Corona-Pandemie hat Auswirkungen auf prekär Beschäftigte

Sinem Yesil

Die Corona-Pandemie hat sichtbare Auswirkungen auf die Weltbevölkerung und die verschiedenen Staaten. In Bayern, Sachsen und NRW herrscht bereits ein „Kontaktverbot“ bzw. Ausgangssperre und die anderen Bundesländer schließen diese Maßnahme grundsätzlich nicht aus. Indes richtet sich Bundeskanzlerin Merkel in ungewohnter Weise mit ihren Ansprachen an die deutsche Gesellschaft und fordert mehr Solidarität und social distancing. Während viele Menschen bereits von zu Hause aus im Home Office arbeiten, wenn ihre Arbeitsbedingungen es zulassen, sind weiterhin viele Menschen, die diese Möglichkeiten nicht haben, täglich unterwegs zu ihrer Arbeit. Ferner sorgen Entlassungen und Kurzarbeitergelder für weitere Probleme innerhalb der Belegschaften.

Die Krise wirkt sich am stärksten auf prekär Beschäftigte aus. Menschen, die im Niedriglohnsektor, in Teilzeit, Leiharbeit, Minijobs et cetera arbeiten sind die größten Leidtragenden dieser Misere. Die kürzlich durchgesetzte Reform des Kurzarbeit-Gesetzes garantiert Lohnkostenzuschüsse bereits bei einem Arbeitsausfall, der zehn Prozent der Belegschaft betrifft. Interessant ist, dass Kurzarbeitergelder auch befristet an Leih-und Zeitarbeitende vergeben werden sollen. Zuvor wurde der Arbeitsausfall in diesen Bereichen als gängiges Risiko anerkannt. Fraglich ist, wie Leih- und Zeitarbeitende nach dem befristeten Lohnkostenzuschuss ihren Lebensunterhalt finanzieren sollen, wenn dieser, wie erwähnt, nur befristet verlaufen soll. Inwiefern zukünftige Kurzarbeitergeld-Empfänger mit einem Lohnkostenzuschuss von lediglich 60-68 Prozent des Nettoeinkommens ihre Mieten sowie weitere existentielle Lebensgrundlagen stemmen sollen, bleibt ebenso fraglich.

