrem Exfreund, ihrer Wohngruppe. Immer wieder durchlebt der Zuschauer mit Marie gemeinsam einzelne Momente und Erinnerungsfetzen. Trotzdem versucht sie irgendwie klar zu kommen, geht zur Arbeit, bezieht eine neue Wohnung, die sie mit einer Pflegemutter einrichtet. Dabei scheint ihr Benehmen für eine ihrer beiden Pflegemütter (sie erzählt, dass sie in sehr vielen Pflegefamilien war, hat aber scheinbar nur noch Kontakt zu zwei ehemaligen Pflegemüttern) nicht traumatisiert genug. Also äußert diese dem Detective gegenüber Zweifel. Sie erzählt von Maries Kindheit, wie diese bereits als Kind misshandelt wurde, von einer Pflegefamilie zur anderen gereicht wurde, bis sie schließlich bei ihr landete. Weiter erzählt sie, dass sie früher selbst Opfer von sexualisierter Gewalt wurde und Maries Verhalten nicht zu ihren eigenen Erlebnissen und Erfahrungen passe. Dass Marie, die seit 6 Monaten in einer Unterkunft mit betreutem Wohnen lebe, mehr Aufmerksamkeit verlange. Lange Rede, kurzer Sinn: das Gespräch macht klar, dass die Pflegemutter Marie nicht glaubt. Eine Tatsache, die von dem Detective bereitwillig übernommen wird. Schließlich haben sich in Maries Wohnung keinerlei Spuren gefunden, in ihrer Geschichte gibt es Unstimmigkeiten und sie selbst hat eine lange Geschichte der Misshandlungen hinter sich und lebt zum ersten Mal in ihrem Leben alleine. Da ist es doch einfacher davon auszugehen, dass sie Aufmerksamkeit will und lügt, als nach einem Täter zu suchen, der offensichtlich weiß, was er tut, wenn er keine Spuren hinterlässt. Nach etwa 40 Minuten in der ersten Folge ist es dann soweit. Die Detectives rufen Marie aufs Revier und machen ihr klar, dass sie ihr nicht glauben. Dass ihre Pflegemutter ihr nicht glaubt. Dass ihr Exfreund ihr nicht glaubt (was übrigens eine Lüge ist). Nachdem sie genug Druck aufgebaut haben, widerruft Marie anschließend ihre Aussage und gibt an, dass alles eine Lüge gewesen sei. Im Verlauf der weiteren 7 Folgen begleiten wir Marie dabei, wie sie ihren gesamten Freundeskreis verliert, weil sie denken, dass sie eine Lügnerin ist. Wie ihre Identität an die Medien weitergegeben, sie von diesen und in den sozialen Medien beleidigt und bedrängt wird. Wie sie sich betrinkt und deshalb ihren Platz in der Wohngruppe verliert. Wie sie ihren Job verliert. Wie sie sogar wegen Falschaussage angeklagt wird und eine Geldstrafe zahlen muss. Schlimm genug, dass sie vergewaltigt wurde, Marie wurde nicht geglaubt und ihr ganzes Leben ruiniert. Parallel dazu sehen wir in der Serie, zwei weibliche Detectives in einem ganz anderen Bundesstaat, drei Jahre später die Spur nach einem Serienvergewaltiger aufnehmen, der so vorgeht, wie es Marie passiert ist. Die beiden sind genau das Gegenteil der Beamten bei Marie. Sie sind feinfühlig, drängen ihre Opfer nicht und zweifeln auch keinen Augenblick an ihren Opfern und deren Geschichten. Während wir die Handlung über 8 Folgen verfolgen, hoffen wir die ganze Zeit, dass die Polizistinnen endlich die Parallelen zu Marie ziehen.

Die ganze Geschichte um „Unbelievable“ ist nicht der Phantasie irgendwelcher Autoren entsprungen, sondern tatsächlich zwischen 2008 und 2011 in den US-amerikanischen Bundesstaaten Washington und Colorado passiert. In die Öffentlichkeit wurde der Fall von Journalisten von „ProPublica“ und „The Marshall Project“, zwei Onlineplattformen für investigativen Journalismus getragen. Die Debatte um #metoo hat die Diskussion um sexualisierte Gewalt stärker in den Vordergrund gerückt und auch sichtbar gemacht, dass die Statistiken (jede siebte Frau erlebt in ihrem Leben eine Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung) nicht falsch liegen. Auch bei „Unbelievable“ wird das deutlich. Nahezu jede weibliche Figur in der Serie hat Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht. Die Serie und der ihr zugrunde liegende Artikel (der übrigens „An Unbelievable Story of Rape“ heißt) zeigen die traurige Realität, dass immer noch zu vielen Opfern nicht geglaubt wird, aber auch welche Auswirkungen eben das auf die Frauen hat, die ohnehin schon Gewalt erfahren mussten. Irgendwann in der Serie heißt es schließlich auch: „Niemand unterstellt jemandem, der beraubt wurde, er würde lügen. Oder jemanden, dem das Auto gestohlen wurde. Das gibt es nicht. Aber bei sexueller Nötigung…“, da beendet die Person den Satz und weiß selbst nicht, was sie dazu sagen soll. Sexualisierte Gewalt ist kein Randproblem, das totgeschwiegen werden darf. Das hat uns #metoo gezeigt. Genauso wenig darf der Umgang mit den Opfern dieser Gewalt totgeschwiegen werden. Die Serie gibt uns einen kleinen Einblick in das Leben einer jungen Frau, die nur versucht, irgendwie weiter zu machen. Aber ihr werden immer wieder Steine in den Weg gelegt.