Mein krankes Kind schafft keinen Profit – Kapitalismus im Gesundheitssystem

Ines Tsartsaris

Immer mehr Kliniken in Deutschland schließen ihre Kinderstationen. Stellen werden gestrichen, obwohl akuter Pflegekräftemangel herrscht. Der Grund: chronisch kranke Kinder stellen eine enorme finanzielle Belastung dar, denn es wird mehr Zeit, mehr Arbeitsaufwand und mehr Personal benötigt, um sie zu versorgen. Genau das sieht das deutsche Gesundheitssystem aber nicht vor: Auf hochdeutsch und zugespitzt formuliert: Sie sind ein Verlustgeschäft!

Schuld ist das 2002 eingeführte DRG (Diagnosis Related Groups) System, oder auch „Fallpauschalensystem“ genannt. Für die Behandlung bestimmter Krankheitsfälle, gibt es einen dafür bestimmten Geldbetrag. Das Budget eines Krankenhauses ist also abhängig von der Anzahl der Patient*innen die versorgt werden. Klingt doch fair, oder? Gleiches Geld für gleiche Arbeit für jeden. Tatsächlich ist es das aber nicht. Die einzelnen Kliniken und Krankenhäuser stehen in Konkurrenz zueinander und aus Gesundheitsversorgung der Menschen wurde ein neuer Markt gemacht, aus dem man Profit erzielen kann. Während sich einige Wenige das Geld in die Tasche stecken, leiden auf der anderen Seite die Angestellten der Krankenhäuser und allen voran die Patient*innen. Denn die andere Seite der Medaille zeigt nicht den Wohlstand, sondern Personalmangel, fehlende Zeit für Ausbildung und immer weiter sinkende Qualität der Versorgung. Interessant ist: bevor das DRG System in Deutschland eingeführt wurde, gab es bereits Studien aus den USA und Australien, die belegten, dass die Fallpauschalen negative Auswirkungen auf das Gesundheitswesen haben. Doch diese wurden wohl wissend ignoriert, da Lobbyisten von „Gesundheitsinvestoren“ anscheinend die Hände tiefer in den Taschen hatten und somit für unsere Politiker die besseren Argumente!

Abbau von Krankenbetten auf Kosten der Kinder

Das Bundesamt für Statistik veröffentlichte Zahlen, die zeigten, dass die Anzahl der zu versorgenden Kinder steigt, die verfügbaren Betten aber immer weiter sinken (Stand 2017). Vor allem chronisch kranke Kinder leiden darunter, denn sie sind auf eine lebenslange medizinische Versorgung angewiesen. Sie spüren die Degeneration des Gesundheitssystems am eigenen Leib. Auch die Infrastruktur spielt eine große Rolle: In Metropolregionen ist die Dichte der Kliniken und Krankenhäuser noch ausreichend, wenn dort eine Station schließt, kann eventuell noch auf eine andere ausgewichen werden. Doch eine Leben in der Stadt muss man sich erst einmal leisten können: Eltern die mit ihren Kindern auf dem Land leben, müssen teilweise 50 km weit fahren, um versorgt zu werden. In Notsituationen verheerend, denn jede Minute zählt und kann über Leben und Tod entscheiden.

Lässt sich das System flicken?

Nach einem Aufschrei der Ärztekammern und einiger Politiker*innen, sowohl der Opposition als auch der regierenden Parteien, berichtet die Bundesregierung nun, dass sie die Fallpauschalen für Kinder anpassen wollen. Einige Fachbereiche der Pädiatrie werden nämlich ähnlich abgerechnet, wie die Fallpauschalen der Erwachsenenerkrankungen, obwohl diese trotzdem noch mehr Arbeit, Zeit und Personal in Anspruch nehmen. Der GKV-Spitzenverband (die Interessenvertretung der Krankenkassen in Deutschland) habe Gesundheitsminister Jens Spahn wohl einige Vorschläge zukommen lassen und verspricht eine Veränderung der Situation.

Doch an dem aktuellen System zu „basteln“, wird die Gesamtsituation nicht verbessern. Das Wohl des Menschen darf nicht ökonomisiert werden, das Gesundheitswesen sollte kein Markt sein, denn so wird der Profit immer eine Priorität bleiben. Schluss mit der Privatisierung von Kliniken und Krankenhäusern, sie gehören in staatliche Hand! Für eine gute Versorgung der Bevölkerung benötigt man ausreichend Personal – sowohl Ärzt*innen Pflegende als auch Reinigungskräfte und alle anderen Berufsgruppen, die ein Krankenhaus am Leben halten – das gut vergütet wird und zudem qualitativ hochwertiges Arbeitsmaterial. Klar und deutlich wird also, dass Geld investiert werden muss, anstatt es auszuschöpfen.

Stoppt den Pflegenotstand

Deutschland, eines der reichsten Länder des Planeten, hat natürlich genügend finanzielle Mittel zur Verfügung, um eine medizinische Versorgung für jeden zu gewährleisten. Jedoch ist das Angebot heutzutage eine Frage des Geldes und eine Frage der Umverteilung. Dies wird aber nur realisiert werden können, wenn entsprechende politische Handlungen stattfinden – dafür benötigt es aber die aktive Beteiligung am Kampf: nicht nur von Betroffenen, sondern von Allen. Gewerkschaften und einzelne Bündnissen riefen Kampagnen wie „Tarif Entlastung“ oder „Stoppt den Pflegenotstand“ ins Leben. Diese gilt es zu unterstützen und sich bei deren Streiks und Demonstrationen solidarisch zu zeigen, gemeinsam mit ihnen auf die Straße zu gehen. Nur durch Auflehnung gegen das gegenwärtige System, entgegen dem Kapitalismus, kann die Zukunft der Krankenhäuser besser werden.