75 Jahre Befreiung und heute

Sinem Yesil

Das 75. Jahr des Gedenkens an die Opfer des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau nähert sich. Das KZ diente auf europäischer Ebene als Lager für etwa 90 % der Juden. Zu den Herkunftsländern gehörten Deutschland, Niederlande, Österreich, Jugoslawien u.v.m.. Insgesamt wurden in dem KZ zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen ermordet. Darunter auch 20.000 Sinti und Roma. Allein in der Nacht vom 2. zum 3. August 1944 wurden 3.000 der Insassen ermordet. Am 27. Januar 1945 verlief dann die Befreiung der Gefangenen über die Rote Arbeiter- und Bauernarmee der Sowjetunion. Der Tag der Befreiung Auschwitz-Birkenaus trägt international eine große geschichtliche und politische Bedeutung und dient als das Symbol des Holocausts.

In der Nachkriegszeit war ständig von der Erinnerungskultur die Rede, um ein Vergessen der Geschichte zu verhindern. Eine Tatsache ist jedoch, dass viele Mittäter und SS-Leute ungeschoren davon kamen und auch heute noch auf freiem Fuß herumlaufen dürfen. Straßen, die aktuell noch nach Menschen mit NS-Verstrickungen benannt sind, Nazi-Professoren, die an Universitäten unterrichten dürfen und Nazis, die in Geflüchtetenunterkünften arbeiten, stehen im klaren Widerspruch zur vorgeheuchelten Erinnerungskultur. Es ist die Pflicht der Bundesregierung an die Kriegsgeschichte zu erinnern. Dabei wird ein bloßes Mundbekenntnis zur Erinnerungskultur nicht ausreichen, dem müssten klare Taten folgen.

Auch 75 Jahre nach der Befreiung gibt es immer noch Gemeinsamkeiten zwischen der Zeit des Faschismus und der heutigen Zeit. Damals wie heute werden Geflüchtete ihrem eigenen Schicksal überlassen. Zur NS-Zeit wurden jüdische Geflüchtete an amerikanischen Häfen abgelehnt und nach ihrer Rückführung in Konzentrationslagern ermordet. Heute ereignet sich Ähnliches auf dem Mittelmeer. Europäische Staaten weigern sich, Menschen, die über das Mittelmeer flüchten aufzunehmen und ehrenamtliche Seenotretter werden für ihre Hilfeleistung kriminalisiert.

Zudem sind rechte Parolen, Hitlergrüße und pogromähnliche Hetzjagden, wie die in Chemnitz, wieder alltäglich und bleiben nach wie vor in den meisten Fällen nur mild- oder komplett ungestraft. Die AfD ist der parlamentarische Arm der Rechten. Mit ihr befindet sich nun eine offen rechte Partei im Bundestag und in den Landtagen. Diesem allgemeinen Rechtsruck innerhalb der Gesellschaft kann nur die breite Masse der Bevölkerung geschlossen entgegenwirken.

Geschichtliche Differenzen zwischen Russland und Polen

Der polnische Staatspräsident Andrzej Duda machte kürzlich durch die Bekanntgabe einer „wahrscheinlichen“ Ablehnung der Einladung Israels zur Holocaust-Gedenkfeier in Jerusalem auf sich aufmerksam. Der Kanzleichef des polnischen Präsidenten, Krzysztof Szczerski, gab kund, dass es „so gut wie entschieden“ sei. Das lässt darauf hindeuten, dass Polen kurzfristige Übereinkünfte für einen Lösungsvorschlag erwartet.

Grund für Dudas Entscheidung war die Einladung Putins, als Hauptgast an der Gedenkfeier teilzunehmen. Polen hingegen wurde eine eigene Rede unmittelbar vor oder nach dem Beitrag Putins nicht genehmigt. Die geladenen polnisch-russischen Beziehungen spielten bei dem Vorgehen Warschaus eine bedeutende Rolle. Denn zuvor gab es grundlegende zwischenstaatliche Differenzen bezüglich der Rolle der Sowjetunion bei der Befreiung von Auschwitz-Birkenau und Polen. 2015 behauptete der ehemalige Innenminister Grzegorz Schetyna erstmals, die Befreiung sei durch die Ukrainer geschehen. Dass 600.000 Rotarmisten während der Kriegszeit in Polen gefallen sind, blieb verschwiegen. Grundlage für diese Aussage war die Zuordnung der sowjetischen Truppen der 1. Ukrainischen Front an den Marschall Iwan Konew. Ferner fasste das EU Parlament im September 2019 den Beschluss, gegen die „Totalitarismen“ des 20. Jahrhunderts vorzugehen. Interessant war, dass das NS-Deutschland und die Sowjetunion diesbezüglich in einem Atemzug erwähnt wurden. Aus diesen Gründen glaubt Russland jetzt sich offen behaupten zu müssen. So warf Moskau Warschau Geschichtsrevisionismus vor. Außerdem kennzeichneten die Vorwürfe die polnische Regierung als mitschuldig am Holocaust. Daraufhin zeigte Warschau prompt Reaktion, indem die regierende Partei PiS die Verbreitung der russischen Geschichtsperspektive zum zweiten Weltkrieg gesetzlich verbieten lassen möchte.

Die Rolle des heutigen Israels in der Nachkriegsgeschichte

Nach dem zweiten Weltkrieg benutzte der jüdische Staat den Holocaust für seine Politik. Er suggerierte die erneute Auferstehung des jüdischen Volkes. Die darauf folgenden Geschehnisse zeugten jedoch nicht vom Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Im Gegenteil die Opfer der Shoah hatten mit erheblichen Schwierigkeiten zu tun. Anstatt ihnen psychische Unterstützung zur Überwindung ihrer Traumata zu gewährleisten, wurden sie als die Schwachen der „diasporischen Juden“ dargestellt. Ihnen wurde Kollaboration mit dem NS-Regime und den Nazis vorgeworfen. Das soll der Grund dafür sein, dass sie überlebt haben. Im Grunde genommen ist die heutige Lage der Staatsideologie Israels eine Ähnliche.