Leben die Türkei-stämmigen Migranten in der Diaspora?

Seit einigen Jahren bezeichnen die AKP-Führer und Vertreter der türkischen Regierung die in europäischen Ländern lebenden Türkei-stämmigen Migranten als „Diaspora“. Der Begriff „Diaspora“, der eine 2.500 Jahre zurückreichende Geschichte hat, definiert dabei eigentlich Menschen, die gewaltsam zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen wurden und weit verstreut in verschiedenen Ländern leben müssen. Die Türkei-Stämmigen, die in vielerlei Hinsicht nicht unter dem Begriff „Diaspora“ zu erfassen sind, kann man nicht unter dem gemeinsamen Nenner „Diaspora“ sammeln, auch wenn es den politischen und wirtschaftlichen Interessen des türkischen Staates passen würde. Die materiellen und ideellen Beziehungen der Menschen unterscheiden sich sicherlich je nach Generation, der sie zugehören. Und ein wichtiger Teil von ihnen sieht z.B. in Deutschland seine neue „Heimat“. Auch die klassenmäßigen, politischen, ethnischen, glaubensbezogenen Differenzen zeigen, dass es vergebliche Mühe ist, eine Diaspora aus den Türkei-stämmigen Werktätigen zu kreieren.

YÜCEL ÖZDEMİR

Die Arbeiter, die im Zuge der Arbeitsmigration aus der Türkei nach Deutschland kamen, wurden bisher vom türkischen Staat und den Medien auf verschiedenste Weise beschrieben. Man bezeichnete sie vor allem “Gurbetçi”, also “jene, die in der Fremde leben”. Dieser Bezeichnung lag die Annahme zugrunde, dass die Menschen vorübergehend in die Fremde gegangen sind und eines Tages bestimmt zurückkehren werden. Diese Bezeichnung wurde im Laufe der Zeit überholt und verlor ihren Sinn. Trotzdem werden die in Europa lebenden Türkei-Stämmigen in türkischen Medien bzw. von Vertretern der etablierten Parteien immer noch als „Gurbetçi“ bezeichnet. Dahinter steckt der Wunsch, die Menschen in der „Fremde“ wirtschaftlich und politisch zu kontrollieren, auszubeuten und für eigene Interessen zu instrumentalisieren.

Nachdem die „Gurbetçi“ ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland verlagerten, sich hier niederließen und die massenhafte Rückkehr ausblieb, ging man dazu über, sie als „europäische Türken“ zu bezeichnen. Damit wurde anerkannt, dass sie sich dort niedergelassen haben. Sie sollten aber in den jeweiligen Ländern ihre Identität als „Türken und Muslime“ bewahren, starke wirtschaftliche, politische und kulturelle Kontakte zum türkischen Staat pflegen. Religiöse und nationale Werte wurden in den Vordergrund gestellt und die Menschen aufgefordert, ihr „Türkentum“ zu bewahren. Zu diesem Zweck wurden viele Vereine und Organisationen gegründet. Die Hauptstrategie des Staates, die sich jahrelang daran orientierte, manifestiert sich seit einigen Jahren um den Begriff der „Diaspora“.

Je mehr die AKP ihre Macht festigte, umso stärker bemühte sie sich darum, die traditionelle Politik durch eine „neue“ zu ersetzen. Im Zuge der diesbezüglichen Debatten installierte sie gegenüber den Türkei-stämmigen Arbeitern eine Politik, die sie als „Diaspora“ beschreibt. Um dies umzusetzen, war sie zunächst gezwungen, sich mit dem Begriff „Diaspora“ zu versöhnen. Schließlich hatte der Begriff einen pfaden Beigeschmack, hatte der Staat doch seit einem Jahrhundert die Aktivitäten der Armenier als „Werk der armenischen Diaspora“ verunglimpft. Um den Begriff wieder positiv zu beladen, wurden in der Politik, Wissenschaft und den Medien lange Diskussionen geführt. Schließlich beschloss man, sämtliche Aktivitäten im Ausland, die man im wirtschaftlichen und politischen Interesse des türkischen Staates durchführte, unter dem Oberbegriff „türkische Diaspora“ zu beschreiben.

