Corona – Vorsichtig aber nicht hysterisch

OKTAY DEMİREL

Weltweit haben sich inzwischen mehr als 110000 Menschen in rund hundert Ländern angesteckt. Nach einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP stieg die Zahl der Todesopfer am Montag auf mehr als 3800. Davon mittlerweile 2 in Deutschland, wie am 9. März berichtet wurde: Eine 89-jährige aus Essen und ein 78-jähriger aus Heinsberg starben an dem „Corona“-Virus, der mit richtigem Namen SARS-CoV-2-Virus heißt. Sicherlich werden (auch in Deutschland) noch weitere Opfer folgen.

Die Krankheit verläuft in zirka 80 Prozent der Fälle unbemerkt oder relativ mild wie ein grippaler Infekt: Husten, Schnupfen, Halsschmerzen, Fieber, manchmal auch Durchfall. Insbesondere bei älteren und immunschwachen Menschen kann es zu Atemnot und zu einer Lungenentzündung kommen, die auch tödlich verlaufen kann. Auch wenn vor allem in China auch mehrere junge Menschen verstarben, sind die meisten Opfer alte oder immungeschwächte Menschen. Die Sterberate liegt bei ca. 3,4%. Aber eine deutschlandweite Hysterie umtreibt die Menschen. Während 52% der Deutschen bei einer Befragung im Auftrag für das Handelsblatt angaben, dass die Reaktionen zu übertrieben seien, nehmen Hamsterkäufe nicht ab. Es ist schwer, an Desinfektionsmittel und Feuchttücher heranzukommen.

Gesundheitssystem kaputtgespart

China sei weit weg, hatte Gesundheitsminister Spahn anfänglich verlauten lassen. Deutschland sei bestens vorbereitet. Es seien „Einzelfälle“, die man gut beherrsche. Mittlerweile, mit den ersten Toten in Deutschland ist klar, die Krankheit macht auch in Deutschland nicht halt. Virologen und die WHO sehen eine weltweite Pandemie im Anmarsch. Als Jens Spahn gezwungen war, zuzugeben, dass eine weitere Ausbreitung nicht mehr zu verhindern sei, erklärte er kurz darauf, dass es zu wenig Schutzmasken und einen Notstand bei Schutzkleidung für das medizinische Personal gebe. Also war Deutschland anscheinend nicht „bestens vorbereitet“ und ließ die Zeit seit dem 8. Dezember 2019, als die Krankheit in China zum ersten mal ausbrach, einfach verstreichen, ohne ernsthafte Vorkehrungen zu treffen. Somit kämpfen wir nun mit den Folgen des Kaputtsparens des hiesigen Gesundheitssystems. Das Personal ist knapp und bereits im Normalbetrieb überlastet. Gesundheitsexperten warnen, dass es katastrophal werden könnte, wenn Mitarbeiter in Krankenhäusern selbst erkranken. Darüber schweigt Spahn gerne.

Rechtzeitige Beschränkungen von Flugreisen, effektive Kontrollen, ggf. Verbot von Massenveranstaltungen wie Karneval hätten die Ausbreitung zumindest verzögern und damit wertvolle Zeit für eine bessere Vorbereitung bringen können. Doch das hätte dem Profit geschadet. Deshalb zögerte Jens Spahn und die Bundesregierung damit, solche Einschränkungen anzuordnen und kommt jetzt nicht nach mit der Einschränkung der Krise hinterher.

Mediale Hysterie

Aber ist die Relation wirklich noch verhältnismäßig? Selbstverständlich sollte die Gefahr auf keinen Fall unterschätzt werden. Tausende Menschen starben bereits an Corona. Aber: im Vergleich zu anderen viralen Erkrankungen oder gesellschaftlichen Risiken verhält sich das neue Virus bislang eher harmlos. Jeden Tag kommen in der Welt mehr Menschen im Verkehr um, als bislang an Corona. Jeden Tag sterben 24000 Menschen an Hunger. Aber Corona scheint die Welt in Atem zu halten.

Weil viele Infektionen unbemerkt verlaufen, ist die tatsächliche Sterblichkeitsrate der Corona-Infektion schwer abzuschätzen. Von den bekannten und registrierten Zahlen ausgehend, kann man festhalten, dass jeder 30. Infizierte an den Folgen der Corona verstirbt. Das bedeutet: kein Grund für Panikstimmung – dennoch umsichtiges Verhalten! Eine weltweite Ausbreitung – eine Pandemie – könnte 0,5 bis 2 % der Weltbevölkerung töten, so schätzen Epidemiologen. Das tückische an dem Virus ist, dass die Krankheit erst 2 Wochen später ausbricht, d.h. bevor man die Symptome entwickelt, könnte man das Virus bereits schon weitergegeben haben, weshalb er bei vielen den Respekt bekommt, den er genießt, zusätzlich befeuert von Medien und Politik, die ein souveränes Krisenmanagement missen lassen.

Handlungsbedarf, erst als First Class betroffen

Was Corona aber deutlich vor Augen geführt hat, ist folgendes: Im Kapitalismus wird erst gehandelt,  wenn die  Wirtschaft  bedroht ist! Ähnlich wie bei vorherigen globalen Epidemien SARS, MERS, H1N1: Erst dann, wenn eine Krankheit die Grundlagen der Produktion bedroht und auch die Menschen in der First und Business Class der „Weltgemeinschaft“ betrifft, gibt es plötzlich enormen Handlungsbedarf und ebenfalls finanzielle Mittel, die für die chronischen Hungerleider der Welt oder medizinische Bedürftige (auch im Westen!) nie zur Verfügung stehen.

Das Münchener Ifo-Institut spricht von einer ökonomischen Bedrohung der Weltwirtschaft. 39 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in China kommen aus dem Binnenmarkt. Durch die ökonomischen Auswirkungen der Maßnahmen gegen das Corona-Virus sind Kauf und Verkauf erheblich eingeschränkt und Arbeitskräfte fallen zu Tausenden aus. Ein Unterschied zur früheren SARS-Pandemie von 2003: Mittlerweile hat China inzwischen einen Anteil von 18 Prozent am weltweiten Bruttoinlandsprodukt, statt nur 4 Prozent. Wenn dort ein Sach Reis umfällt, spürt es die ganze Welt! Die Produktion in Deutschland und zahlreichen anderen Ländern ist von Vorprodukten aus China abhängig. Damit nimmt diese Pandemie erstmals in einem erheblichen Umfang direkt negativen Einfluss auf die Weltwirtschaft. Sie wirkt vertiefend auf die Weltwirtschafts- und Finanzkrise, auf die wir uns seit Jahren zubewegen, wie die Krise in der Automobilindustrie es immer deutlicher zeigte. Der weltweite Einbruch der Börsen in der ersten Zeit der Epidemie vernichtete allein 5 Billionen Euro.

Aktuell zeigt sich erneut, wie labil die Weltwirtschaft mittlerweile geworden  ist, und wie anfällig  für die Auswirkungen von ökonomischen, politischen, ökologischen oder gesundheitlichen Störungen. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) schlug ein sogenanntes Konjunkturprogramm vor, falls es „wegen Corona“ nötig würde. Wünschenswert wäre es, die Gesundheit aller Menschen der Welt immer vor Augen zu halten und nicht nur bei Krisen, die auch Europa treffen, zu handeln. Aber solange auch die Gesundheit auf Profit aufgebaut ist, können wir kein effektives Krisenmanagement erwarten!