Bildungschancen hängen vom Geldbeutel der Eltern ab

Sinem Yesil

Schülern in Deutschland werden auf ihrem Bildungsweg viele Steine in den Weg gelegt. Ausschlaggebend während des Bildungswerdegangs ist primär die sozioökonomische Situation der Familien. Schlechte Arbeitsbedingungen, prekäre Beschäftigung und das Fehlen von gleichen Bildungschancen erschwert Kindern den sozialen Aufstieg. Nach frühester PISA Studie schneidet Deutschland in der Chancengleichheit vergleichsweise zu anderen Ländern mittelmäßig bis schlecht ab.

Häufig werden der Migrationshintergrund oder geringere Deutschkenntnisse von Schülern als entscheidende Faktoren für eine Bildungsungleichheit aufgefasst. Tatsächlich spielt dieser Faktor erst in der weiterführenden Schule eine größere Rolle. Die ursächliche Problematik liegt im dreigliedrigen Schulsystem. Kinder, die ein Gymnasium besuchen, sind auf die Unterstützung der Elternteile angewiesen. Daran werden bereits die geringeren Chancen nicht-akademischer Kinder auf ein Abitur erkannt. Zudem erfolgen beim Schulwechsel Empfehlungen der Lehrer „unbewusst“ nach dem Migrationshintergrund, da sie herkunftsspezifisch eine geringere Unterstützung der Eltern einschätzen.

Auch wenn von schlechten Ergebnissen Deutschlands in PISA-Studien die Rede ist, gilt die tendenziell steigende Anzahl von Schülern mit einem Migrationshintergrund als Ausrede für diesen Missstand. Laut einer PISA-Studie fallen jedem fünften Schüler in Deutschland die Grundlagen des Leseverstehens schwer. Dieses Defizit auf jene mit Migrationshintergrund abzuwälzen, würde das Bildungssystem an sich ins gute Licht rücken. Es wäre jedoch nicht richtig. Denn das Problem liegt viel tiefgreifender; nämlich in den Wurzeln des dreigliedrigen Schulsystems.

Seit geraumer Zeit wird in der Politik über das Konzept Inklusion debattiert. Es gab auch bereits einige Versuche an Schulen das Konzept umzusetzen, jedoch ohne Erfolg.  So lange das Bildungssystem nicht mehr Geld in die angemessene Umsetzung der Inklusion steckt, kann das Konzept nicht erfolgreich sein. Das führt dazu, dass Lehrer ohne sonderpädagogische Ausbildung die Überzeugung an das Konzept verlieren. Denn sie erhalten in den meisten Fällen nur zu kurz kommende Fortbildungen und sind deshalb überfordert, sobald ein neues Kind mit Lernschwierigkeiten oder einer Beeinträchtigung in die Klasse kommt.

Einer Studie des Weltwirtschaftsforums zum Thema Bildungschancen zufolge liegt Deutschland im Bereich der sozialen Mobilität hinterher. Unter 82 analysierten Staaten liegt Deutschland auf Platz 11 und unter den G7-Staaten auf dem ersten Platz. Am besten schnitten Dänemark, Norwegen, Finnland, Schweden und Island ab. Die Analysen wurden in die fünf Bereiche Gesundheit, Bildung, Technologie, Arbeit und Schutz vor Institutionen unterteilt. Demnach seien der lebenslange Zugang zu Bildung, bessere Arbeitsbedingungen und gerechte Löhne notwendig für eine Chancengleichheit.

Laut einer Studie des UN-Kinderhilfswerks profitieren im internationalen Vergleich Kinder aus wohlhabendem Elternhaus von staatlichen Bildungsausgaben. Eine New Yorker Studie weist darauf hin, dass Kinder aus 20% der reichsten Haushalte die doppelte Menge an staatlichen Geldern, wie die Kinder aus 20% der ärmsten Haushalte erhalten. Diese Zahlen unterscheiden sich von Land zu Land. So erhalten Kinder aus reichem Elternhaus in bestimmten Teilen Afrikas sogar die vierfache Menge an Geld für ihre Bildung. In Guinea und der Zentralafrikanischen Republik sei diese Kluft sehr groß. Eine gleichmäßige Verteilung staatlicher Gelder finde nur in Irland, Schweden, Dänemark und Norwegen statt.

Die Bildungsungleichheit in Deutschland stellt für viele Kinder und Jugendliche eine große Hürde auf ihrem Weg zu einer besseren Zukunft dar. Um allen Kindern einen sozioökonomischen Aufstieg zu ermöglichen, muss der Zugang zu Bildung universell und kostenfrei gestaltet werden. Für einen Lern- und Bildungserfolg müsste in den Ausbau von technologischen Möglichkeiten sowie in die Weiterbildung und Finanzierung von Lehrkräften investiert werden. Eine absolute Bildungsgleichheit wird im dreigliedrigen Schulsystems jedoch trotzdem nicht funktionieren können, da das einzige Ziel dieses Systems die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Systems ist. Jene, die einen Real- oder Hauptschulabschluss haben, sollten später im besten Falle auch als Werktätige in Betrieben arbeiten, um eine kontinuierlich funktionierende Produktion sicherzustellen. Denn ohne die Masse der Werktätigen ist dieses System zum Scheitern verurteilt. Aus diesem Grund bedarf es an einer Schule für alle, an der bedürfnisorientiert und nach den jeweiligen Stärken der Kinder gearbeitet wird. Ein inklusives Bildungssystem, das Beeinträchtigte und Minderheiten mit einbezieht und die Bekämpfung von prekärer Arbeit und Arbeitslosigkeit wären erste gesellschaftliche Schritte in die richtige Richtung.