Die AKP beschloss im Jahre 2010 die Gründung des Amts für Auslandstürken und verwandte Gemeinschaften (YTB). Das Amt sollte die auf der religiösen und nationalen Grundlage laufenden Lobbyismus-Aktionen unter „Türkische Diaspora“ zusammenführen und als Stützpunkt dieser neuen „Diaspora“-Politik fungieren. Mit seinem Etat von mehreren Hundertmillionen Lira, mit seinen Hunderten Mitarbeitern und Vertretern verfolgt das YTB das Hauptziel, die im Ausland lebenden Türkei-Stämmigen politisch an den Staat zu binden. Auch diejenigen, die die Staatsangehörigkeit des neuen Landes angenommen hatten, gehörten zu seiner Zielgruppe. Das YTB, das vor zehn Jahren unter dem Motto „wo ein Türke lebt, da ist auch die Türkei“ seine Arbeit aufgenommen hatte, hat inzwischen ein neues Motto: „Starke Diaspora, starke Türkei!“

WAS IST DIE DIASPORA, WAS IST SIE NICHT?

Der Begriff Diaspora, dessen Geschichte 2500 Jahre zurückreicht, hat seinen Ursprung im Griechischen. Die Wörter „dia“ (wegen) und „sporos/sperien“ (Samen) ergeben in ihrer zusammengesetzten Form „diaspiero/diasperien“ „verstreute Samen“. Er wurde u.a. verwendet, um zunächst die zum Verlassen ihrer Heimat gezwungenen Juden und später die griechischen Juden in Alexandria zu beschreiben. Dass die Verstreuung gewaltsam erzwungen wurde, verleiht dem Begriff eine besondere Bedeutung. Aus diesem Grund wurde der Begriff später von Sozialwissenschaftlern auch für Armenier verwendet – insbesondere nach 1915… Den Begriff kennzeichnen der Genozid und die große Tragödie, die die Verstreuten in den neuen Heimatländern erleben müssen, sowie die Tatsache, dass sie aufgrund dieser Erfahrung über Klassenunterschiede und über Unterschiede in ihrer Weltanschauung und in ihrem Glauben hinweg gegen die Regierung in ihrer früheren Heimat zusammenarbeiten, um ihre Rückkehr zu erreichen.

Der französische Historiker Stéphane Dufoix, dessen Forschungen zum Thema „Diaspora“ bekannt sind, schrieb folgendes zu dessen Definition: „Diaspora ist ein griechischer Begriff, der Nationen oder einen Teil von ihnen beschreibt, welche ihren Staat und ihre Heirat verließen und unter verschiedenen Nationen verstreut sind, allerdings ihre nationale Kultur bewahren. Ein typisches Beispiel für die Diaspora bilden die Armenier, die seit Jahrhunderten außerhalb ihrer kleinen Heimat leben.“ (Dufoix, 2011, S. 27)[1]

Allerdings wurde der Umfang des Begriffs mit der Zeit erweitert. Die Sozialwissenschaftler William Safran und Robin Cohen ergänzten in der 1990ern die vorstehende klassische Definition mit neuen Aspekten. Cohen unterschied 2008 in seinem Buch zwischen folgenden Diaspora-Gruppen: Die Opfer-Diaspora (Juden, Armenier), Arbeitsmigration (z.B. die migrantischen Arbeiter aus der Türkei und Indien, die in andere Länder gingen), imperiale Diaspora (die indische Minderheit in Südafrika), die Handelsdiaspora (chinesische und libanesische Händler, die ins Ausland gingen) und die Diaspora  von jenen, die keine gemeinsame Migrationsgeschichte und keinen gemeinsamen Staat haben (Menschen aus der Karibik).[2]

In der Forschung zum Thema werden heute hauptsächlich diese fünf Kategorien zugrunde gelegt. Auch der türkische Staat, der den Begriff jahrelang mit einer negativen Konnotation belegte, übernahm die Definitionen von Safran und Cohen (und hier insbesondere die Gruppe „Arbeiterdiaspora“), um sie zur Grundlage ihrer Politik zu machen.

