Klassenkampf in den Stadien

Protestwelle gegen die weitere Kommerzialisierung des Fußballs

Eren Gültekin–Nils Böhlke

Schon seit langem gärt es in den deutschen Fußballstadien. Nach und nach haben sich in den letzten Jahren Vereine an die Spitze der Bundesliga geschoben, die lediglich Investitionsobjekte reicher Unternehmer wie der SAP-Gründer, Dietmar Hopp oder auch der Red Bull-Gründer, Dietrich Mateschitz, sind. Stattdessen sind ehemalige Traditionsvereine in der sportlichen Bedeutungslosigkeit verschwunden. Dies ist Teil einer immer stärkeren Kommerzialisierung des Sports, die bei vielen Anhängern auf Unmut stößt. Seit fast zwei Wochen kippt die Stimmung in den Stadien nun zusehends.

Was ist genau passiert und worum geht es eigentlich?

Bei der Begegnung am 29. Februar zwischen den Bundesligisten 1899 Hoffenheim und dem FC Bayern München in Sinsheim, wo die Heimatstätte der Hoffenheimer ist, wurden während des Spiels Spruchbänder aus der Bayern Kurve mit den Aufschriften „Alles beim Alten: Der DFB bricht sein Wort, Hopp bleibt ein Hurensohn!“ und „Du Hurensohn“ hochgehalten. Dies wiederum führte zweimal zu einer Spielunterbrechung und schließlich zu einem Protest der Mannschaften indem die Spieler der Teams in der letzten Viertelstunde des Spiels nur noch den Ball hin und her schoben. Der eigentliche Grund für die Aktion der Ultras und Fans ist die Haltung des DFB (Deutsche Fußball-Bund). Es geht den Ultras um die Kollektivstrafen, das heisst um die Schließungen eines ganzen Blocks bis hin zu Geisterspielen in leeren Stadien und um die Kommerzialisierung des Sports. Die Reaktion an diesem Tag war die Antwort auf die Entscheidung des DFB-Sportgerichts, dass es in den beiden Spielzeiten 2020/21 und 2021/22 bei den Begegnungen zwischen Hoffenheim und Dortmund keine Teilnahme der Dortmunder Anhänger geben darf. Somit wurde eine ganze Kurve bestraft, für eine Handlung, die am 20. Dezember 2019 während des Gastspiels dieser beiden Teams stattfand. Auch hier gab es Beleidigungen gegen Dietmar Hopp.

Dietmar Hopp: IT-Unternehmer und Club Besitzer

Was ist der Grund für die ganzen Beleidigungen gegen Dietmar Hopp? Dieser ist einer der reichsten Deutschen und Mitbegründer des IT-Unternehmens SAP. Vor gut 10 Jahren schaffte das Team mit seiner finanziellen Unterstützung den Aufstieg aus der untersten Liga der Kreisliga bis in die Bundesliga, das wäre ohne die Unterstützung Hopps nie möglich gewesen. Insgesamt hat der Unternehmer mit einem Vermögen von mehr als 13 Milliarden Euro über 350 Millionen Euro investiert. Ausgerechnet diese Investitionen wurden 2014 zur Begründung, weshalb 1899 Hoffenheim gegen die sogenannte 50+1 Regel verstoßen durfte. Nach dieser Regel darf eigentlich kein Investor mehr als die Hälfte der Anteile eines Vereins besitzen. Für Dietmar Hopp gilt diese Regel aber nicht. Für ihn gibt es eine Ausnahmegenehmigung, weil seine Investitionstätigkeit sich über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren erstreckt. Somit ist es kein Problem, dass er ganze 96 Prozent der Anteile an der 1899 Hoffenheim übernahm.Vor allem wird seine Person für die Rückkehr der Kollektivstrafe verantwortlich gemacht, auf die nach Angaben des Verbandes im Jahr 2017 eigentlich zukünftig 2017 verzichten wollte. So erklärte der damalige DFB Präsident Reinhard Grindel „bis auf Weiteres darauf zu verzichten, Strafen zu beantragen, die unmittelbare Wirkung auf Fans haben, deren Beteiligung an Verstößen gegen die Stadionordnung nicht nachgewiesen ist.“ Die Anfeindung von Hopp und der Dortmunder Fans sind auch zurückzuführen auf das Jahr 2011, damals setzte man gegen die Dortmunder Kurve eine Schallwerfer-Anlage ein, die hochfrequente, extrem störende Geräusche erzeugte, wann immer die Dortmunder Gästefans gegen Hopp oder den Fussballverein riefen. Durch den damaligen öffentlichen Druck gestand der Club dies mit einer Mitteilung auf ihrer Homepage und es folgten weitere Geständnisse, dass dies mehrmals unter dem Gästeblock positioniert wurde, bei Spielen gegen Mainz, Frankfurt und Köln. Gegen Teams, die bekannt für ihre sehr kritische Haltung gegenüber Hoffenheims Geldgeber, dem Milliardär Dietmar Hopp sind.

