Aufhören in „Wir“ und „Die“ zu denken

Seit 2005 gilt Deutschland offiziell als Einwanderungsland. Aber es gibt keinen Ort, der die Migrations- und Einwanderungsgeschichte bündelt und einem Publikum präsentiert. DOMiD (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland) ist ein Verein in Köln, der seit 1990 Materialien zur Migrationsgeschichte sammelt, bewahrt, erforscht und ausstellt. Wir haben mit dem Geschäftsführer Dr. Robert Fuchs über ihre Ziele und Pläne gesprochen.

Yücel Özdemir

Seit Jahren ist ein Migrantentionsmuseum geplant. Welche Bedeutung hat das Museum in Deutschland für die Einwanderungsgesellschaft?

Es war im letzten Jahr Aleida Assman, Literaturwissenschaftlerin, PreistTrägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und die „Päpstin der Erinnerungskultur“, die sich seit Jahrzehnten um die Erinnerung in der Einwanderungskultur bemüht, die gesagt hat, wir brauchen in Deutschland auch einen Ort, an dem die Migrationsgesellschaft als das Ganzes greifbar wird. Und so einDas von uns geplante „Haus der Einwanderungsgesellschaft“ ist auch so ein repräsentativer Ort, wo gezeigt wird: ‚Ja, wir leben in einer solchen Einwanderungsgesellschaft‘ und das muss sich auch im Narrativ, in der Geschichte dieser Gesellschaft, wiederspiegeln. Da Hierfür wird dieser Ort eine sehr wichtige Funktion einnehmen.

Besonders die Botschaft dieses Museums für MigrantInnen…

Genau. Ganz zentral ist es zu zeigen, wie Migration diese Gesellschaft mitaufgebaut und mitgeprägt hat, wie diese Gesellschaft zu dem geworden ist, was sie heute ist. Da ist es ganz wichtig, eben auch die Geschichten der MigrantInnen zu erzählen. In dem Sinne hat dieses Haus auch eine repräsentative Funktion, dahingehend, dass wir den Menschen, die bis dato in Museen und in Geschichtsbüchern unterrepräsentiert sind, eine Stimme geben und die Möglichkeit eröffnen, Teilhabe an der Geschichte dieser Gesellschaft zu haben.

Die Mehrheitsgesellschaft zeigt, dass die MigrationsMigrantengeschichte zur deutschen Geschichte gehört.

Es Sie gehört dazu, es sie ist Teil dieser Geschichte. Wenn wir uns diese Gesellschaft heute angucken, dann kann man das gar nicht voneinander trennen. Wenn hier Menschen in der 3. oder 4. Generation leben, dann ist diese Gesellschaft, wie sie sich heute gestaltet, ja eine ganz andere, als sie in den 1950er oder 1960er Jahren gewesen ist. Von daher ist es unser Ziel, diese Dichotomie zwischen ‚wir Deutschen‘ und ‚die Ausländer‘ aufzulösen und zu zeigen, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, in der diese Kategorien eigentlich gar nicht mehr so zutreffend sind.

Welche Sammlungen haben Sie und sind diese genug für ein großes Museum?

Ja. Wir haben mittlerweile über 150.000 Objekte, Dokumente, Fotografien, zur Einwanderungsgeschichte. Am Anfang lag der Fokus stark auf der Arbeitsmigration aus der Türkei. Mittlerweile decken wir fast alle Herkunfstregionen der Welt ab, aus denen Menschen nach Deutschland gekommen sind. Zeitlich haben wir entsprechendes Material von 1945 bis in die Gegenwart. Wir decken Migration im und decken das gesamten Bundesgebiet ab, also sowohl Westdeutschland als auch Ostdeutschland, Stichwort „Vertragsarbeit“. Wir sind da also sehr breit aufgestellt. Was diese Sammlung ausmacht, ist, dass sie von ‚unten‘ entstanden ist, also dass es die Menschen, die MigrantInnen waren, die angefangen haben, zu sammeln und keine staatliche Institution, die irgendein beispielsweise Verwaltungsmaterial gesammelt hat.

Also haben die MigrantInnen ihre eigene Geschichte miterzählt?

Genau, es sind Geschichten aus dem Leben dieser Menschen, also Alltagsgeschichten. Deshalb können wir anhand dieser Alltagsgeschichten eigentlich sehr komplexe Phänomene sehr anschaulich erzählen und vermitteln.

Welche Bedeutung hat das Museum für die große Gruppe der Türkeistämmigen?

Das Zeichen dieses Museums für diese Gruppe soll sein ‚Ihr seid Teil dieser Gesellschaft. Ihr habt sie mitaufgebaut‘. Das wird auch hier an einem repräsentativen Ort gezeigt, gewürdigt und mit in das Geschichtsnarrativ dieser Gesellschaft eingeschrieben. Das ist natürlich ein ganz starkes Zeichen. Ich glaube, dass nur jemand, der Teilhabe an der Geschichte einer Gesellschaft hat, eben auch eine Verbundenheit zu dieser Gesellschaft aufbauen kann.

