200 Jahre Friedrich Engels: Von der Utopie zur Wissenschaft

Sedat Kaya

2020 ist das 200. Jubiläum des Geburtsjahres von Friedrich Engels, der am 28. November 1820 in Barmen zur Welt kam. Sein Vater war ein wohlhabender Baumwollfabrikant, mit dem Engels jedoch schon früh in Widerspruch geriet. Er schlug einen Weg ein, der ihn von seiner eigenen sozialen Herkunft unterscheiden sollte: als Weggefährte von Karl Marx (1818 – 1883) entwickelte er mit ihm gemeinsam den wissenschaftlichen Sozialismus, der als Weltanschauung und Programm der Arbeiterbewegung dienen sollte. Von der Philosophie und den Naturwissenschaften bis hin zur Ökonomie und Soziologie – Engels leistete einen enormen Beitrag dazu, den Sozialismus seiner Zeit weiterzubringen und ihn von einer Utopie zur Wissenschaft zu entwickeln.

Obwohl er sich eigentlich nicht über seine eigene gesellschaftliche Lage beklagen konnte, fing er während seiner Ausbildung zum Kaufmann in Bremen bereits an, kritische Texte über das Deutsche Kaiserreich zu veröffentlichen. Während seines Militärdienstes in Berlin verbrachte er dann viel Zeit an der Universität und besuchte Vorlesungen zur Philosophie.

Die Gesellschaft richtig herum verstehen

Sowohl in der Universität als auch in der intellektuellen Welt des Deutschen Kaiserreichs, dominierten die Ideen von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Hegel entwickelte unter anderem die Philosophie der Dialektik, die Lehre der Bewegung. Demnach ist die Welt in einem ständigen Wandel und geprägt durch den Kampf von Gegensätzen, die die Grundlage für jeden Fortschritt bilden. Aus einigen Schülern Hegels bildeten sich die Junghegelianer heraus, wozu sich auch Engels zählte. Die meisten der Junghegelianer verstanden den geschichtlichen Fortschritt als ein Produkt des „Kampfes der Ideen“ und sahen ihre Aufgabe insbesondere im Kampf gegen die Religion, als eine der reaktionärsten Ideen ihrer Zeit. Einer von ihnen, Ludwig Feuerbach, ging noch weiter. Er entwickelte die Philosophie des Materialismus, die von einer real existierenden Außenwelt ausgeht, die es unabhängig von unseren Gedanken gibt. Diese Erkenntnis, die in den heutigen Naturwissenschaften zum Beispiel ganz selbstverständlich ist, war zu Engels Zeiten etwas Besonderes. Engels blieb zwar Anhänger der Dialektik, wandte sich aber auch dem Materialismus zu. Darum beschäftigte er sich mit den materiellen und besonders den ökonomischen Begebenheiten seiner Zeit – von hier aus waren die gesellschaftlichen Probleme nämlich besser zu begreifen. Im November 1842 reiste Engels über Köln, wo er Marx zum ersten Mal persönlich begegnete, nach Manchester, wo er seine kaufmännische Ausbildung in der Baumwollspinnerei seines Vaters beenden sollte. Er veröffentliche dort im Jahre 1844 seine Schrift „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“. Seine Ideen fanden bereits damals Gehör in der internationalen Arbeiterbewegung und waren ein erster Schritt zu einer theoretischen Erklärung für die schlechte Lage der Arbeiterklasse in England, welches bereits viel weiter industrialisiert war als Deutschland zu dieser Zeit.

Engels und Marx: Mehr als nur eine Freundschaft

Marx und Engels standen seit ihrer ersten Begegnung in Kontakt und tauschten sich über ihre Ideen aus. Engels hatte in England die harte Realität der Arbeiterklasse kennengelernt und begonnen, sich auch praktisch in der Arbeiterbewegung zu engagieren. Auch seine zunehmende Beschäftigung mit der Ökonomie verband ihn mit Marx, der seine Schrift zur Nationalökonomie später als Grundlage für „Das Kapital“ nutzte. Die beiden begannen immer mehr gemeinsam zu arbeiten und Engels kehrte nach Barmen zurück, verbreitete dort die Ideen des Sozialismus und versuchte auch die Theorien von Marx innerhalb der Arbeiterbewegung zu verbreiten. Sie veröffentlichen gemeinsam im Februar 1845 das Werk „Die Heilige Familie“, in dem sie materialistischen und sozialistischen Ideen verbanden. Engels veröffentliche im März 1845 das Werk „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, welches auch die bürgerlichen Schichten erstmals auf die Arbeiterklasse und ihre miserable Situation aufmerksam machte. 1847 erarbeiteten Marx und Engels das „Manifest der Kommunistischen Partei“ als Programm des „Bund der Kommunisten“, dem sie beide angehörten. Dieser Bund stellte die erste Kommunistische Partei der Geschichte dar. Engels finanzierte durch sein Einkommen als Fabrikant ebenfalls Marx Fertigstellung des „Kapitals“ im Jahre 1867. Engels und Marx verband ein freundschaftliches, intellektuelles und praktisch-politisches Verhältnis, sodass die Werke der beiden nicht ohne einander gedacht werden können.

