Die sich ändernde und unveränderte soziale Stellung der Türkeistämmigen

YÜCEL ÖZDEMIR

Seit dem “Anwerbeabkommen” zwischen Deutschland und der Türkei am 31. Oktober 1961 sind fast 60 Jahre vergangen. Seit über einem halben Jahrhundert hält der Prozess weiterhin an und ein großer Teil der ersten Generation hat sich längst von der Erde verabschiedet, die Verbliebenen erleben ihre letzten Züge. Ihre Zahl reduziert sich tagtäglich, während man auf der anderen Seite von ihren türkeistämmigen Nachkommen in der vierten, gar in der fünften Generation reden kann.

Sich ändernde Verhältnisse und wandelnde Generationen haben natürlicherweise auch in der sozialen Stellung der türkeistämmigen Bevölkerung soziale, kulturelle und ökonomische Unterschiede hervorgebracht. Zu Anfangszeiten der Immigration aus der Türkei waren nahezu 100 Prozent der Türkeistämmigen Fabrikarbeiter. Auch heute noch arbeiten Türkeistämmige mehrheitlich in Fabriken, während aber ein nicht zu vernachlässigender Teil als Angestellte im Dienstleistungssektor, als mittelständische Unternehmer und als Selbstständige tätig sind.

Trotz aller ökonomischen und sozialen Probleme haben Türkeistämmige erkannt, dass sie ein Teil von Deutschland geworden sind und das Land, in dem sie leben und ihre Menschen näher kennengelernt. Somit ist es auch greifbarer als früher, dass die Zukunft mit jedem Tag mehr in Deutschland gesehen und aufgebaut wird.

Die unvermeidliche Erkenntnis vom Status “Einwanderungsland”

Trotz immenser Arbeitskraftwanderungen in die Bundesrepublik seit Ende des zweiten Weltkrieges, hat der deutsche Staat lange Zeit die Wahrheit – Deutschlands Status als “Einwanderungsland”- nicht akzeptiert. Arbeiter wurden in einheimisch und ausländisch separiert. Einheimischen wurde mehr Lohn als den Ausländern gezahlt, gegenseitige Vorurteile wurden gefördert. Trotzdem konnte die Immigration nicht verhindert werden. Als die Bundesregierung 2006 Deutschland zum ersten mal als Einwanderungsland anerkannte, lebten bereits 15,5 Millionen Menschen “mit Migrationshintergrund” im Land. Heute beträgt diese Zahl 20 Millionen 800 Tausend. Das bedeutet, dass jeder Vierte einen Migrationshintergrund hat. Der demografische Wandel deutet darauf hin, dass die Zahl der Migranten auch weiterhin wachsen wird. Das wiederrum bedeutet, dass auch Deutschlands Gesellschaft im Zusammenhang mit der Migration einen Wandel durchleben wird. Es scheint so, dass weiterhin Arbeitskräfte aus dem Ausland ins Land geholt werden müssen, um dem Bedarf nach billigen Fachkräften gerecht zu werden.

Einheimische, Migranten und die “ganz unten”

Eine lange Zeit lang waren türkeistämmige Migranten die “ganz unten”, die der investigative Journalist Günter Wallraff mit seiner gespielten Figur Ali im gleichnamigen Dokumantarfim ihren Namen gab und ihre Lebenssituation zeichnete. Für die Arbeits- und Lebensverhältnisse der 1960`er und 1970`er traf dieses Bild wirklich ins Schwarze. In den Folgejahren wurden Thesen und Prognosen in den Raum geworfen, dass sich diese Verhältnisse ändern würden. Auch wenn in den letzten Jahren Migranten aus dem Mittleren Osten die Rolle der “ganz unten” zu übernehmen scheinen, sieht man, dass der Status der Türkeistämmigen sich nicht wesentlich geändert hat. Zahlen und Berichte des Statistischen Bundesamtes, die wie ein Röntgen-Gerät die Verhältnisse des Landes offenbaren, beweisen, dass diese These richtig ist. Im “Datenreport” aus dem Jahre 2008 wurden die Schichtenunterschiede folgendermaßen erklärt: “Bei den untersuchten Zuwanderergruppen variieren nicht nur die Lebensformen, sondern auch die Einkommenssituation, insbesondere, wenn man das Armutsrisiko betrachtet. Migranten aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens sind dabei besonders stark von Armut betroffen. Ihre Lage hat sich zwischen 2001 und 2006 nicht verändert. Etwa ein Drittel von ihnen lebt unter der Armutsgrenze. Personen türkischer Herkunft und (Spät-) Aussiedler sind stärker von Armut betroffen als Einheimische oder Migranten aus den europäischen Anwerbestaaten.“1