So wird im YTB-Papier „Strategischer Plan 2019-2023“ die Definition von „Diaspora“ erweitert, was selbst die Grenzen der oben genannten Gruppierungen in der Sozialwissenschaft sprengt: „Als Diaspora werden die Mitglieder einer Nation oder Glaubensgruppe bezeichnet, die außerhalb ihres Heimatlandes in den jeweiligen Residenzländern auf der Grundlage eines starken Gemeinschaftsbewusstseins und Zugehörigkeitsgefühls bezüglich ihrer Herkunft ihre kulturelle, soziale, wirtschaftliche und politische Wechselwirkung fortsetzen und in der Lage zum gemeinsamen Handeln sind, um ihre Rechte und gemeinsamen Interessen zu verteidigen.

Die Staatsangehörigkeit steht beim Begriff der Diaspora als Bindung ganz vorne. Trotzdem wird heute auch die Ansicht vertreten, dass der Begriff der Diaspora nicht nur die Staatsbürger, sondern eine breitere Masse mit historischen und kulturellen Beziehungen umfasst. Die Türkei übernimmt bei der Definition des Begriffs „Diaspora“ beide Ansätze.“[3]

YTB legt also großen Wert darauf, dass der Begriff „Diaspora“ eine breitere Masse umfasst. Deshalb übernimmt es „beide Ansätze“ und gruppiert die Türkei-stämmigen Migranten wie folgt: „Den Hauptteil der türkischen Diaspora stellen im traditionellen Sinne die im Ausland lebenden Staatsbürger der Türkei und sie werden als ‚Auslandsbürger‘ bezeichnet. Auch die türkischen Staatsbürger, die zusätzlich die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes besitzen, gehören zu den Auslandsbürgern.“ (ytb.gov.org)

Nach dieser Auffassung sind also alle Menschen, deren Herkunft in der Türkei liegt, Teil der „Türkischen Diaspora“ – unabhängig davon, ob sie die türkische Staatsangehörigkeit besitzen oder nicht, ob sie in der Türkei geboren sind oder nicht. Sie ist aber auch voller Widersprüche. So stellt sich z.B. die Frage, welches das „Heimatland“ von Türkei-stämmigen Migranten ist, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Kann denn ein Land, zu dem sie keine rechtliche, politische und wirtschaftliche Beziehung aufgebaut haben, tatsächlich ihr „Heimatland“ sein? In diesem Fall bleiben nur die „historischen und kulturellen Beziehungen“ übrig, was wiederum veränderlich, relativ und fragwürdig ist.

Atilla Kurnaz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Diaspora-Studien (DIAM) an der Sakarya Universität, zählt zu denen, die diese Kreise als Teil der „Diaspora“ erachten: „Die Arbeiter der ersten Generation, die wie im Falle Türkei-Westeuropa im Zuge von Anwerbeabkommen aus ihrem Land emigrierten, versuchen ihre Identität und Kultur zu bewahren und haben die Vorstellung, ´eines Tages` in das Land ihrer Herkunft bzw. Wurzel zurückzukehren. Gehören denn auch die zweite, dritte und spätere Generationen zur Diaspora? Auf diese Frage kann man zwei verschiedene Antworten geben: Nach der klassischen Diaspora gehören diejenigen ohne eine eigene traumatische Migrationserfahrung nicht zur Gruppe der Diaspora. Allerdings werden – weil und solange sie ihr ethnisches Bewusstsein und ihr kulturelles Gedächtnis haben – nach der modernen Auffassung von Diaspora auch diejenigen, die nicht der ersten Generation angehören, als Teil der Diaspora angesehen, selbst wenn sie keine Rückkehrabsichten haben oder nicht gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben worden sind.“[4]

