Nach Siemens schlappe: Kann Alstom Bombardier übernehmen?

Erdem Sögüt

Kaum ist ein Jahr nach der EU-Absage an die Siemens-Alstom Fusion vergangen, wagt der französische Schienenfahrzeughersteller den nächsten Versuch, zum Weltmarktführer zu werden; durch die Übernahme von Bombardier. Währenddessen sehen sich Alstom-Beschäftigte weiteren Lohnkürzungen ausgesetzt.

Europa brauche einen industriellen Champion, um die Chinesen zu stoppen, wurde von den Vorständen von Siemens und Alstom verkündet, um ihr Fusionsvorhaben zu begründen. Wäre der Deal geglückt, wäre das Kombinat aus Alstom und Siemens Mobility der größte Eisenbahnbauer in Europa und weltweit geworden. Das sah allerdings auch Margrethe Vestager von der EU-Kommission und unterband das Vorhaben.

Doch weshalb wurde dieser Deal unterbunden? So behaupteten Siemens und Alstom, dass der chinesische Eisenbahnbauer CRRC mit 30,5 Mrd. € Umsatz den Markt dominieren würde. Siemens und Alstom würden es zusammen gerade einmal auf 15,3 Mrd. € bringen. Macht eine Zusammenführung da also nicht Sinn? Sind die Eisenbahnmärkte nun der CRRC ausgeliefert?

Nicht ganz. Denn während CRRC tatsächlich einen so hohen Umsatz erzielt, stammt dieser zu knapp 91% aus dem chinesischen Binnenmarkt.[1] International spielt CRRC entsprechend mit ca. 3 Mrd. € Umsatz kaum eine Rolle, denn sowohl Alstom als auch Siemens Mobility können einen Umsatz von jeweils etwa 9 Mrd. € vorweisen. Gemeinsam wären sie also international sechsmal so umsatzstark wie CRRC. Und es gibt einen Dritten im Bunde: Bombardiers Umsatz liegt mit ihrer Eisenbahnsparte ebenfalls bei 3 Mrd. €.[2]

Entsprechend versucht Alstom nun, sich durch die Übernahme von Bombardier zu einem Monopol im Eisenbahnbau zu avancieren. Während CRRC in den ersten drei Quartalen des Jahres 2018 gerade einmal 20% ihres Jahresziels realisieren konnte, hatte Siemens Eisenbahnsparte die internen Ziele zum 21-mal in Folge erfüllen können. Ähnlich volle Auftragsbücher hat auch Alstom zu verzeichnen.

Es zeigt sich deutlich, dass die Entscheidung der EU-Kommission, die Richtige war. CRRC stellt auf internationaler und auf europäischer Ebene keinen großen Konkurrenten dar. Jedoch hätte eine Siemens-Alstom Fusion eben jenes Monopol im Eisenbahnbau geschaffen, vor welchem die beiden Unternehmen im Hinblick auf CRRC gewarnt haben.

Doch so leicht gibt Alstom nicht auf. Das Unternehmen hat seine Kaufabsicht über die Eisenbahnsparte von Bombardier verkündet, was Alstom in eine ähnlich dominante Position bringen würde, wie wenn es mit Siemens Mobility zusammengegangen wäre. Dabei wird voraussichtlich wieder das Argument fallen, es müsse ein Gigant geschaffen werden, der es mit CRRC aufnehmen kann; und zwischenzeitlich kam dazu, dass CRRC nun Vossloh, von der jede vierte Diesellok in Europa gebaut wurde, übernimmt.[3] Mit Hinblick auf den fallenden Marktanteil von Dieselzügen aufgrund von Umweltschutzregularien ist aber auch hier die vermeintliche Bedrohung fraglich.

Klar ist jedoch, dass durch die Übernahme Bombardiers durch Alstom, 48% der europäischen elektrischen Pendlerzüge von ein und demselben Unternehmen stammen würden.[4] Hier ist erneut eine absolute Marktdominanz absehbar, weshalb es naheliegend wäre, dass die EU-Kommission diesen 6,2 Mrd. € Deal auch untersagt.

Das letzte Wort ist jedoch noch nicht gesprochen, denn es könnte durchaus sein, dass dominierende Kapitalgruppen in Europa genügend Druck auf die EU aufbauen können, um diese Übernahme zugelassen zu bekommen. Das Kapital ist in einer Krise, in der es in jeder Ecke neue Anlagemöglichkeiten sucht.

Während Alstom über 6 Mrd. € für die Übernahme Bombardiers anbieten kann, streicht sie sich das nötige Kleingeld bei den Angestellten zusammen. Im Werk in Salzgitter wurde erst Ende letzten Jahres eine Betriebssicherungsvereinbarung getroffen, in der die Beschäftigten ab April 2020 durchschnittlich 1900€ pro Jahr an Urlaubsgeld und Zulage verzichten. Doch noch bevor die Lohnkürzung greift, wurde gleich die nächste hinterher geschoben: Durch den „Umbau des Prämiensystems“ wird ein Teil des Gehalts nun an die Pünktlichkeit der Fahrzeugübergabe und die Qualität der Fahrzeuge geknüpft, wodurch allen Beschäftigten der Lohn um bis zu 4,5% gekürzt werden kann.

Von einer schlechten Auftragslage kann angesichts der Berichterstattung und der Kaufkraft des Unternehmens nicht die Rede sein; es ist der Profitdruck, der die Lohnkürzungen hervorruft. Gerade durch den wirtschaftlichen Schaden, den das Coronavirus erzeugt hat, rutscht der Kapitalismus in eine tiefere Krise, in der sich Angriffe auf die Rechte der Arbeiter und Angesteltlen weiter verschärfen werden. Dagegen hilft nur entschlossener Widerstand.

[1]             _ https://www.institutmontaigne.org/en/blog/europe-china-rail-competition-bigger-better

[2]             _ https://www.bloomberg.com/toaster/v2/charts/948de6aa535142328a8f41ec686d09f1.html?brand=view&webTheme=view&web=true&hideTitles=false

[3]             _ https://www.bloomberg.com/news/articles/2019-08-28/german-locomotive-takeover-gives-china-cheap-route-into-europe

[4]             _ https://www.bloomberg.com/news/articles/2020-02-19/alstom-bombardier-seek-to-avoid-path-that-derailed-siemens-deal