Im gleichen Bericht wird darauf hingewiesen, dass die Wohnsituation der türkeistämmigen Migranten im Verhältnis zu den Deutschen oder anderen Migrantengruppen viel schlechter gestellt sei. 10 Jahre später, wieder im Datenreport des Jahres 2018 wird folgende Aussage getätigt: “Bei den untersuchten Herkunftsgruppen variierte auch die Einkommenssituation, vor allem im Hinblick auf das Armutsrisiko. Türkischstämmige Personen waren 2016 mit einer Risikoquote von 38 % im Vergleich der hier betrachteten Herkunftsgruppen am stärksten von Armut betroffen, gefolgt von Personen aus Südeuropa (32%), Osteuropa (30%) und den (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedlern (27%).“2

Somit zeigen beide Berichte, in einem Unterschied von 10 Jahren, dass das Armutsrisiko der Türkeistämmigen im Verhältnis zu anderen Bevölkerungsgruppen viel höher liegt. Das Haushaltsäquivalenzeinkommen der Türkeistämmigen betrug im Jahre 2001 1275 Euro, 2006 waren es 1384 Euro und 2016 lediglich nur noch 1090 Euro. Das Haushaltsäquivalenzeinkommen von Südeuropäern betrug im Jahre 2016 1200 Euro, während das Haushaltsäquivalenzeinkommen der einheimischen Deutschen im Jahre 2006 1520 Euro betrug und sich im Jahre 2016 auf 1667 Euro erhöhte. Der Vergleich dieser 10 Jahre in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen zeigt deutlich, dass zwischen Deutschen und türkeistämmigen Migranten ein Ungleichgewicht herrscht. Der Hauptgrund dafür ist der Unterschied in den Löhnen und Gehältern. Im Datenreport 2018 wird angeführt, dass Migranten im Jahre 2016 durchschnittlich über 180 Euro netto weniger verfügten als Deutsche. Wenn man sich die durchschnittlichen Gehälter anschaut, betrug die Zahl unter Deutschen 1680 Euro, unter Südeuropäern sogar etwas mehr mit 1700 Euro, aber bei Türkeistämmigen betrug der monatliche Durchschnittsgehalt lediglich 1200 Euro. Der Grund, warum es zu diesen enormen Gehaltsunterschieden kommt, wird deutlich, wenn man sich die Stundenlöhne anguckt, die durchschnittlich angegeben werden. Arbeiter und Angestellte ohne Migrationshintergrund verdienen im Durchschnitt 2 Euro mehr, während Türkeistämmige und Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien, unter ihnen überwiegend Frauen, den niedrigsten Stundenlohn erhalten. Für die Ungleichheit in den Löhnen wird als Grund angegeben, dass es sich um Tätigkeiten handele, die keine besondere Qualifikation erforderten.

Im Datenreport 2018 wird angegeben, dass 11 Prozent der Deutschen ohne Migrationshintergrund und 21 Prozent mit Migrationshintergrund einer Tätigkeit ohne besonderer Qualifikation nachgehen, wobei dies insbesondere auf Personen aus der Türkei (34 %) und auf Personen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens (29 %) zutrifft.3

Grund der Verarmung

Die Zunahme der Armut unter Türkeistämmigen steht in unmittelbarer Relation zur Situation der Arbeiter und Werktätigen im gesamten Land. Türkeistämmige bekommen lediglich mehr ab, als ihnen verhältnismäßig zustehen würde.