Es liegt auf der Hand, dass mit dem fortschreitenden Migrationsprozess durch die Entstehung neuer Generationen auch das „ethnische Bewusstsein“ und das „kulturelle Gedächtnis“ eine Veränderung erfahren werden. So wie es bei den Deutschen und Japanern in den USA oder den Polen in Deutschland der Fall war. Deshalb befürchten die Vertreter der Diaspora-Lehre die Assimilierung im „ethnischen Bewusstsein“ wie der Teufel das Weihwasser. Ihre beharrliche Forderung nach der Bildung in der Muttersprache und ihre Bemühungen zur Aufrechterhaltung der kulturellen Bindungen zum Heimatland sind auf diese Angst zurückzuführen. In der Feier anlässlich des 10-jährigen Bestehens des YTB wurden Zahlen mitgeteilt, die diese Anstrengungen belegen: „14.000 Kinder und Jugendliche nahmen an unseren Türkisch-Kursen teil. Es wurde 239 Projekte umgesetzt. Die Zahl der Teilnehmer, die 2018 bei 3.000 lag, stieg 2019 auf das 4-Fache.“[5]

Um die Jugendlichen für religiöse und nationale Ideen zu gewinnen, führten das YTB und andere staatliche Stellen unzählige staatlich finanzierte Aktivitäten wie Jugendlage, Freizeiten, Ferienfahrten, Praktika, so genannte Evliya-Çelebi-Jugendbrücken, Bildungsseminare, Sport- und Kulturfestivals in Deutschland, Stipendienprogramme und so genannte „Jugendführer-Programme“ durch.

Sowohl bei der klassischen, als auch bei der modernen Diaspora-Definition geht man davon aus, dass die Menschen, die in der Diaspora leben, in ihr „Heimatland“ zurückkehren werden, wenn die dafür notwendigen Voraussetzungen wieder vorliegen. Denn das „Heimatland“, für das man in Diaspora lebt, ist das Land, in dem man leben möchte. Wenn dieser Maßstab zugrunde gelegt wird, ist in der Zukunftsplanung eines wesentlichen Teils der im Ausland lebenden Türkei-Stämmigen eine „endgültige Rückkehr“ nicht vorgesehen. Bereits heute ist ersichtlich, dass ein halbes Jahrhundert später innerhalb der jüngsten Generationen die Bindungen und Beziehungen in die Türkei viel schwächer sein werden. Es kann auch ein Prozess eintreten, bei dem die nationale Identität zurückgedrängt, die religiöse Identität in den Vordergrund gestellt wird. Nach Cohen jedoch, auf den man sich beruft, kann die „Religion allein nicht ein Faktor sein, der die Diaspora entstehen lässt. Sie kann höchstens eine zusätzliche Kraft sein.“[6]

Ferner kann man die Feststellung, dass die Menschen „in dem jeweiligen Residenzland ein starkes Gemeinschaftsbewusstsein und Zugehörigkeitsgefühl bezüglich ihrer Herkunft“ hätten und auf dieser Grundlage „ihre kulturelle, soziale, wirtschaftliche und politische Wechselwirkung fortsetzen und in der Lage zum gemeinsamen Handeln sind, um ihre Rechte und gemeinsamen Interessen zu verteidigen“, nicht auf die Türkei-Stämmigen anwenden. Man kann nicht behaupten, dass bei allen Türkei-Stämmigen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl bestünde. Auch die Bemühungen, die verschiedenen Vereine und Gemeinden in den jeweiligen Ländern unter einem Dach zusammenzuführen, führten nicht zum Erfolg und können auch nicht zum Erfolg führen. Andererseits liegt auf der Hand, dass auf dem Wege der Verteidigung von „Rechten und Interessen“ der Türkei-Stämmigen in den Residenzländern keine Diaspora entstehen kann.