Der Sozialismus – Von der Utopie zur Wissenschaft

Ab den 1870er Jahren vertiefte Engels sich in philosophische Probleme der Naturwissenschaften. Er wollte die dialektische und materialistische Philosophie und die bahnbrechenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit verbinden. Darum veröffentlichte er 1878 das Werk „Herr Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft“ (Anti-Dühring) und erarbeitete von 1873 bis 1882 die Grundlagen des Werks „Dialektik der Natur“.  Engels formuliert in diesen Werken die drei Grundgesetze der Dialektik und zeigt auf, dass sich dieselben Bewegungsgesetze auch in der Natur wiederfinden lassen. Im Jahr 1880 veröffentlicht er den Aufsatz „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ und kritisiert darin die sogenannten „utopischen Sozialisten“, da ihre Vorstellungen von einer besseren Welt nur auf abstrakten Ideen der Vernunft oder Moral basierten. Engels widersprach diesen Ideen, die er für starr hielt, denn er war der Auffassung, dass die menschliche Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen darstellt. Diese entwickeln sich auf vielfältige Art und Weise und Engels war es wichtig, die Gründe für diese Entwicklungen auch wissenschaftlich zu erklären. Darum stellte er durch seine Arbeiten auch die Kritik am Kapitalismus auf eine wissenschaftliche Ebene. Auf dieser Basis konnte die Arbeiterbewegung ihre Weltanschauung und ihr Programm zur Beseitigung dieses Systems erst entwickeln und war nicht mehr auf utopische Erklärungen angewiesen. Diese Erkenntnis erklärt auch den Namen des Textes und war nach Engels ausschlaggebend, um die Befreiung der Arbeiterklasse ernsthaft anzugehen.

Friedrich Engels: Keine Nebenrolle

Mit dem Tod von Marx im Jahre 1883 war ein wichtiger Protagonist der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung verloren gegangen. Engels mischte sich deshalb noch intensiver in die Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie ein. Gleichzeitig übernahm er die Aufgabe, die Werke von Marx zu bearbeiten und herauszugeben, sowie deren Übersetzung in verschiedene Sprachen zu organisieren. Neben einer neuen Herausgabe des ersten Bandes von „Das Kapital“, veröffentlichte er aus dem Nachlass von Marx auch den zweiten und dritten Band des Werkes. 1884 veröffentlichte er das Werk „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, in dem Engels auf die Anfänge der Gesellschaft eingeht, insbesondere auf die Herausbildung des Patriarchats und der Unterdrückung der Frau. Mit diesem Werk leistete er einen enormen Beitrag für die Diskussion um die Befreiung der Frau, der von der proletarischen Frauenbewegung später noch einmal aufgenommen werden sollte. Engels starb am 5. August 1985 in London. Auch wenn man den Begriff des „Marxismus“ häufig auf die Person Marx beschränkt, so sehen wir, dass Marx ohne Engels niemals dieselbe Wirkungskraft hätte entfalten können. Dabei setzt Engels wissenschaftliche Maßstäbe: u.a. waren seine ökonomischen Schriften die Grundlage, auf denen Marx in seinem berühmten „Kapital“ aufbaute. Auch seine Schrift zur Lage der Arbeiterklasse in England kann als einer der ersten Beiträge zur Soziologie, die erst später zur eigenständigen Wissenschaft wurde, verstanden werden. Sein praktischer Anteil an der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung kann nicht unterschätzt werden. Deshalb lohnt es sich, das aktuelle Jahr zum Anlass zu nehmen, sich mit dem Werk von Engels in all seinen Facetten zu befassen.