Im Datenreport 2018 wird berichtet, dass 2016 mehr als die Hälfte der Deutschen Vollzeit arbeitet, während der Anteil bei Migranten 46 Prozent beträgt und bei Türkeistämmigen sogar nur 36 Prozent. Diese Situation spiegelt sich natürlicherweise in den Durchschnittsgehältern und beeinflußt die soziale Stellung der Betroffenen.

Die Liste der Arbeitslosen führen die Frauen mit Migrationshintergrund an. Mit 13 Prozent machen türkeistämmige Frauen den größten Anteil davon aus. Die Zahl der Nichterwerbstätigen unter allen türkeistämmigen Frauen beträgt ca. 14 Prozent. Verglichen mit den Zahlen von vor 10 Jahren, stellt man fest, dass der Anteil sich extrem verringert hat. Damals lag der Anteil bei 47 Prozent.

Im Allgemeinen zeigen die Zahlen, dass der Anteil derer, die Teilzeit arbeiten, in den letzten 10 Jahren enorm angestiegen ist. Während 2006 lediglich 7 Prozent der Türkeistämmigen Teilzeit arbeiteten, stieg die Zahl im Jahre 2016 auf 19 Prozent. Im gleichen Zeitraum sank die Arbeitslosigkeit unter den Türkeistämmigen von 30 Prozent auf 15 Prozent. Mit der Agenda 2010-Politik der rot-grünen Bundesregierung sank die Arbeitslosigkeit stark, indem Minijobs und Teilzeitbeschäftigungen der Weg geöffnet wurde. Die Zahlen zeigen, dass auch Türkeistämmige einen großen Anteil davon ausmachen. Im gleichen Zeitraum nahm bei Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien der Anteil der Tielzeitbeschäftigten von 10 auf 20 Prozent zu, während die Arbeitslosigkeit von 22 Prozent auf 8 Prozent sank. Somit überholten die aus Jugoslawien stammenden Migranten die Türkeistämmigen und tauschten die Plätze. Unter Deutschen betrug die Arbeitslosigkeit ca. 7 Prozent, während die Zahl bei Türkeistämmigen fast schon doppelt so hoch bei ca 14 Prozent liegt. Die Liste der arbeislosen Migranten führen Türkeistämmige an. Allgemein unter Migranten beträgt der Anteil der Arbeitslosen ca 10 Prozent. Somit sind Türkeistämmige nicht nur von Armut am stärksten betroffen, sondern auch von Arbeitslosigkeit.

Zahl türkeistämmiger Arbeiter nimmt ab, die der Angestellten zu

Zwischen 2006 und 2016 stellt man auch fest, dass sich in den Berufsgruppen der Türkeistämmigen Änderungen ergeben haben. Im Datenreport 2008 wird angegeben, dass 2001 55 Prozent aller Türkeistämmigen den Status “Arbeiter” tragen, während diese Zahl 2006 mit 40 Prozent4 und 2016 mit 34 Prozent5 beziffert wird. Nahezu 60 Jahre Migration aus der Türkei offenbaren heute die Tatsache, dass die Türkeistämmigen nicht mehr wie in den Anfangsjahren fast zu 100 Prozent aus Fabrik-, Industrie- und Bauarbeitern bestehen. Einen Anteil daran trägt die Tatsache, dass in den 2000`er Jahren durch Rationalisierung, Umstrukturierung oder andere Arbeitsteilung manche Tätigkeiten aus der Kategorie “Arbeiter” getrennt wurden. Der andere Grund aber ist, dass viele Türkeistämmige auch ihren Status änderten, als sie Tätigkeiten als “Angestellte” im Dienstleistungsektor annahmen.

Zudem kommt hinzu, dass die Zahl der türkeistämmigen Facharbeiter/Meister von 25 Prozent im Jahre 2006 auf 11 Prozent im Jahre 2016 abnahm. Hierbei spielt das Geschlecht eine wichtige Rolle, der Anteil der Männer mit Facharbeiterstatus beträgt 18 Prozent, bei Frauen lediglich 1 Prozent.

