‚People of color‘ und Rassismus

Dilara Bingöl

Am 19. Februar wurden im hessischen Hanau 9 Menschen kaltblütig ermordet. Der Täter schoss an verschiedenen Tatorten gezielt auf Menschen mit Migrationshintergrund. Die seit Jahrzehnten von Staat, Behörden und Polizei unterschätze Gefahr des rechten Terrors hat mal wieder zugeschlagen. Aber das Motiv des psychisch kranken Einzeltäters wird medial und von diversen Politikern in den Vordergrund gestellt. Die Verharmlosung des rechten Terrors nimmt ihren Lauf. Die Theorie des Einzeltäters scheint jedoch in die Brüche zu gehen. Politik und Sicherheitsbehörden können diese Illusion nicht mehr aufrechterhalten.

Nach dem Attentat versammelten sich am Samstag, den 22. Februar, ca. 10 Tausend Menschen in Hanau für eine bundesweite Demonstration gegen den steigenden Rechtsruck und den rechten Terror in Deutschland. Die Stimmung war einerseits geprägt von Erschütterung und Trauer, andererseits war die Wut der Menschen unüberhörbar: Das Besondere: Menschen mit und ohne Migrationshintergrund standen zusammen. Menschen mit einem gemeinsamen Ziel, unabhängig von Herkunft und Nationalität. Die Gemeinsamkeiten sind die entscheidenden Faktoren, nicht die Unterschiede. Daher ist zu begrüßen, dass Organisationen wir die DIDF (Föderation demokratischer Arbeitervereine) sich immer stark dafür gemacht haben, gemeinsam aktiv zu sein, statt sich spalten zu lassen.

In den folgenden Tagen nach dem Anschlag konnte jedoch beobachtet werden, dass einzelne Türkei-Fahnen auftauchten, später sogar einige Tausend „Türken“ und parallel „Kurden“ lautstark demonstrierten und um ihre eigenen Leute trauerten. Obwohl die Forderung gleich ist -nämlich ein sicheres Leben ohne Rassismus und ohne rechten Terror- begaben sich einige genau in die Kategorie, die sie vermeintlich ablehnen: Nationalismus und Rassismus. Die Antwort auf deutschen Rassismus darf und kann aber niemals türkischer (oder afghanischer/bosnischer/polnischer/usw) Nationalismus sein.

Akademische Antirassismus-Diskussionen nach Hanau

Was aber neu in dieser Situation ist, ist eine andere akademische Diskussion, die vor allem auf deutscher Seite geführt wird. Während die von Rassismus betroffenen Menschen ihren Platz hierzulande suchen und sich immer stärker mit der politischen Situation in Deutschland auseinandersetzen, werden sie konfrontiert mit dem Begriff ,,People of Color‘‘ (PoC). Dieser Begriff – und der dahintersteckende Ansatz für die Ursache von Rassismus – wurde anfänglich nur in akademischen und linken Kreisen verwendet. Doch aktuell kann man diese Begriffe immer häufiger hören, immer häufiger sind Debatten bestimmt von Begrifflichkeiten wie diesem. Zu beobachten ist dies vor allem auf Social-Media-Kanälen oder auch auf Demonstrationen wie zuletzt in Hanau, auf denen suggeriert wird, dass ,,POC‘‘ als Selbstbezeichnung von MigrantInnen gilt. In der Realität schaut es jedoch anders aus. Kaum Menschen mit Migrationshintergrund nutzen diesen Begriff für ihre Identitätszugehörigkeit, außer eben einige Wenige, die sich im akademischen und linken Milieu bewegen. Mit dem Begriff wird vor allem versucht, alle ,,Nicht-Weißen‘‘ Menschen zusammenzufassen und ihnen eine vereinte Identität, eine Gruppen-Identität, zu geben. Es wird versucht, alle „Weißen“ in eine Täterposition zu rücken und sie als Ursache für den Rassismus in Deutschland zu identifizieren. Dieser Ansatz fasst das Problem aber keinesfalls an der Wurzel. Sind denn die „Weißen“ die Ursache, wenn auch sie einen gemeinsamen antifaschistischen Kampf bestreiten wollen? Vor allem: Sind denn die „Weißen“ die Ursache, wenn sie selbst Diskriminierung erfahren aufgrund ihrer sozialen Zugehörigkeit? Im Gegenteil sollen alle „nicht-weißen“ zusammengehören und die „weißen“ sollen ihre Schnauzen halten.

Kampfbegriff „PoC“ soll antirassistischen Kampf schwächen

„People of Color bezieht sich auf alle rassifizierten Menschen, die in unterschiedlichen Anteilen über afrikanische, asiatische, lateinamerikanische, arabische, jüdische, indigene oder pazifische Herkünfte und Hintergründe verfügen.“, so der Forscher Kein Nghi Ha. Unklar bleibt bei dieser Definition, was Ha unter „unterschiedlichen Anteilen“ versteht: ob diese Anteile sich auf eine biologische Abstammung oder kulturelle Herkunft – oder beides – beziehen. Im Prinzip wird hier eine imaginäre Gemeinschaft auf Basis rassifizierter Kriterien konstruiert, die selber rassistisch ist, weil sie sich auf biologische Abstammungen und / oder Kultur bezieht. Einfach alle „Nichtweissen“ unabhängig von sozialer und ökonomischer Herkunft in eine Schublade zu stecken, vernachlässigt mit Absicht (!) die Klassenzugehörigkeit. Dabei hat ein weißer Arbeiter und ein schwarzer Arbeiter viel mehr miteinander gemeinsam, als eine Frau Merkel mit der deutschen Putzkraft bei Siemens.

Die Bedingung für Rassismus ist die soziale Ungleichheit!

Der steigende Rechtsruck und der rechte Terror wie zuletzt in Hanau sind die Konsequenz der Politik vergangener Jahre. Durch die steigende soziale Ungleichheit, Armut und Perspektivlosigkeit bekommt Rassismus immer mehr Zuspruch. Das heißt natürlich nicht, dass Arm sein oder Arbeitslos zu sein automatisch zum Rassismus führt, vielmehr nutzen die Demagogen diese Missstände für ihre rassistische Politik. Der ausschlaggebende Punkt hierbei sollte aber sein, dass die sozialen Missstände in den Hintergrund gerückt werden sollten aber stattdessen der Grund für die gesamtgesellschaftlichen Probleme auf die Existenz von MigrantInnen geschoben wird. Dies führt nur dazu, dass Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gespalten werden und nicht gemeinsam für ihre sozialen Probleme hierzulande einstehen können. Wer profitiert von dieser Spaltung? Hinter den Akteuren in der politischen Landschaft stecken Lobbyisten, welche nur für die Profite von Eliten und Konzernen einsetzen. Und genau diese sind die einzigen in der Gesellschaft, die von einer Spaltungspolitik profitieren. Denn der Gedanke von einem gemeinsamen Kampf aller Menschen, die systematisch ausgebeutet werden, lässt die Eliten und Konzerne zittern.

Zusammenhalt und Solidarität statt Spaltung!

AntifaschistInnen – vor allem in Zeiten wie diesen – sollten alle an einem Strang ziehen und gemeinsam Widerstand leisten gegen jegliche Art von Diskriminierung und keine weiteren Spaltungen in Nation oder Hautfarbe zulassen. Es gilt, die soziale Frage in den Vordergrund zu rücken, um auch den gemeinsamen Kampf gegen Rassismus zu bewältigen. Alle sind betroffen von den Missständen, neoliberaler Politik, sozialen Kürzungen und dem Präkariat hierzulande, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund.