Sport, Militarismus und Integration

Sinem Yesil

Die Spieler der türkischen Nationalmannschaft hielten unmittelbar nach ihrem Siegtor gegen Albanien in der EM-Qualifikation den Militärgruß. Daraufhin äußerte der türkische Fußballverband, dass die Fußballer das Tor symbolisch anhand des Militärgrußes den Soldaten gewidmet hätten, die in der „Operation-Friedensquelle“ im Norden Syriens kämpfen.

Die türkische Armee und ihre islamistischen Hilfstruppen griffen bereits seit dem 9. Oktober die kurdische Selbstverwaltung Rojava an. Der NATO-Bündnispartner marschierte völkerrechtswidrig in das autonome Gebiet ein und versuchte, eine Art „ethnische Säuberung“ durchzuführen, indem er ein Massaker auf mehrere Volksgruppierungen ausübte. In Rojava befinden sich über 10.000 IS-Kämpfer mit ihren 70.000 Familienangehörigen in Haft. Die Inhaftierung erfolgte alleinig durch die kurdische Miliz YPJ und YPG und stellte somit einen großen Erfolg für die Friedensschaffung in der gesamten Region dar. Durch die Angriffe seitens der Türkei droht nun das Friedensprojekt Rojava zusammenzubrechen und damit würden sämtliche IS-Kämpfer wieder auf freiem Fuß sein.

Deutsche Waffen im Einsatz

Nach dem Einmarsch des IS im Jahr 2014 in der Region und ihrer vernichtenden Niederlage gegen die Kurden in Nordsyrien schafft die Türkei nun erneut islamistische Strukturen in die Region. Die Opfer in diesem Angriffskrieg sind vor allem in Rojava lebenden Zivilisten.

Deutschland als wesentlicher globaler Rüstungsexporteur kündigte diesbezüglich aufgrund der akuten gesellschaftlichen Kritik über deutsche Panzer und Waffen, die im autonom regierten Gebiet gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werden, einen partiellen Rüstungsexportstopp an die Türkei an. Inwiefern dies in Zukunft umgesetzt wird, ist zweifelhaft, da Deutschland allein in diesem Jahr Kriegswaffen im Wert von 250 Millionen Euro an die Türkei verkaufte. Somit stellen Kriege einen profitablen Wert für Rüstungskonzerne und Regierungen wie die BRD dar. Ein Rüstungsexportstopp würde weniger Profit für Deutschland bedeuten, deshalb ist die angekündigte Unterbindung des Exportes kaum zu erwarten.

Die Rolle Deutschlands im Angriffskrieg gegen Syrien ist an dieser Stelle zu verdeutlichen. Denn die Irreführung durch die Bekanntgebung eines vermeintlichen Rüstungsexportstopps offenbart sich spätestens aufgrund der Tatsache, dass Deutschland sämtliche Bilder über den syrischen Luftraum übernommen hat. Die Türkei verfügt als NATO Partner somit über sensible Informationen. Die Bundesregierung hilft also auf direktem Wege zu einer Unterstützung des Angriffskrieges bei. Die Bilder über den syrischen Luftraum ermöglichen der türkischen Regierung eine präzise Vorgehensweise der Angriffe auf essenzielle Lebensgrundlagen. Die ersten Bombardierungen geschahen spezifisch auf Wasserversorgungszentren, Lebensmittelgeschäfte, Krankenhäuser und auf die Stromversorgung. Der Bevölkerung werden sämtliche existentielle Rechte auf Lebensgrundlage verwehrt, um eine schnellere Vernichtung herbeizuführen.

Neue Fluchtursachen

Momentan befinden sich 200.000 Menschen auf der Flucht. In der Vergangenheit hat die Bundesregierung ihre Haltung Geflüchteten gegenüber klar formuliert. Ob mit dem „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ unter Horst Seehofer, das Zuspruch von der SPD erhielt und die Abschiebung und Inhaftierung von abgelehnten Asylbewerbern verschärfen soll, oder mit der AfD die als offen rechte Partei bereits zu den etablierten Parteien Deutschlands gehört. Der Rassismus gegen Geflüchtete verstärkt sich zunehmend und hat sich nicht zuletzt in Chemnitz in seiner härtesten Form erkennbar gemacht.

Die Bundesregierung wehrt sich gegen die Einwanderung weiterer Geflüchteter und gibt vor, die Kapazitäten seien bereits ausgeschöpft. Dass die BRD nicht alle geflüchteten Menschen aufnehmen kann, ist nachvollziehbar. Das Handeln der Bundesregierung bezüglich des Kriegs gegen Rojava ist jedoch nicht nachzuvollziehen. Fluchtursachen können nur beseitigt werden, wenn in den ehemaligen Kriegsregionen menschenwürdige Verhältnisse herrschen. Zurzeit sorgt die Bundesregierung gemeinsam mit allen anderen globalen Großmächten für das Gegenteil, nämlich für eine instabile und unsichere Lage im Krisengebiet.

Kontroverse Diskussionen des “Militärgrusses”

Kommen wir wieder auf den Vorfall um die türkische Nationalmannschaft zu sprechen. In Anbetracht der Lage in Syrien durch den Angriffskrieg ist ein derartiges politisches Statement des türkischen “A-Teams”nicht hinzunehmen. Kritik gegen diesen Vorfall sind aus diesem Grund gerechtfertigt. Auf medialer Ebene hat das Handeln der Fußballer auch in Deutschland zu einer großen Aufruhr geführt. Zudem wurden die deutschen Fußballspieler Ilkay Gündogan und Emre Can für das Liken eines Instagram Beitrags, auf dem die türkische Nationalmannschaft den Militärgruß gezeigt hat, stark kritisiert. Gündogan hatte in der Vergangenheit bereits mit dem Erdogan-Foto für Schlagzeilen gesorgt. Nach erneuter Kritik um den aktuellen Vorfall zog er deshalb sein Like schnell wieder zurück. Nun stellt sich jedoch die Frage, ob die mediale Präsenz um die türkeistämmigen Fußballspieler wirksam ist. Zunächst einmal ist es zwiespältig, einen Like als öffentlichkeitswirksame Meinungsäußerung zu definieren. Aus integrationspolitischer Perspektive betrachtet wird jedoch deutlich, dass solche Diskussionen schnell in die falsche Richtung führen können. Anstatt für Aufklärung innerhalb der Türkeistämmigen in Deutschland zu sorgen, führt sowas oftmals zur Diskriminierung und Stigmatisierung jener Menschen. Bevor unzählige Schlagzeilen über ein Like eines Fußballspielers mit Migrationshintergrund erscheint, in denen ihm Nationalismus vorgeworfen wird, wäre es doch notwendig, das politische Versagen der Bundesregierung im Bereich der Intergrationspolitik zu betonen. Gündogan und Emre Can sind Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Wenn also Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt in diesem Land haben, nicht hinter der demokratischen Wertvorstellung stehen, bedeutet das zunächsts einmal ein Armutszeugnis für die deutsche Integrationspolitik. In Zukunft wäre es sinnvoller, integrationspolitisch vorzuarbeiten, um solche Vorfälle zu vermeiden, anstatt eine noch stärkere Ausgrenzung der Türkeistämmigen herbeizuführen. Ein wirkliches politisches Statement gegen den Krieg in Rojava würde die Bundesregierung erst setzten, wenn sie jegliche Unterstützung an die Türkei ausnahmslos unterbinden würde, statt Fußballer auf den Pranger zu stellen!