Spielabbrüche bei Rassismus statt Milliardären

Natürlich war die Ausdrucksweise der Fans an diesem Tag nicht besonders progressiv, aber es ist eine Tatsache, dass es im Anschluss erstmals seit langem wieder eine öffentliche Debatte über ein Anliegen der Fans gab: Gegen die Kommerzialisierung des Fussballs. Und auch wenn die Bundesliga noch lange nicht wie beispielsweise die Englische Premier League fast ausschließlich von reichen Milliardären geführt wird, sind bereits erste Anzeichen dafür vorhanden. Unternehmer wie Dietmar Hopp sind kein Einzelfall, auch Leverkusen und Wolfsburg werden von großen Konzernen geführt. Der bekannteste unter ihnen ist der RB Leipzig. Diese haben durch ihre Förderer höhere Chancen, im Wettbewerb zu bleiben, als die Traditionsvereine, die zwar meist auch von Sponsoren finanziert werden, deren Einflussnahme auf die Entscheidungen im Verein aber nicht so direkt spürbar und so ausschließlich ist, wie eben bei den oben genannten Clubs. Am Beispiel des RB Leipzigs der vom Getränkehersteller Red Bull geführt wird, sieht man, wie große Konzerne durch die Förderung von Fußballvereinen für eigene Zwecke Marketing betreiben und hierfür auch den Sport ausnutzen. Deshalb müssen die Rufe der Fans und der Ultras ernst genommen werden. Anstatt sich gegen die Kommerzialisierung des Fussballs einzusetzen, fördert der DFB diese, in dem er mit Kollektivstrafen gegen Ultras vorgeht, die 50+1 Regel missachtet und die Kommerzialisierung gar fördert. Wenn es um die bösen Ultras geht, werden alle Maßnahmen gebilligt, so sollen diese mittels Filmaufnahmen identifiziert werden. So erklärte der Vorsitzende des FC Bayern  Rummenigge, diese „müssen natürlich damit rechnen, dass sie nachhaltig von Bayern München bestraft werden“. Da stellt sich die Frage, weshalb ausgerechnet bei diesem Fall mit dieser Härte vorgegangen wird, bei rassistischen Äußerungen in den Stadien dagegen kaum etwas passiert. Sind die Milliarden dieser wenigen Menschen wichtiger, als die Interessen der Spieler und Fans, die mittlerweile aufgrund ihrer Herkunft, Farbe oder Religion regelmäßiger attackiert werden. Erst eine Woche vor dem Spiel zwischen Hoffenheim und dem FC Bayern wurde der Hertha-Spieler Jordan Torunarigha beim Spiel gegen Schalke von dessen Fans mehrmals rassistisch beleidigt und als ihm schließlich die Nerven durchgingen, wurde er sogar mit einer gelb-roten Karte vom Platz gestellt. Da stellt sich die Frage, weshalb in dem Moment nicht genauso gehandelt wurde und das Spiel gar unterbrochen wurde? Offensichtlich geht es mehr darum, die Investoren zu schützen, als auf Menschenwürde oder gegenseitigen Respekt zu setzen, wie der Verband immer großspurig verlautbart. Die richtige Reaktion zeigten die Fans am vergangenen Wochenende, als in vielen Stadien auf diese Heuchelei hingewiesen wurde.