WARUM SIND DIE TÜRKEI-STÄMMIGEN KEINE DIASPORA?

Die soziologischen Entwicklungen zeigen, dass die klassische oder moderne Diaspora-Definition theoretisch und praktisch nicht auf die in Europa lebenden Türkei-stämmigen werktätigen Klassen angewendet werden kann. Die Erweiterung der Definition durch das YTB und folglich die AKP-Regierung ändert nichts an dieser Tatsache.

Dies kann man auf folgende Weise begründen:

  1. Die in Europa lebenden Türkei-Stämmigen haben kein gemeinsames Trauma erlebt. Die Unterdrückung, die die Kurden und Aleviten in der Türkei erfahren mussten, führte bei ihnen stärkeren Zusammenschluss in Europa und auch dazu, dass sie sich hier gegen das Regime bzw. den Staat im „Heimatland“ positionierten. In dieser Hinsicht kann man sagen, dass insbesondere die Kurden (nicht nur bei denen aus der Türkei) in der Diaspora leben und auch die Verhaltensweise von Diaspora-Gemeinschaften an den Tag legen. Trotz einiger Unterschiede gilt dies auch für Aleviten. Die Armenier und Juden hatten ein gutes Verhältnis zu den Staaten Armeniens und Israels und kooperierten mit ihnen. Aus der Sicht der Kurden existiert ein solcher Staat nicht. Deshalb ist es nicht richtig, sämtliche aus der Türkei stammenden Migranten in einen „Diaspora-Topf“ zu werfen.
  2. Nicht alle türkischen und sunnitischen Migranten aus der Türkei unterstützen die Politik der türkischen Regierung. Politische Meinungsverschiedenheiten lassen nicht zu, sie alle unter dem gemeinsamen Nenner der „Diaspora“ zusammenzuführen.
  3. Dass das Regime im „Heimatland“ das Leben für alle unabhängig von ihrer nationalen Herkunft und Religion zur Hölle macht, führt dazu, dass sie bei der Frage der Unterstützung klassenbezogene Bedenken anmelden. Dass die türkischen Regierungen keine Gelegenheit auslassen, die Türkei-Stämmigen wirtschaftlich und politisch auszubeuten, stellt ein großes Hindernis davor, diese Gruppe um „eine gemeinsame Zukunft“ zusammenzuführen.
  4. Auch die Klassenunterschiede unter den Türkei-stämmigen Migranten machen sich immer stärker bemerkbar. Während der Hauptteil weiter als Arbeiter beschäftigt ist, legen Angehörige der Mittel- und Oberschicht ihre eigene, den Klasseninteressen entsprechende Verhaltensweise an den Tag. Deshalb ist es nicht möglich, den aus der Türkei stammenden Arbeiter und Unternehmer unter einen „Diaspora-Hut“ zu bringen.

Aus diesen Gründen ist wird es auch künftig ein unerfüllter Traum bleiben, die in europäischen Ländern lebenden Türkei-stämmigen Migranten unter dem gemeinsamen Nenner der Diaspora zusammenzuführen und im Interesse des türkischen Staates einzusetzen. Trotzdem lässt die türkische Regierung nicht von diesem Ziel ab. Sie nimmt alle unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit in die Diaspora-Kategorie auf, um ihre politischen Ziele zu erreichen, das wirtschaftliche, soziale und politische Potenzial der Menschen für sich auszunutzen und sie bei ihren Deals mit den Residenzländern als Verhandlungsmasse einzusetzen.