Auf der anderen Seite ist im Status “Einfache Angestellte” ein enormer Wachstum zu verzeichnen: Im Jahre 2001 betrug diese Zahl 3 Prozent, im Jahre 2006 10 Prozent und 10 Jahre später schon 29 Prozent6. Nach den “Arbeitern” ist das der am häufigsten vorkommende Status unter Türkeistämmigen. Der Anteil der Mittleren (15 Prozent) und höheren Angestellten (4 Prozent) wird in den kommenden Jahre sicherlich auch steigen.

Wenn man nach Sektoren auftrennt, stellt man fest, dass Türkeistämmige vor allem in der Industrie und danach folgend im Dienstleistungssektor beschäftigt sind. Somit ist der Status des “Arbeiters” unangefochten an erster Stelle. Das zeigt, wie wichtig es ist, unter den Türkeistämmigen eine kontinuierliche und klassenkämpferische Arbeit zu machen, wenn man die Verhältnisse ändern möchte. Den Türkeistämmigen folgen Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien in ihrem Status als “Arbeiter”.

Bei Menschen ohne Migrationshintergrund hingegen führen Mittlere (28 Prozent) und Hohe Angestellte (17 Prozent) die Listen an. Während unter Migranten der Anteil der Beamten bei 1-2 Prozent beträgt, ist der Anteil unter Menschen ohne Migrationshintergrund bei ca 8 Prozent7.

Fazit: Um nicht mehr ganz unten zu sein…

Die Zahlen zeigen deutlich, dass die Türkeistämmigen sich mit ihrem sozio-ökonomischen Status weiterhin ganz unten befinden. Von Arbeitslosigkeit und Armut sind Türkeistämmige Migranten im Vergleich zu Deutschen und auch zu anderen Migrantengruppen viel stärker betroffen. Wenn man Prognosen in die Zukunft anstellen möchte, kann man ruhigen Gewissens die Aussage treffen, dass sich das in absehbarer Zukunft nicht ändern wird. Auch wenn sich im Vergleich zu vor fast 60 Jahren einiges geändert hat und zukünftige Generationen sich Berufe in neuen Sektoren erschließen oder Karriere machen, auch wenn es ca 100.000 Selbstständige gibt, kann man sagen, dass der Hauptanteil der Türkeistämmigen ihren Klassencharakter als Arbeiter nicht verloren hat und sich der soziale Status nicht wesentlich verändert hat. Das soll aber nicht bedeuten, dass sich die Einstellung und das Befinden der Türkeistämmigen im Vergleich zur ersten Generation nicht geändert hat. Im Gegenteil: Die Türkeistämmigen befinden sich auf einer viel entwickelteren Ebene in Bezug auf Bildung, Qualifizierung, Sprache und Kenntnis der Welt.

Nichtsdestotrotz muss man, wenn man über die soziale Situation der Türkeistämmigen und ihre Probleme und deren Lösungen spricht, die Probleme der Arbeiter und Werktätigen thematisieren. Wenn man auf die Fragen und Probleme der Arbeiterklasse, insbesondere der türkeistämmigen Arbeiter, eine Lösung findet, wird man der Lösung der Probleme der Türkeistämmigen mit anderem Status auch einen Schritt näher kommen.

Man kann sagen, dass die sozio-ökonomischen Probleme der Anfangszeit der Migration von Türkeistämmigen weiterhin bestand hat. Solange die Produktionsverhältnisse weiterhin Bestand haben, werden die Probleme auch aktuell bleiben.

Um die Probleme zu überwinden, müssen in allen Bereichen gleiche Rechte und eine Beteiligung am Wohlstand gewährleistet werden. Längerfristig wird die Lösung nur sein, ein Deutschland zu erschaffen, in der die Arbeiter aller Nationalitäten menschenwürdig und ohne Ausbeutung leben können. Solange das nicht gewährleistet wird, wird das Kapital aus der Spaltung von einheimischen Arbeitern und Arbeitern mit Migrationshintergrund Profit schlagen und gewinnen.

3 Ebenda Seite 276

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