Was den Integrationsprozess stärken kann…

Ganz genau. Wenn über „Integration“ reden, wird ja häufig über Ökonomie, also über Jobs gesprochen und es wird über Sicherheit gesprochen. Was hinten runterfällt, sind ganz häufig diese erinnerungskulturellen Phänomene und ich glaube, diese sind ganz zentral. Wenn wir aufhören, in ‚Die‘ und ‚Wir‘ zu denken, dann sind wir ein ganz schönes Stück weiter, was die Entwicklung dieser Gesellschaft angeht. Das machen uns andere Einwanderungsländer ein Stück weit auch vor.

Wenn Sie sich die Erinnerungen und Erzählungen angucken, welche sind für die Zugehörigkeit für die Türkeistämmigen wichtig?

Ich würde mich mit Pauschalisierungen zurückhalten wollen. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen und seine eigene Geschichte. Für die 1. Generation waren häufig die Erfahrungen der Trennung, der Industriearbeit und des „Fremdseins“ prägend. Es dauerte bis aus einer fremden Heimat eine geteilte Heimat werden konnte. Leider machen auch Menschen der 2. und 3. Generation heute immer noch Diskriminierungserfahrungen. Dies steht einem Zugehörigkeitsgefühl im Weg. Ich glaube, was heute zentral ist, ist darauf hinzuwirken und zu zeigen, dass die Menschen der 2. und 3. Generation angekommen sein sollen und hier zugehörig sein sollen. Wir haben immer noch die Phänomene, dass Diskriminierungserfahrungen gemacht werden, aufgrund von Aussehen, von Nachnamen etc. Das ist etwas, was sich in den Köpfen der NichtmigrantInnen ändern muss. Da kann so ein Geschichtsnarrativ helfen, um zu zeigen, dass es völlig normal ist, dass jemand einen Nachnamen hat, der „ nicht- Deutsch“ klingt oder ein Aussehen hat, was nicht dem Klischee des Deutschen entspricht. Von daher ist es, glaube ich, sehr wichtig, dass wir die Geschichte dieser Gesellschaft erzählen, in der Migration schon immer stattgefunden hat und stattfindet und in der Migration als etwas Normales dargestellt wird. Wir wollen zeigen, dass es völlig normal ist, dass Menschen aus diversen Herkunftsregionen hier leben, die anders klingende Namen haben und wir damit ein Stück weit die Diskriminierung wegnehmen können.

Kann man sagen, dass Köln der ideale Ort für dieses Museum ist?

Ja. Wir haben ja eine Machbarkeitsstudie im Vorfeld in Auftrag gegeben, die sich auch die Standortfaktoren angeschaut hat. Zu diesen Standortfaktoren gehören Fragen wie: Gibt es eine historische Anbindungsmöglichkeit? Wie sieht denn das kulturelle Umfeld aus? Wie sind die Communities institutionell aufgestellt institutionell? Da muss man einfach sagen, Köln ist die einzige Millionenstadt in Deutschland die eine 2000jährige Geschichte hat. Und diese Geschichte ist praktisch seit der Gründung von Migration durchzogen. Hier gibt es wahnsinnig viele Anknüpfungspunkte. Ich will jetzt gar nicht in auf die Frühphase eingehen, aber alleine, wenn wir nach Köln-Deutz gehen, wo der 1-Millionste „Gastarbeiter“ angekommen ist, hat man da schon Anknüpfungspunkte. Von daher schon ist es ein guter Standort, eben auch weil hier so viele unterschiedliche Menschen aus diversen Herkunftsregionen gemeinsam leben. Es ist zwar ein Klischee, aber der „Kölner“ fühlt sich als eine sehr offene Person. Es geht ja bis in den Karneval hinein, dass der Mythos in Köln ‚wir sind weltoffen‘ mitzelebriert wird. Das ist sicherlich etwas, wo das Haus auch reinpasst.

Und sammeln Sie noch oder benötigen Sie noch Material von türkeistämmigen MigrantInnen über die Migrationsgeschichte?

Selbstverständlich. Wir freuen uns auf Menschen, die auf uns zukommen. Man findet immer Lücken in der Sammlung. Das wird sich auch jetzt im Prozess ergeben. Wenn wir also hingehen und konzeptionell das Haus erstellen, wird sich sicherlich zeigen, dass da noch was fehlt und wir mehr brauchen. Ich glaube, was da ganz wichtig ist, ist zu zeigen, dass jede Geschichte zählt. Jede individuelle Geschichte kann etwas wirklich Wichtiges transportieren. Von daher sind wir auch immer auf der Suche.