 DIE POLITISCHE HEGEMONIE DES STAATES LIEGT NICHT IM INTERESSE DER MIGRANTEN

Eigens für diese Ziele richtet man in der Türkei neue Ämter und Ministerien ein und gründet in europäischen Ländern neue Organisationen, die mit größtem Eifer aktiv sind. Man könnte behaupten, dass der Plan, die Türkei-stämmigen Migranten unter dem Dach der Diaspora im Einflussbereich des türkischen Staates zu halten, für die Türkei in außenpolitischer Hinsicht höchste Priorität besitzt. Deshalb werden in Deutschland neue türkische Schulen gegründet, neue Studiengänge im Ausland installiert, die Imame ausbilden sollen, in einigen Ländern Parteien auf ethnischer Basis gegründet.

Es zeichnet sich ab, dass das YTB und die AKP noch eine Weile am Diaspora-Diskurs festhalten werden. Sie werden versuchen, die Türkei-Stämmigen in ihren europäischen Residenzländern zu einem Leben in Abkapselung zu drängen, auf der Grundlage nationaler und religiöser Werte unter dem Oberbegriff „Diaspora“ zusammenzuhalten und im Interesse des türkischen Staates zu mobilisieren. Dieser Versuch ist allerdings offensichtlich dazu verurteilt, lediglich die Unterstützer der AKP anzusprechen. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass diese Politik allen Werktätigen schaden wird – unabhängig davon, ob sie auf AKP-Linie sind oder nicht. Denn sie soll dazu dienen, alle Türkei-stämmigen Migranten unabhängig von ihrer politischen Einstellung aus der Gesellschaft ihres Residenzlandes herauszuholen und von ihr zu separieren. Sie erschwert die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen und trennt sie vom sozialen und politischen Leben im Residenzland.

Ein weiterer Faktor, der darüber entscheiden wird, in wieweit die Türkei-stämmigen Migranten unter der politischen Hegemonie bleiben werden, liegt in der Politik, die die Residenzländer gegenüber den Migranten aus der Türkei verfolgen. Solange die Diskriminierung auf ethnischer und Glaubensbasis, die Verwehrung gleicher Rechte und die Ausgrenzung anhalten, werden auch das Zugehörigkeitsgefühl und -bewusstsein abnehmen und damit die Voraussetzungen des Zusammenlebens erschwert werden. Das wiederum wird die Basis bereiten, auf der Parteien wie die AKP größeren Zuspruch erhalten. Denn der türkische Staat tritt mit seiner „Diaspora-Politik“ gegenüber diesen Kreisen als „Schutzmacht“ auf, verspricht ihnen Schutz und Sicherheit und propagiert, die Türkei sei das Land, in das sie in Not zurückkehren könnten.

Abschließend kann man festhalten: Die Diaspora-Politik ist eine Illusion, die für die Türkei-stämmigen Migranten neue Probleme bringen und ihr Leben erschweren wird. Sie nährt sich aus der diskriminierenden und ausgrenzenden Politik der europäischen Länder gegenüber den Migranten. Der einzige Ausweg für die migrantischen Werktätigen liegt darin, sich nicht in das Spannungsfeld der beiden Staaten und deren Kapital hineinzwängen zu lassen und sich im eigenen Interesse mit den Werktätigen in den Residenzländern zu vereinen, mit denen sie eine Schicksalsgemeinschaft bilden.

(Übersetzung: M. Çallı)

[1]             zitiert von Firat Yaldiz in: Diaspora Kavramı: Tarihçe, Gelişme ve Tartışmalar, Hacettepe Üniversitesi Türkiyat Araştırmaları Dergisi, 2013 Bahar (18)

[2]             bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/264009/was-ist-eine-diaspora

[3]             ytb.gov.tr

[4]             perspektif.eu/2019/04/12/son-zamanlarin-en-sik-tartisilan-kavramlarindan-biri-diaspora-nedir/

[5]             ytb.gov.tr

[6]             turkishnews.com/tr/content/2015/08/21/arastirma-dosyasi-diasporanin-tanimi-ve-icerigi/