Pflegenotstand vor und in Zeiten des Covid-19

Vor den krisenhaften Auswirkungen, die das Virus mit sich gebracht hat, spuckten Politiker große Töne. Gesundheitsminister Spahn sprach sogar von Überkapazitäten der Krankenhäuser und davon, dass Deutschland bestmöglich ausgestattet sei. Die aktuelle Situation weist jedoch alles andere als Überkapazitäten auf. Pflegepersonal, Reinigungskräfte, Ärzte und weitere medizinische Angestellte in Krankenhäusern und Arztpraxen kommen tagtäglich an ihre Grenzen und arbeiten unter unzumutbaren Bedingungen. Während medial immerzu von der Methode social distancing zur Prävention gegen das Virus gesprochen wird, ist es Werktätigen aus dem Gesundheitssektor selbstverständlich nicht möglich, gewisse Sicherheitsabstände, geschweige denn freiwillige Quarantäne, einzuhalten. Sie müssen weiterhin tagtäglich zur Arbeit gehen, um die tendenziell ansteigenden Krankheitsfälle und Infektionen zu behandeln. Um eine bestmögliche Behandlung der Patienten und vor allen Dingen die professionelle Arbeit der Pflegekräfte und Ärzte zu gewährleisten, sind Schutzbekleidung, Atemschutzmasken, Handschuhe, Desinfektionsmittel u.v.m. unabdinglich für das Personal. Zurzeit mangelt es jedoch an sämtlichen Schutzmaterialien in Krankenhäusern und Praxen, sodass das Pflegepersonal mit weniger als notwendig auskommen muss und einem Infektionsrisiko ausgesetzt wird. Hinzu kommt, dass der ohnehin schon vorhandene Personalmangel in der Pflege, der bereits vor der Pandemie für dauerhaften Stress gesorgt hatte, durch die Krise nur weiter verschärft wurde. Die Schichten der Angestellten werden immer länger und auch die Belastung durch die Arbeit erhöht sich schlagartig durch den Anstieg der Patienten in den Einrichtungen. Es bleibt zudem nicht nur bei Überstunden, sondern zunehmende Sonderschichten und fehlende Pausen bringen weiteres Stresspotential für die Beschäftigten mit sich. All dies führt zu einer enormen psychischen sowie physischen Belastung innerhalb der Belegschaft und macht sie vor allem anfälliger für Infektionskrankheiten, einschließlich des Corona-Virus. Außerdem ergibt sich laut Angaben des Statistischen Bundesamts eine Zahl von über 85 Prozent an Frauen, die im Pflegebereich beschäftigt sind. Somit stellen die wachsenden Arbeitsanforderungen nach immer mehr Leistungsfähigkeit eine weitere Hürde für viele Frauen dar. Ein Großteil der arbeitenden Frauen übernimmt obendrein noch Aufgaben, die ihrem Geschlecht gesellschaftlich zugewiesen werden. Nach den langen Schichten im Krankenhaus oder in der Praxis stehen ihnen deshalb noch Aufgaben der Hausarbeit, Kindererziehung sowie in häufigen Fällen der Pflege von Angehörigen bevor. Somit sind in erster Linie weibliche Werktätige von dem Pflegenotstand betroffen, die dem Druck auf der Arbeit und zu Hause versuchen müssen, standzuhalten. Die Spitze des Eisbergs ist noch lange nicht erreicht, denn zusätzlich zu den genannten Problemen gibt es nicht ausreichend Kapazitäten zur Aufnahme von Patienten in Krankenhäuser. Es fehlt sowohl an Personal, als auch an technischen Gegebenheiten. Zu wenige Betten und Beatmungsgeräte u.v.m. stellen ein weiteres Manko des deutschen Gesundheitssystems dar. Seit Jahren wird an allen Ecken und Enden des Gesundheitssystems gespart. Auf der einen Seite werden immer mehr Krankenhäuser geschlossen, da sie nicht ausreichend Einnahmen erzielen können und auf der anderen Seite werden Beschäftigte im Pflegebereich trotz des anormalen Drucks, dem sie ausgesetzt sind, derart unterbezahlt. Zu sehen ist, dass die Bundesregierung durch ihre förmliche Kaputtsparpolitik ein Gesundheitssystem geschaffen hat, das Profite vor die Gesundheit der Menschen stellt und definitiv nicht auf eine Pandemie, wie die derzeitige, gewappnet ist. Die Politiker erwähnen seit der Corona-Pandemie immer häufiger die Wichtigkeit des Pflegepersonals oder der Angestellten in den Supermärkten et cetera. Die Wichtigkeit dieser Berufe war jedoch auf schon vor Auftritt des Virus vorhanden und die Politik sollte statt der vielen Danksagungen viel mehr auf die Forderungen der Beschäftigten eingehen. Denn bereits seit Jahren fordert das Pflegepersonal mehr Geld, Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen für ihren Beruf. Doch bis jetzt hat sich an dieser Situation nichts geändert und auch die vielen Worte der Anerkennung vonseiten der Politiker bringen kein täglich Brot auf den Tisch der Beschäftigten. Zurzeit erklären sich immer mehr Mitmenschen in Form vom abendlichen Applaus oder dem Befestigen von Transparenten an ihren Balkons oder Fenstern solidarisch mit denen, die täglich weiter zur Arbeit gehen müssen, um die Lebensgrundlagen der Gesellschaft zu ermöglichen. Der aktuelle Zusammenhalt innerhalb der Bevölkerung und die gegenseitigen Solidaritätsbekundungen zeigen, dass die Gesellschaft vereint viel mehr erreichen kann. Sämtliche solidarischen Aktionen der Gesellschaft gilt es deshalb zu unterstützen.